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Verwahrte Rentner Wenn erst der Tod die Freiheit bringt

In den Schweizer Gefängnissen werden die Gefangenen immer älter und Verwahrte werden kaum mehr entlassen. Die so genannte Null-Risiko-Gesellschaft will sie nicht mehr eingliedern. Zu Besuch in der Senioren-Abteilung in Lenzburg.

Legende: Audio Endstation Gefängnis abspielen. Laufzeit 06:13 Minuten.
06:13 min, aus Rendez-vous vom 06.03.2019.

Was heisst hier Zukunft? Der Gefangene in Zelle A95 fixiert den Besucher und sagt, dass hier für ihn Endstation sein werde: «Irgendwann werden sie mich in der Holzkiste aus der Zelle herausschleppen und in den Ofen stecken.»

Der Gefangene ist 64-jährig, hat mehrfach vergewaltigt, wurde verurteilt und verwahrt. Er ist gesundheitlich schwer angeschlagen, hat eine Herzoperation hinter sich, hat Stenose. «Bei dieser Krankheit verkleben die Arterien und die Venen. Irgendwann führt sie zum Tod», sagt er.

Der Gefangene gehört zu den derzeit elf Insassen der sogenannten «Abteilung 60plus» im Zentralgefängnis am Rand von Lenzburg. Fast alles Verwahrte – schwere Fälle. Platz hat es für zwölf.

Der Gefangene blickt aus dem Fenster.
Legende: Für den Gefangenen ist klar: Sein Leben wird hinter Gitterstäben enden. SRF/Peter Maurer

Den meisten von ihnen wird letztlich erst der Tod die Freiheit bringen. Wer hier ist, ist freiwillig hier, hat sich für die Senioren-Abteilung entschieden, spricht Deutsch, ist gruppenfähig und hat eine lange Strafe.

Wie alt ist eigentlich der älteste? «Das hätten Sie vor zwei Jahren fragen sollen. Damals war der älteste Gefangene 89, heute 74», sagt Erich Hotz. Der 57-Jährige ist Dienstchef der Spezialabteilung, die vor acht Jahren eröffnet wurde. Heute arbeiten sechs Vollzugs-Angestellte hier.

Weihnachtsengel basteln

In der «Abteilung 60plus» gelten andere Regeln als im normalen Strafvollzug, erklärt Hotz: «Die Gefangenen haben hier mehr Freiheiten innerhalb der Mauern. Zum Beispiel sind die Zellen vom Morgen bis am Abend offen.»

Die Telefonregelung sei zudem grosszügiger und die Insassen dürften sich hier auch andere Dinge besorgen als im Normalvollzug. Aber der Dienstchef stellt klar: «Es spielt sich alles innerhalb der Mauer ab.»

Die farbig angesprayte Gefängnismauer.
Legende: Trotz gelockerter Regeln: Die «Abteilung 60plus» befindet sich hinter Gitterzäunen und Gefängnismauern. SRF/Peter Maurer

Diese Mauer um das Gefängnis ist riesig – sechs Meter hoch. Eine Künstlergruppe hat Graffiti drauf gesprayt. Der Gefangene spricht von Schmierereien. Seine Zelle ist 12.6 Quadratmeter gross und hat vergitterte Fenster.

An der Pinnwand über dem Bett hängt ein Kalender, Monat März, kein Eintrag, alles leer. «Ich arbeite hier in der Kreativabteilung und bastle einen halben Tag, mache Karten, Engelchen für Weihnachten oder dergleichen», beschreibt der Gefangene seinen Alltag.

Eine Zelle mit Bett, Tisch, Bürostuhl und TV-Gerät im Seniorengefängnis.
Legende: SRF/Peter Maurer

Dienstchef Hotz sitzt mit Bruno Graber, dem Leiter des Zentralgefängnisses an einem Tisch. Bei 60plus gelte eine reduzierte Arbeitspflicht, erklären die beiden Männer. Es gehe nicht darum, dass die Gefangenen wahnsinnig produktiv seien, sondern dass sie durch die Arbeit eine Tagesstruktur bekämen, sagt Hotz.

Zudem müssen die Gefangenen die Räumlichkeiten putzen und ihre Wäsche selber machen, ergänzt Graber: «Es ist uns enorm wichtig, dass diese Leute selbständig bleiben.»

Die Gesellschaft ist nicht mehr bereit, solche Leute wieder aufzunehmen.
Autor: Bruno GraberLeiter Zentralgefängnis Lenzburg

Auf dem Gang steht ein Rollstuhl – für nicht mehr so selbständige, pflegebedürftige Insassen. «Dass wir diese aufnehmen müssen, hat damit zu tun, dass die Gesellschaft mehr Sicherheit will», sagt Bruno Graber, der seit 36 Jahren in Lenzburg im Strafvollzug arbeitet.

