Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio «Der Politik fehlen Menschlichkeit und eine Vision für die Zukunft» abspielen. Laufzeit 10:18 Minuten.
Aus Rendez-vous vom 29.07.2019.
Inhalt

«Der Politik fehlt die Vision» Gestatten: Samuel Peyer, Nichtwähler

Nicht mal jeder zweite machte bei den letzten eidgenössischen Wahlen von seinem Wahlrecht Gebrauch. Mit Desinteresse an der Politik hat das keineswegs zwingend zu tun.

Er ist 62-jährig und seit fast 40 Jahren überzeugter Nichtwähler: Samuel Peyer, freischaffender Künstler aus dem aargauischen Vordemwald. Peyer ist damit in «guter» Gesellschaft. Denn: Die Mehrheit der insgesamt über 5,3 Millionen Schweizer Stimm- und Wahlberechtigten wählt nicht. Bei den letzten eidgenössischen Wahlen vor vier Jahren zum Beispiel betrug die Wahlbeteiligung bloss 48,5 Prozent.

Ich weiss schlicht nicht, wen ich wählen soll.

«Ich kann mich einfach nicht verorten. Ich weiss schlicht nicht, wen ich wählen soll», erklärt Samuel Peyer. Der gelernte Möbelschreiner und geschiedene Vater von vier Kindern ist kein Politik-Verdrossener, kein Desintressierter. Im Gegenteil: Er verfolge sehr wohl, was in der Politik in der Schweiz passiere. Und gelegentlich stimme er auch ab. Aber wählen – definitiv nicht.

Direkte Demokratie mitverantwortlich für tiefe Wahlbeteiligung

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Es gebe mehrere Typen von Nichtwählern, sagt Politologe Markus Freitag von der Universität Bern. Zum einen gebe es die Zufriedenen, aber Desinteressierten, die deshalb nicht wählten. Dann gebe auch solche, die zwar an Abstimmungen teilnähmen aber nicht bei Wahlen. Etwa ein Drittel aller Nichtwähler seien die Frustrierten: solche die glaubten, Politik sei zu kompliziert, sie wüssten zu wenig. Das sind Wähler, die auch überzeugt seien, dass ihre Stimme nichts zählt, dass sie nicht gehört würden.

«Im internationalen Vergleich nehmen in der Schweiz vergleichsweise wenige an der Wahl teil», sagt Politologe Freitag. Ein Grund sei die direkte Demokratie: Man könne im Nachhinein immer alles korrigieren, deshalb seien Wahlen für viele gar nicht so wichtig. Komme hinzu, dass die Chance auf einen Regierungswechsel sehr klein sei.

Das Nichtwählerlager bestehe zu etwa gleichen Teilen aus dem rechten wie auch linken politischen Spektrum, sagt Politologe Freitag.

Ihm fehle die Menschlichkeit in der Politik, sagt Peyer. Politik sei sehr theoretisch und rational, ihr fehle eine Vision für die Zukunft. Der Grund: «Weil wir in einer Welt angekommen sind, die viel zu schnell ist.»

Erst Gemeinderatskandidat, dann Nichtwähler

Peyer ist in einer Bauernfamilie mit acht Geschwistern aufgewachsen. Nach der Genesung von einem schweren Nierenleiden hängte er seinen Beruf als Möbelschreiner an den Nagel und wurde freischaffender Künstler. Sein Geld verdiente er unter anderem als Assistent des berühmten Industrie-Designers Luigi Colani, später als Teilzeit-Werklehrer.

Anfang der 1980er Jahre kandidierte er als Parteiloser in seinem Dorf für den Gemeinderat – für eine Wahl reichte es schliesslich nicht - aber immerhin für einen zweiten Wahlgang. Danach wurde Peyer Nichtwähler.

Alte sollen nicht über die Zukunft bestimmen

Heute sagt er: «Ich ärgere mich über die Verbeamtung der Politik. Da stimmt etwas nicht. Ein Nationalratsmandat sollte nicht länger als 12 Jahre dauern. Danach muss Schluss ein, Platz gemacht werden für neue Leute und neue Ideen.» Im Bundeshaus gebe es Sesselkleber, die darauf noch stolz seien.

Und Peyer fordert, dass auf Bundesebene mit 65 Jahren auch mit dem Stimm-und Wahlrecht fertig sein sollte. Da gehe es in der Politik doch um die Zukunft, um die nächste Generation. Die über 65-Jährigen sollten sich zwar dazu äussern können. Aber nicht mehr darüber abstimmen und wählen.

2279 Stimmen für die Nichtwähler-Partei

2015 wollte Samuel Peyer noch einmal etwas ganz Neues, Grosses anpacken und trat mit einer eigenen Liste für die eidgenössischen Wahlen an: «nichtwähler.ch». Er trete für die Nichtwähler an und die seien bekanntlich die Mehrheit, erklärte der unkonventionelle Kandidat damals. Er, der Einzige auf seiner Liste, erreichte 2279 Stimmen: Nicht genug für den Einzug in den Nationalrat.

Peyer in seinem Garten
Legende: Als «Human-Anarchist» sieht sich Peyer. Mit seinem Leben und seiner Kunst ist er im Reinen: «Hier ist meine Seele.» SRF / Peter Maurer

Und wenn er gewählt worden wäre? Peyer sagt: «Ich war bislang vom Morgen bis am Abend Künstler. Nach einer Wahl hätte ich hier alles aufgegeben und wäre vom Morgen bis am Abend Politiker geworden. Samuel Peyer ist Künstler geblieben, lebt immer noch in Vordemwald. Inmitten seiner Eisenplastiken, Skulpturen, Collagen, Bilder und Bücher. «Hier ist meine Seele, hier ist mein ruhiger, friedlicher Alltag, den ich geniesse».

Keine schlechte Wahl für einen Nichtwähler.

Wahlserie «Wendepunkte»

Wahlserie «Wendepunkte»

Wieso engagiert sich jemand politisch? Oder wieso geht jemand nicht mehr wählen? «Rendez-vous» und «Echo der Zeit» stellen in einer losen Serie Menschen vor, die sich in einem neuen Lebensabschnitt befinden.

Der Nichtwähler

Die Unternehmerin

Die Alleinerziehende

Die Einbürgerungskandidatin

Der Tourismusdirektor

Die Seniorin

Schliessen

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

27 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Matthias Lüscher  (T.C.)
    Ein cooler Typ dieser Herr Peyer. Menschen wie er sind das Salz in der Suppe. Mein Respekt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Daniel Schmidlin  (Queren life)
    Politiker müssen gewählt werden und können somit keine Sesselkleber sein. Selbst die Rolling Stones hören nicht auf und haben bald Urgrossvaterstatus.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Susanne Baumann  (Susanne Baumann)
    Die Integrale Politik IP (www.integrale-politik.ch) bietet hier eine tolle Alternative für die Nichtwähler. Die IP stellt ganzheitliche Visionen in den Vordergrund und leitet daraus ihre politischen Entscheidungen ab. Zudem ist ihr eine andere Art des politischen Dialoges wichtig, der menschlicher und ganzheitlicher ist. Zusätzlich zur rationalen Intelligenz, soll auch die emotionale Intelligenz wieder mit einbezogen werden.
    Die IP kandidiert in diesem Herbst in BS, LU und ZH.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen