Lili Kohler-Burg war Bäuerin im Aargauer Dorf Linn – aber nicht nur. Als junge Frau arbeitete sie als Lehrerin und begann ein Mathematikstudium, bevor sie 1929 den Aargauer Landfrauenverband initiierte, und drei Jahre später den Schweizerischen Landfrauenverband. Von 1939 bis 1946 war sie auch Präsidentin des Schweizerischen Verbands.
«Sie hat sich stark gemacht für die Aus- und Weiterbildung der Bäuerinnen, für eine Professionalisierung des Bäuerinnenberufs», sagt Catherine Morgenthaler. Die Historikerin hat die Entstehungsgeschichte des Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes aufgearbeitet. Diese «ländliche Selbsthilfebewegung», wie sie Morgenthaler nennt, sei von der Forschung bis jetzt weitgehend unbeachtet geblieben.
Bildung und Wertschätzung
Bildung sei Lili Kohler-Burg wichtig gewesen: Sie habe viele Lehrtöchter ausgebildet, ergänzt Catherine Morgenthaler. Sie habe aber auch Wertschätzung und Anerkennung gefordert, für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung der Arbeit der Bäuerinnen.
Lili Kohler-Burg habe den Finger auch auf wunde Punkte gelegt, die noch heute akut seien. Sie sprach die Mehrfachbelastung der Frauen an, die für Kinderbetreuung, Haushalt und den Bauernhof zuständig waren. Darum habe sie 1943 die Forderung nach Kinderkrippen für Bäuerinnen gestellt. «Für die Zeit absolut aussergewöhnlich», findet Catherine Morgenthaler, auch wenn die Forderung kein Gehör fand.
Emanzipiert, aber nicht gegen das Patriarchat
Die Arbeit der Bäuerinnen galt als zentral für das Überleben der Höfe, einige hätten durch den Eierverkauf mehr verdient, als ihr Mann mit der Milchwirtschaft. Wo sie sich zusammenschlossen, stiessen sie aber auf Gegenwind, wurden ausgelacht, sagt die Historikerin. «Es gab auch Männer, die Angst davor hatten, dass aus dieser Landfrauenbewegung eine Bewegung für das Frauenstimmrecht entstehen könnte.»
Die Bäuerinnen hätten sich aber ambivalent verhalten. Einerseits hätten sie progressive Forderungen gestellt, seien selbstbewusst aufgetreten und andererseits hätten Sie nicht als emanzipiert gelten wollen. Für Historikerin Catherine Morgenthaler ist aber klar: «Durch ihr Handeln sind sie emanzipiert unterwegs gewesen, bildungspolitisch, gesellschafts- und wirtschaftspolitisch.»
Forscherin und die eigene Biografie
Es ist kein Zufall, dass sich Catherine Morgenthaler die Geschichte der Landfrau für ihre Forschung ausgesucht hat. Die 35-Jährige ist auf einem Bauernhof im Aargau aufgewachsen und arbeitet als Lehrerin. Ihre Grossmutter ist bei den Landfrauen gewesen, ihre Mutter ist immer noch dabei: «Ich bin nicht immer stolz gewesen, eine Bauerntochter zu sein. Aber durch die Forschung erkenne ich, was die Frauen in der Landwirtschaft geleistet haben und bis heute leisten. Und was für Themen sie angesprochen haben, die noch heute bedeutsam sind.»
Die Themen soziale Absicherung oder Altersarmut sind nach wie vor aktuell, für den Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband, der als Zusammenschluss von Bäuerinnen im Aargau angefangen hat und heute 50'000 Mitglieder zählt.