Erich Hotz und Bruno Graber.
Legende: Haben viel Erfahrung mit betagten Gefangenen: Erich Hotz und Bruno Graber. SRF/Peter Maurer

Straftäter, die vor zehn oder 20 Jahren mit diesen gesundheitlichen Problemen aus der Verwahrung entlassen worden seien, kämen heute nicht mehr frei. «Die Gesellschaft ist nicht mehr bereit, solche Leute wieder aufzunehmen», bilanziert der Gefängnisleiter.

Somit müssten die Gefängnisse neben den Sicherheitsmassnahmen auch mit den gesundheitlichen Problemen der Insassen zurande kommen. «Das sind die Schwierigkeiten, die auch so explosivartig Kosten verursachen», sagt Graber.

Legende:
Verwahrte Senioren Die Zahl der verwahrten über 60-Jährigen hat sich seit der Jahrhundertwende fast verdreifacht. BFS – Statistik des Freiheitsentzugs, Strafvollzugsstatistik

Der Gefangene in der Zelle A95 sagt dazu bloss ein einziges Wort: «Null-Risiko-Gesellschaft». Und ihre Forderung nach absoluter Sicherheit. Hier im Gefängnis sind die Haupttüren mit Augen-Scannern gesichert. Eine Computerstimme erklärt, dass die Identifizierung des Besuchers abgeschlossen sei.

Wir haben schon Gefangenen den Rücken eingecremt.
Autor: Erich HotzDienstchef «Abteilung 60 plus»

Um Sicherheit geht es zwar auch im Kontakt mit den Gefangenen von 60 plus. Doch diese wird hier etwas anders gewährleistet, wie Sicherheitschef Hotz erklärt. Im normalen Vollzug halte man immer eine Armlänge Abstand von den Gefangenen – ausser man müsse intervenieren. Anders sieht es hier aus: «Wir haben schon Gefangenen den Rücken eingecremt, beim Verbandswechsel geholfen, ich habe Gefangene schon geduscht.»

Hier arbeitet man auch mit der Spitex zusammen und bietet eine spezielle Patientenverfügung an, sagt Bruno Graber. Der Gefängnisleiter hat sich – wie wohl kein zweiter – mit der Problematik der alten Gefangenen befasst.

Ein Tisch mit einem Jassteppich neben einem Aquarium.
Legende: Der Aufenthaltsraum der Seniorenabteilung mit Aquarium. SRF/Peter Maurer

Auch Leute, die unheilbar krank seien, könne man hier im Gefängnis pflegen. «Wir schauen, dass wir dies so lange wie möglich bei uns im Haus machen können. Irgendwann sagt dann die Spitex, die die Leute mit einem Arzt zusammen betreut, wenn es nicht mehr geht.»

Zeit zu gehen. Öffnen, schliessen, Augen-Scanner, Mauer, Drehtür – wieder draussen. Dort, wo man Sicherheit will – um jeden Preis.

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Es gibt einen riesigen Bedarf an Zellen für ältere Gefangene. Solche Zellen kosten schnell mal 200'000 CHF. Wer sowieso nicht mehr in der Lage ist, einen 2-Meter-Zaun zu übersteigen, muss nicht mehr in einem derartigen Gefängnis gesichert werden. Menschenverachtung, wenn man bereit ist, für derart unnütze und sinnlose Gefängnisaufenthalte derart viel Geld auszugeben. Sonst heisst es immer, Geld sparen.
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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Die äussere Mauer um das Gefängnis ist völlig unnötig und nur auf Druck der SVP für viel Geld gebaut worden. Im Innern herrschen schlechte Arbeitsverhältnisse aufgrund der zu tiefen Fenster. Wer normalgross ist, sieht nicht raus. Gefangene in diesen überteuerten Zellen, mit denen sie völlig übersichert sind, leben zu lassen, kostet den Staat Millionen. Diese Gefangenen könnte man auch in einem Altersheim für Landwirtschaftsangestellte (männl.) unterbringen. Für einen Viertel der Kosten.
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  • Kommentar von Jeanôt Cohen (Jeanot)
    Einerseits tragisch, aber andererseits frage ich mir, wie geht es denn Opfer von genau diese Menschen. Mich stört es das die Täter als Opfer dargestellt werden. Es geht nicht nur um Null Risiko geschellschaft, es geht auch um Gerechtigkeit, um Verantwortung übernehmen für das eigen Verhalten, und das bei mehreren wiederholungen von extrem schwere Taten.
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    1. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      Frueher durften nur Wiederholrungstaeter verwahrt werden. Heute werden auch immer mehr Ersttaeter verwahrt, ohne die Chance sich durch die erste harte Strafe genug abschrecken zu lassen. Zweitverurteilte Geealttaeter duerfen mira lange sitzen und drittverurteilte auch bis zum Tod....
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