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Silvia Steiner über die Unklarheiten vor der Schulöffnung
Aus Tagesgespräch vom 28.04.2020.
abspielen. Laufzeit 27:23 Minuten.
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Unklarheiten vor Schulöffnung Gibt es dieses Jahr nur eine «Matura light», Frau Steiner?

Vor dem Bundesratsentscheid erklärt die oberste Erziehungsdirektorin, wie sich die Kantone die Schulöffnung vorstellen.

Der Bundesrat will am Mittwoch Klarheit schaffen und darüber informieren, wie die Schulöffnung in zwei Wochen vor sich gehen soll. Seine Entscheide stützt er auf den Austausch mit der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), der Vereinigung aller 26 kantonalen Bildungsminister.

Hier gibt es die Antworten auf die drängendsten Fragen mit Aussagen der EDK-Präsidentin Silvia Steiner, die Erziehungsdirektorin im Kanton Zürich ist. Sie sagt, wie der Präsenzunterricht gewährleistet und gleichzeitig das Schutzkonzept eingehalten werden soll – und warum es keine «Matura light» ist, wenn die Abschlussprüfungen ausfallen.

Silvia Steiner

Silvia Steiner

Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK

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Die Juristin ist seit 2015 als Bildungsdirektorin in der Zürcher Regierung. Seit 2017 präsidiert Steiner zudem die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK.

Welche Schutzmassnahmen soll es geben? Das Schutzkonzept orientiert sich an drei Eckpfeilern, aber lässt Handlungsspielraum. Es gelte vulnerable Personen zu schützen, ein Präventions- und Informationskonzept vorzulegen und Hygienemassnahmen zu treffen. «Wir können aber nicht den Anspruch haben, dass ab dem ersten Tag alles perfekt läuft. Man muss eine Chaosphase ertragen», sagt Steiner.

Schulzimmer
Legende: «Ich möchte keine Vorschriften für Hygienestationen der Marke XY machen, die 20 Zentimeter entfernt vor jeder Tür stehen müssen»: Steiner plädiert beim Schutzkonzept für Augenmass und gesunden Menschenverstand. Keystone

Ohne Einschränkungen im Unterricht wird es kaum gehen. Für Steiner ergibt es aber wenig Sinn, allzu penible Vorgaben von oben zu machen: «Es wird wohl sogar von Schulhaus zu Schulhaus etwas unterschiedlich sein. Denn jedes hat eine eigene Schulkultur.» Auch die Infrastruktur sei jeweils anders und müsse berücksichtigt werden.

Werden Schulkinder zur Gefahr für sich und andere? Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit bezeichnet Kinder als «schlechte Virusträger». Kleinere Kinder würden praktisch kaum mit dem Coronavirus infiziert und von ihnen gehe keine Gefahr für Risikopatienten und Grosseltern aus.

Nach dem Austausch mit den Experten des Bundes hält es Steiner nicht für angezeigt, Distanzregeln für Schulklassen mit kleinen Kindern zu erlassen. «Wir wollen auf keinen Fall eine Schulpolizei, die kontrolliert, ob ein Kind dem anderen zwei Zentimeter zu nahe kommt.»

Wie können die Ängste der Eltern zerstreut werden? Die oberste Erziehungsdirektorin anerkennt, dass die Verunsicherung in der Bevölkerung gross ist: «Und wenn man Angst hat, schickt man sein Kind ungern in die Schule und geht selber auch nicht gerne dahin.» Aufgabe der Behörden und Schulleitungen sei es, das Vertrauen wieder aufzubauen. «Wenn alle wissen, dass die Schule ein sicherer Ort ist, wird alles funktionieren wie vorher.»

Werden Lehrpersonen zum Präsenzunterricht gezwungen? Auch unter dem Lehrpersonal, gerade bei Älteren und Angehörigen der Risikogruppe, sind Ängste vor der Wiederaufnahme des Schulbetriebs verbreitet. «Niemand muss seine Gesundheit gefährden», stellt Steiner klar. Aber: «Man kann sich nicht einfach ausklinken.»

