«Vielleicht hat man ein grösseres Unheil verhindert»

Der Fall Rupperswil wirft weiter Fragen auf – auch und vor allem, was den mutmasslichen Mörder betrifft. Andreas Frei, forensischer Psychiater, ist erstaunt, dass zwischen Täter und Opfer keine Beziehung bestand. Vor allem aber überrascht ihn, dass es offenbar überhaupt keine Vorstrafen gibt.

Diese Utensilien hat die Polizei bei der Hausdurchsuchung des mutmasslichen Täters konfisziert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Diese Utensilien hat die Polizei bei der Hausdurchsuchung des mutmasslichen Täters konfisziert. Keystone/Kapo AG

SRF News: Andreas Frei, ein Täter der seine Opfer nicht kennt, der so brutal vorgeht wie jetzt in diesem Fall in Rupperswil. Wie haben Sie reagiert, als Sie das gehört haben?

Andreas Frei: Ich war primär überrascht. Ich hätte gedacht, dass irgendwie eine Form der Beziehung existiert hätte.

Das heisst, ein solcher Fall, bei dem eben keine Beziehung besteht, das ist sehr selten?

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Andreas Frei

Andreas Frei

Andreas Frei ist leitender Arzt der Fachstelle Forensik der Psychiatrie Baselland.

Das ist doch eher selten. Überhaupt ist es bei Tötungsdelikten selten, dass sich Täter und Opfer nicht gekannt haben. Zumindest in Mitteleuropa oder in schweizerischen Verhältnissen, würde ich sagen.

Die Staatsanwaltschaft und die Polizei haben von zwei unterschiedlichen Motiven gesprochen: einem finanziellen und einem sexuellen Motiv. Diese Kombination scheint aus Laiensicht ziemlich ungewöhnlich.

Meine Erfahrung nach ist es dies aber nicht. Es findet sich zum Beispiel auch bei Beziehungsdelikten, dass es dann doch noch zu einer Beraubung des Opfers kommt. Eine wirklich rationale Erklärung für das habe ich aber nicht.

Der Täter von Rupperswil war nicht vorbestraft, den Behörden vor dieser Verhaftung nicht bekannt. In einem solchen extremen Fall fragt man sich doch irgendwie, ob man das einem Menschen nicht anmerkt?

Ich denke, da muss man zwei Dinge unterscheiden. Das Anmerken ist quasi das laienhafte Gefühl, dass jemand böse ist oder zu so einer Tat fähig. Dass der Täter so nicht aufgefallen ist, überrascht mich nicht. Aber was mich sehr überrascht, ist, dass überhaupt kein Vorstrafenrekord vorhanden sein soll.

Die Ermittler sagen, der Täter habe weitere ähnliche Taten geplant. Macht es in einer solchen Situation auch Sinn, in die Vergangenheit zu schauen und bisher ungeklärte Fälle wieder hervorzuholen – aus Ermittlersicht?

Ich gehe davon aus, dass man schon vorher anhand von unbekannten Fällen versucht hat, ein Täterprofil zu erstellen. Ich denke, das wird auch weiterhin passieren, es sollte auch unbedingt passieren. Ich meine: Wenn Sie mir das Ganze so sagen, fühle ich mich an die 80er-Jahre erinnert, also an die Zeit der Serienmorde. Vielleicht hat man da jetzt wirklich ein grösseres Unheil verhindert.

Das Gespräch führte Melanie Pfändler

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • FOKUS: Das Grauen von Rupperswil

    Aus 10vor10 vom 13.5.2016

    Knapp fünf Monate nach dem Vierfachmord von Rupperswil haben die Behörden den Täter gefasst. Nach Polizeiangaben ist es ein 33-jähriger Schweizer aus der Gemeinde. Hinter der Tat stehen finanzielle und sexuelle Motive. So verging sich der Täter sowohl an der Mutter, wie auch an ihrem jüngeren Sohn.

  • FOKUS: Ein willkürlicher Mord?

    Aus 10vor10 vom 13.5.2016

    Was geht in einem Täter vor, der handelt wie im Fall Rupperswil? Im Studio-Gespräch ordnet Gerichtspsychiater Frank Urbaniok die heutigen Erkenntnisse rund um den Vierfachmord ein.

  • Vierfachmord von Rupperswil geklärt

    Aus Schweiz aktuell vom 13.5.2016

    Der 33jährige mutmassliche Täter von Rupperswil ist geständig, er wurde gestern verhaftet. Seine Motive für den brutalen Vierfachmord waren offenbar finanzieller und sexueller Art. Der mutmassliche Täter wohnte im gleichen Dorf wie die Opfer. Laut Polizei plante er weitere Taten.