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«Der Hauptgrund für die Waldbrände ist die Trockenheit»
Aus SRF 4 News aktuell vom 21.07.2022. Bild: Keystone
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Waldbrandgefahr in Europa Warum häufen sich die Brände dieses Jahr?

Europa brennt. Verschiedene Regionen kämpfen gegen grossflächige Waldbrände. Diese sind im Sommer bis zu einem gewissen Grad normal. Die Situation in diesem Jahr ist aber aussergewöhnlich. Bereits jetzt ist in Europa mehr Waldfläche verbrannt als normalerweise im gesamten Jahr. Die Hintergründe kennt Harald Bugmann. Er ist Professor für Waldökologie an der ETH Zürich.

Harald Bugmann

Harald Bugmann

Professor für Waldökologie an der ETH Zürich

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Von 1999 bis 2004 war Bugmann Assistenzprofessor für Gebirgswaldökologie. Seit Oktober 2004 ist er ausserordentlicher Professor für Waldökologie an der ETH Zürich.

SRF News: Warum häufen sich die Brände dieses Jahr?

Harald Bugmann: Der Hauptgrund für die Brände ist die Trockenheit. Denn wenn das Brandgut sehr nass ist, kommen keine Waldbrände zustande. Die Hitze kommt erst dann, wenn die Trockenheit bereits da ist. Heiss wird es erst, wenn keine Feuchtigkeit mehr verdunsten kann. Ein weiterer Faktor sind die starken Winde. Diese erleichtern die Ausbreitung von Waldbränden erheblich. Das sind die natürlichen Gründe.

Die meisten Waldbrände entstehen durch Nachlässigkeit oder Fahrlässigkeit.
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Daneben gibt es auch menschengemachte. Die meisten Waldbrände entstehen durch Nachlässigkeit oder Fahrlässigkeit. Zum Teil auch aus Absicht: Man will bestimmte Gebiete abbrennen, damit man später beispielsweise Häuser darauf bauen kann.

Die Waldbrände wüten dieses Jahr besonders heftig. Was sind die Folgen für die Flora und Fauna in den betroffenen Gebieten?

In Gebieten, die sich durch eine starke Sommertrockenheit auszeichnen, gehören Waldbrände zum natürlichen Geschehen. Dort sind die Ökosysteme an Brände angepasst. Und wenn beispielsweise ein dunkler Wald verbrennt, schafft das neue Nischen für Organismen, die auf Licht angewiesen sind. Für Pflanzen oder Tiere werden mehr Weidegründe zur Verfügung gestellt.

Die Natur kann grundsätzlich mit Waldbränden umgehen.
Autor:

Die Natur kann grundsätzlich mit Waldbränden umgehen. Sie sind aus Sicht der Natur kein Problem. Wenn sich das Brandregime ändert, wie wir es beispielsweise nördlich der Alpen wahrzunehmen glauben, dann passen sich die Ökosysteme ebenfalls an. Das dauert zwar ein Weilchen, aber das können die Ökosysteme.

Ein Wechseleffekt: Klimawandel und Waldbrände

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Die Waldbrände begünstigen den Klimawandel und der fortschreitende Klimawandel führt wieder zu einer Zunahme an Waldbränden. «Wenn sich das Waldbrand-Regime sehr stark verändert und die Waldbrände auf grossen Flächen sehr viel häufiger würden, hätte das eine Verstärkung des Treibhauseffektes zur Folge. Das könnte wiederum mehr Waldbrände bewirken», erklärt Bugmann. Der Experte spricht in diesem Zusammenhang von einer «positiven Rückkoppelung, die sich negativ auswirken könnte».

 Was sind die Folgen für den Mensch?

Wir sind als Gesellschaft auf viele Leistungen des Waldes angewiesen. In der Schweiz ist das beispielsweise der Schutz vor Naturgefahren. Wir gehen im Sommer sehr gern in den Wald spazieren. Es ist kühl dort, wir können uns vor der Hitze schützen. Wir möchten aus dem Wald auch Holz oder Fasern für verschiedene Zwecke beziehen.

Wenn der Wald abbrennt, dann ist das CO2 wieder in der Atmosphäre.
Autor:

Und wenn der Wald abbrennt, dann ist das CO2 wieder in der Atmosphäre. Das führt zum letzten Stichwort. Wälder und Böden speichern sehr viel Kohlenstoff. Wenn Flur- und Waldbrände stattfinden, dann geht dieser Kohlenstoff zurück in die Atmosphäre. Und das ist nicht gut aus der Perspektive des Treibhauseffektes.

Ein Mann und eine Frau spazieren in einem Wald im Sommer.
Legende: «Wenn der Wald abbrennt und ich mich nicht mehr im Wald erholen kann oder wenn der Wald ganz offen ist, weil er immer wieder abbrennt, dann habe ich ein Problem für die Erholung», sagt Bugmann. Keystone

Rechnen Sie in Zukunft mit einer weiteren Zunahme an grossflächigen Waldbränden?

Wenn der Klimawandel weiter voranschreitet, so ist zu erwarten, dass wir häufigere, längere und stärkere Trockenheit erleben werden. Das ist in der Tendenz bereits heute sichtbar. Das Jahr 2022 passt in dieses Schema. Es ist kein Beweis für den Klimawandel, aber es ist genau das, was wir erwarten: sehr lange, sehr intensive Trockenperioden. Das heisst, wir erwarten mehr Waldbrände dort, wo es heute schon Waldbrände gibt. Aber neu sind auch Waldbrände dort zu erwarten, wo wir bisher noch nicht an Waldbrände gewöhnt waren.

Ein Helikopter fliegt ob einem Waldbrand.
Legende: In der Schweiz gibt es beispielsweise im Tessin, im Kanton Wallis und im Kanton Graubünden viele Waldbrände. Noch nicht gewohnt ist man diese laut Bugmann beispielsweise nördlich der Alpen. «Wir müssen in Zukunft vielleicht mehr damit rechnen.» Keystone

Müssen wir lernen, einen Umgang mit diesen Waldbränden zu finden?

Das ist richtig. Wenn sich das Klima ändert, müssen wir lernen, mit Waldbränden auf verschiedensten Ebenen umzugehen. Aber die beste Massnahme, um zu verhindern, dass es überhaupt so weit kommt, wäre, den Klimawandel zu verhindern, indem wir die Emissionen reduzieren.

Das Gespräch führte Janis Fahrländer.

SRF 4 News, 21.07.2022, 08:20 Uhr ; 

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