Lehrerin
Legende: Das Ziel sei, auf das Know-how aller Lehrpersonen zurückgreifen zu können, sagt Steiner. «Es gibt Möglichkeiten. Die Schule besteht ja nicht nur aus Präsenzunterricht.» Keystone/Symbolbild

Grundsätzlich erachtet Steiner sozialen Kontakt für zentral – auch wenn man mit dem Fernunterricht wertvolle Erfahrungen gesammelt habe. «Gerade die Kleineren haben sehr unter der Situation gelitten.»

Wie kann der verpasste Stoff nachgeholt werden? Der Fernunterricht stellte auch Eltern und so manche Lehrperson vor Herausforderungen. Viele Schülerinnen und Schüler dürften unterschiedlich weit sein. Steiner glaubt aber, dass alle «abgeholt» werden können: «Es ist ein grosser Vorteil, dass sich das Bildungswesen in den letzten Jahrzehnten hin zur individuellen Betreuung bewegt hat.»

Schulklasse an der Kanti Glarus
Legende: Chancengleichheit zu gewährleisten sei auch schon vor der Coronakrise eine Kernaufgabe der Schulen gewesen, sagt Steiner. Keystone

Die Lehrpersonen würden die Bedürfnisse der einzelnen Kinder und Jugendlichen kennen und seien nun aufgefordert, allfällige Lücken zu eruieren und zu schliessen. «Das wird eine der grossen Herausforderungen sein – wir werden diese aber meistern.»

Sind Absolventen ohne Abschlusszeugnis schlechter gestellt? Manche Kantone wollen Zeugnisse für das laufende Semester ausstellen. Andere – darunter der Kanton Zürich – nicht. Ist das nicht eine schreiende Ungerechtigkeit, etwa für Jugendliche, die auf Lehrstellensuche sind und denen die Vergleichsmöglichkeit fehlt? Steiner relativiert: Die Wirtschaft wolle schon länger andere Beurteilungsschemen als blosse Noten. «Man kann für Bewerbungen auch einen Bildungsbericht oder eine Empfehlung der Lehrperson ausstellen.» Solche Referenzen würden in der Wirtschaft häufig höher gewertet als Zeugnisse.

Fallen die Matura-Prüfungen ins Wasser? Jugendliche an Gymnasien stehen eigentlich vor entscheidenden Wochen: Die Maturaprüfungen sind die Kür des jahrelangen Paukens. Morgen entscheidet der Bundesrat, ob diese stattfinden können. Grosse Kantone wie Bern und Zürich sind vorgeprescht und wollen die Prüfungen ausfallen lassen. «Ich finde es in dieser Krisensituation schwierig, an einem Ritual festzuhalten», so die Zürcher Erziehungsdirektorin.

Maturanden in Glarus, 2019
Legende: «Absolut studierfähig»: Die Erziehungsdirektorin sagt, sie hätte von den Hochschulen positives Echo auf den aktuellen Matura-Jahrgang bekommen – auch ohne Abschlussprüfungen. Keystone/Symbolbild

Von einer «Matura light» will Steiner deswegen nicht sprechen. Jahrelang hätten sich die Maturanden einem strengen Promotionsverfahren mit ununterbrochenen Leistungskontrollen stellen müssen. «Wenn dieser Jahrgang jetzt nicht reif für die Matura ist, haben wir ein grundsätzliches Problem.»

die nächsten Schritte

Tagesgespräch, 28.04,2020, 13 Uhr;

