Zum Inhalt springen

Header

Audio
Renommierte Strafrechtsdozentin verteidigt das Urteil des Basler Appellationsgerichts
Aus Regionaljournal Basel Baselland vom 05.08.2021.
abspielen. Laufzeit 08:33 Minuten.
Inhalt

Vergewaltigungsurteil in Basel Strafrechtsprofessorin verteidigt Strafmass und kritisiert Demo

Drei Jahre Gefängnis sei üblich bei einer Vergewaltigung. Und auch, dass das Verhalten des Opfers miteinbezogen wird.

Im Februar 2020 kam es in einem Basler Arbeiterquartier zu einer Vergewaltigung. Ein 32-Jähriger verging sich zusammen mit seinem 17-jährigen Kollegen an einer Frau – dies nach durchzechter Nacht. Der Fall sorgte für grosse Schlagzeilen, auch weil der 32-Jährige zuerst nach Portugal floh und sich später den Behörden stellte.

Im erstinstanzlichen Urteil wurde der Mann zu Viereinviertel Jahren Haft verurteilt. Doch das Basler Appellationsgericht senkte das Strafmass vergangene Woche auf drei Jahre. Das Opfer habe in der Tatnacht «mit dem Feuer» gespielt, das sei strafmildernd. Zudem kommt der Täter in diesen Tagen frei, weil ihm die Untersuchungshaft angerechnet wird, und er nur die Hälfte der dreijährigen Strafe absitzen muss.

Aufschrei in den sozialen Medien

Vor allem in den sozialen Medien, aber auch im linken politischen Spektrum sorgte das tiefere Strafmass für grosse Aufregung. Viele konnten nicht verstehen, dass das Verhalten der Frau in der Tatnacht mitverantwortlich für die Strafreduktion war.

Gegenüber dem «Regionaljournal Basel» von SRF verteidigt die renommierte Strafrechtsdozentin Marianne Heer nun aber die Argumentation des Basler Appellationsgerichts. «Das Gesetz sieht ausdrücklich vor, dass das Verhalten des Opfers vor dem Sexualdelikt strafmildernd sein kann.» Ein tiefer Ausschnitt oder das Tragen eines Minirocks reiche nicht aus, aber wenn sich ein Vergewaltigungsopfer zuvor «provozierend» verhalten habe, dann werde das bei der Berechnung des Strafmasses mitberücksichtigt. Das Appellationsgericht sei offenbar zu diesem Schluss gekommen.

Marianne Heer

Marianne Heer

ehemalige Luzerner Kantonsrichterin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Marianne Heer wurde 1955 in Willisau geboren. 1984 begann sie als Gerichtsschreiberin in Luzern und wurde ein Jahr darauf Richterin am Amtsgericht Luzern-Land. Von 1991 bis 2000 war sie als Staatsanwältin tätig und wechselte dann ans Obergericht, dem heutigen Kantonsgericht, wo sie Ende Mai 2021 pensioniert wurde. Heer ist zudem Lehrbeauftragte an den Universitäten Bern und Freiburg.

Keine Kritik übt Heer auch am neuen Strafmass von drei Jahren. «Das ist das in der Schweiz übliche Strafmass bei Ersttätern bei Vergewaltigung.» Und dass dem Täter die Hälfte der Strafe erlassen wurde, sehe das Gesetz bei Ersttätern ohne Rückfallgefahr ebenfalls vor.

Kritik an angekündigter Demo

Linke und Frauenorganisationen rufen für diesen Sonntag zu einer Demonstration gegen das Urteil auf. Marianne Heer sagt dazu, eine Demonstration sei ein demokratisches Grundrecht. Aber sie gibt auch zu Bedenken, dass dies «grossen Druck auf die Richterinnen und Richter ausübt» und diese bei künftigen Urteilen vermehrt auf die öffentliche Reaktion blicken könnten, statt dem Gesetz zu folgen.

Appellationsgericht meldet sich ebenfalls zu Wort

Aufgrund der anhaltenden öffentlichen Diskussion hat sich auch das Basler Appellationsgericht am Donnerstag mit einer Medienmitteilung zu Wort gemeldet. Es begründet seinen ungewöhnlichen Schritt damit, dass es in der Öffentlichkeit grosse «Missverständnisse» gebe. So betont es, dass entgegen der medialen Berichterstattung nicht eine freisinnige Richterin das Strafmass reduziert habe, sondern ein Dreier-Richtergremium. Zudem habe es den Tatbestand der Vergewaltigung vollumfänglich bestätigt. Es sei bei der Strafmilderung nicht darum gegangen, das Opfer zu disqualifizieren, sondern die gesamten Tatumstände bei der Berechnung des Strafmasses zu berücksichtigen.

Regionaljournal Basel, 5.8.2021, 17:30;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

167 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Selina Spall  (Lina-Linalo)
    Es kann nicht sein, dass betroffene Menschen solcher Strafrechtlichen Minderungen ausgesetzt werden müssen.
    Ob ich 3min vorher einwilligten Sex hatte oder nicht, macht keine Vergewaltigung minderer. Das Richter*innen und Jurist*innen im allgemeinen so kaltblütig über dieses Urteil sprechen, zeigt was für Probleme wir hier haben. Ja unser System gibt das vor mit der Strafminderung, ist es aber daher wirklich gerecht? Ich finde nein!
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Franco Caroselli  (FrancoCaroselli)
      Ein Rechtsstaat hat nicht nur Vorteile. Denn ein Rechtsstaat handelt auch nach Rechte des Täters. Viele sehen nur Ihre Rechte im Rechtstaat und vergessen die Pflichten. Die Pflicht der Richter sind in diesem Fall auch ausschlaggebend, was viele jetzt stört. Besser Anarchie wie in Haiti? Anmerkung, will Opfer nicht disqualifizieren.
  • Kommentar von Louis Stucki  (Louis Stucki)
    Ein Opfer ist nie schuld an einer Vergewaltigung, wenn ein Mann merkt, dass eine Frau keinen Sex will, hat er dies zu respektieren, egal, ob ihn das Opfer vorher provoziert hatte. Dies erinnert mich an das fragwürdige Urteil im Tschanunprozess, als das Gericht sagte, dass die Opfer an ihrer Ermordung durch Tschanun mitschuldig seien, da sie ihn nicht akzeptiert hätten. Ich finde es bedenklich, wenn Richter Opfer als Schuldige bezeichnen.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Theres Schmid  (Theres Schmid)
    Es bleibt zu hoffen, dass sich Richter/innen auch in Zukunft nicht durch medialen oder politischen Druck beeinflussen lassen.
    Die Welt ist nicht nur schwarz weiss und bei Delikten ist nicht immer die Rolle des Opfers und die des Täters klar verteilt.
    Und das ist vermutlich weit häufiger der Fall als man denkt.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten