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Was passiert nach dem erfolgreichen Protest mit dem Quartier, das nun 20 Jahre still stand?
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 17.12.2020.
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Verlottertes Bieler Quartier Nach Autobahn-Ende: «Auf jeden Fall werden die Mieten steigen»

Viele zogen weg, verkauften ihr Haus, investiert wurde nichts ins Bieler Quartier. Nun kommt doch keine Autobahn.

Versprayte Fassaden, viel Verkehr, heruntergekommene Häuser. Und das an bester Lage. Das Mühlefeldquartier liegt fünf Minuten zu Fuss vom Bahnhof Biel, fünfzehn Minuten vom See entfernt. Aber: «Die ganze Gegend steht seit 20 Jahren still», sagt der Hausbesitzer Leo Horlacher. Kein Wunder. Der A5-Westast wäre mitten durch das Quartier gegangen.

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Regler nach links verschieben Regler nach rechts verschieben
Legende:Das Haus von Leo Horlacher unten links wäre im Loch verschwundenzvg/Tiefbauamt Kanton Bern

Der heute über 80-jährige Leo Horlacher erfuhr 1998 vom Autobahnprojekt. Erst hoffte er, es werde ein Tunnel gebaut: «Wir dachten, das schüttelt vielleicht ein paar Tage und dann ist das vorbei.» Seine Hoffnung wurde schnell begraben, denn geplant wurde ein grosser Autobahnanschluss, dreistöckig, direkt dort, wo sein Haus liegt: «Genau durch unser Haus und Garten hindurch war ein 11-Meter-tiefes Loch geplant», sagt Horlacher.

Leo Horlacher wollte das nicht einfach so hinnehmen und startete mit anderen eine Bürgerbewegung. «Unsere Nachbarschaft machte die grösste Einsprache, nicht nur wegen der Häuser, sondern auch, weil diese Autobahn der falsche Weg ist.»

Es folgte eine jahrelange Ungewissheit. Die Hausbesitzer wurden von den Behörden schriftlich aufgefordert, keine Investitionen zu tätigen, die den Wert des Grundstückes erhöhen. Der Kanton Bern machte den Hausbesitzern ein Kaufangebot. Wer nicht verkaufen wollte, dem drohte die Enteignung.

Meine Frau hat es hier nicht mehr ausgehalten.
Autor: Leo HorlacherHausbesitzer

Leo Horlacher wehrte sich weiter: «Wir haben unser Haus und damit die Einsprache verteidigt.» Irgendwann wurde der Druck aber zu gross. Er und seine Frau zogen weg. «Meine Frau hat es hier nicht mehr ausgehalten.» Er sei nun über 80-jährig und wollte nicht riskieren, später umziehen zu müssen.

Viele hätten aber verkauft. «Der Nachbar nebenan, der gegenüber, sie haben verkauft. Es sind viele weggezogen», sagt Horlacher.

Der Kanton Bern kaufte insgesamt 26 Häuser und Grundstücke, finanziert zu 87 Prozent durch den Bund. «Das sind Einfamilien- und Reihenhäuser, gewerbliche Bauten wie Autogaragen oder leerstehende Grundstücke», sagt der Vorsteher des bernischen Tiefbauamtes, Stefan Studer. Die Häuser werden seither vermietet. «Was Reparaturen angeht, hat man nur das Dringendste investiert.»

Familie Gross im Garten
Legende: Elisabeth Gross und ihre Kinder müssen vorerst nicht umziehen. Was der Kanton als Besitzer mit dem Haus macht, ist noch offen. Marielle Gygax/SRF

Das merkt auch Elisabeth Gross, die vor vier Jahren zusammen mit ihrer Familie in eines der Häuser des Kantons eingezogen ist – auch wenn sie wusste, dass sie wohl bald ausziehen müssen. Die Lage und die günstige Miete hätten überzeugt. Aber eben: Die alte Küche, der nicht isolierte Wintergarten – da wurde nichts gemacht. Elisabeth Gross hofft, dass sich das nun ändert. Allerdings: Ob ihr Vermieter, der Kanton Bern, das Haus behalten will, weiss er noch nicht. Verkauft er es, dürfte er einen Gewinn machen, da das Quartier ohne Autobahn an Wert gewinnt.

Ein neues Quartier

Mit dem Ende des Westastes öffnet sich der Stadt Biel nun eine einmalige Gelegenheit, ein neues Quartier an einem prominenten Standort komplett neu aufzubauen. Der Bieler Stadtpräsident Erich Fehr möchte sich noch nicht aus dem Fenster lehnen. Erst müsse der Bund seine Meinung dazu abgeben und dann müssten Biel und Nidau gemeinsam planen. Er gibt aber zu: «Es ist unbestritten, dass es Verdichtungs- und Verbesserungspotential gibt.»

Was passiert mit dem Quarter?

Der Kanton Bern hat das Westast-Projekt begraben. Um das Verkehrsproblem zu lösen, werden nun kurz- und mittelfristig Massnahmen ergriffen. Damit soll insbesondere der Fuss- und Veloverkehr gestärkt werden. Langfristig soll die Lücke im Autobahnnetz trotzdem gefüllt werden. Im Zentrum steht ein Juratunnel im Norden der Stadt Biel.

Sobald der Bund das Projekt ebenfalls sistiert hat, können im Quartier wieder Investitionen getätigt werden. Der Kanton Bern will prüfen, welche Gebäude und Grundstücke er wieder verkaufen und welche er für sich nutzen will.

Und die Stadt Biel will mit der Nachbargemeinde Nidau erarbeiten, wie das Quartier entwickelt werden soll.

Der Hausbesitzer Leo Horlacher vermutet denn auch, dass bald Investoren kommen und in die Höhe bauen werden. «Auf jeden Fall werden die Mieten steigen.» Denn nun werde das Quartier attraktiver. Dann wird wohl auch Leo Horlacher sein Haus verkaufen. Jetzt, da es nicht einer Autobahn weichen muss.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 17.12.2020, 17:30 Uhr

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Gnägi Marlise  (biennensis)
    Seit der Ostast eröffnet ist, darf ich täglich (ausser So) ab 5.30 Uhr von den auf der Neuenburgstrasse verkehrenden LKWs geweckt werden. An schlafen ist nicht mehr zu denken. Was den öffentlichen Verkehr betrifft so sollte man sich zuerst informieren bevor von einem gut ausgebauten Netz gesprochen wird, denn das trifft auf das Quartier Vingelz nicht zu. Alles 30 Min. ein Bus! Ich habe lange Jahre in Bözingen gearbeitet. Um mit dem Bus zur Arbeit zu gelangen hätte ich 60 Min für 5 km rechnen müs
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  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Hoffentlich bezahlt nun der Kanton Bern die 87% der vom Bund geleisteten Beiträge für den Kauf der Immobilien sofort in die Bundeskasse zurück! Es kann nämlich nicht sein, dass mit Bundesmitteln das Immobilienportefeille eines Kantons ausgebaut wird!
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  • Kommentar von Marion Schwaar  (Yano)
    Biel wird in seinem Verkehr ertrinken! Der Westast hätte den Autoverkehr aus den Quartierstrassen genommen. Nun wird das Quartier Mühlefeld unter dem zunehmenden Verkehr künftig mehr leiden, da nützt auch die neue Verkehrsführung nichts, da die neuen Schleichwege rasch gefunden sind. Mit dem Westast wären mehr Spazier- und Velowege entstanden, da der Durchgangsverkehr auf die Schnellstrasse verlegt worden wäre. Verpasste Chance - nichts Neues in der Bieler Politik.
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