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Steiner  (Tom Stone)
    Genau das hilft leider nicht weiter! Im Lehrerverband wünschen wir eine klare Aussage des Bundesrates, damit es nicht in jedem Schulhaus anders läuft und jeder Schulleiter ein eigenes Konzept erfinden muss. Zudem informiert der Bundesrat. Wieso Frau Steiner wieder einmal vorher ihre Sicht durchgeben muss, ist wirklich unnötig. Sie versucht sich unnötig in den Fokus zu stellen.
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  • Kommentar von Matthias Sommer  (abcdef)
    Ich bin unschlüssig und froh, das nicht entscheiden zu müssen. Wenn dabei von der Schülerschaft, z.B. in SG, das Argument, man wolle sich nicht anstecken, was wegen der Prüfungssituation nicht ausgeschlossen werden könne, ins Feld geführt wird, erwarte ich dann aber mustergültiges Verhalten in den Sommerferien/im (für gleichaltrige Lernende ohnehin schon sehr luxuriösen) Zwischenjahr beizubehalten: keine Auslandsreisen wenigstens im Sommer etc etc. Ansonsten ist ihr Argument nur ein Einwand!
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  • Kommentar von Urs Dupont  (udupont)
    Wer reif für die Hochschule sein will, sollte in der Lage sein, sich selbständig auf die Matura vorbereiten zu können. Irgendwie passt es aber ins Bild - vor allem der heutigen Mittelschüler - dass sie sich lieber vom Lernen drücken wollen (siehe Klimademos während der Schulzeit) und nicht zuletzt deshalb Druck aufsetzen, die Matura geschenkt zu erhalten. Das könnte aber ein grosser Bumerang werden, denn gerade Prüfungsvorbereitungen sind äusserst wichtig, um sich in die Materie zu vertiefen.
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    1. Antwort von Josef Graf  (Josef Graf)
      Herr Dupont, Sie verwechseln Matura und Matura-Abschlussprüfung. Die Matura wird während 12 Schuljahren erarbeitet, und die Abschlussprüfung bildet dann eben nur noch das Abschlussritual. Ausserdem wird oder soll diese Prüfung nicht ausfallen wegen fehlender Vorbereitungsmöglichkeit, sondern vor allem wegen der Ansteckungsgefahr. Schliesslich wollten Bern und Zürich die Prüfung schon ausfallen lassen, bevor sich die Schüler/innen dazu äusserten. Und wie würde denn Ihr Bumerang aussehen?
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    2. Antwort von Liam Fineron  (liamf)
      Das Problem aus der Sicht eines Vollzeit Berufmaturanten ist, dass bei uns die Matura in einem Jahr erarbeitet werden muss. Durch die Situation sind aber 2/3 des 2. Semesters quasi ausgefallen da der Fernunterricht schlecht geplant und unqualifiziert durchgeführt wurde. Nicht zu vergessen hier ist auch das nicht jeder sich so schnell auf den Fernunterricht umstellen konnte, was auch ein Problem darstellt. Sie sehen hier die Schwierigkeiten welche nicht zu unterschätzen sind.
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    3. Antwort von Ian Köppel  (Diepoldsau)
      Herr Dupont, Sie erwähnen ja selbst die Hochschulreife. Ich habe das Gefühl dass die Maturaprüfung keinen Einfluss darauf hat. Wer die Maturaprüfung jetzt nicht bestanden hätte, würde vermutlich dann in der Hochschule rausfliegen oder Probleme haben. Und falls man die Hochschule trotzdem erfolgreich absolviert ist es umso besser. Die Matura wird in 12 Schuljahren erarbeiten und es fliegt nur ein ganz kleiner Teil jedes Jahrganges bei den Abschlussprüfungen durch.
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    4. Antwort von Manuela Fitzi  (Mano)
      Andere Länder arbeiten seit Längerem auch mit Fernunterricht. Machen sie also etwas besser?
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    5. Antwort von Urs Dupont  (udupont)
      Eine Frage an alle die den Wert einer Abschlussprüfung und vor allem den einer intensiven Vorbereitung darauf in Frage stellen: Warum machen wir dann noch in anderen Jahren Prüfungen? Warum an Hochschulen Diplomprüfungen? Schenken wir doch allen die Matura, den dipl. xxx, den Dr. etc.! Und a propos Sicherheit: Wenn es zu verantworten ist, dass Grosseltern ihre Enkel umarmen können, dann können doch praktisch ungefährdete 20-jährige Leute in 2 m Entfernung nebeneinander sitzen.
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