Zum Inhalt springen

Header

Audio
Wenn die Sicherheit der Bevölkerung Vorrang hat
Aus Echo der Zeit vom 26.02.2020.
abspielen. Laufzeit 04:50 Minuten.
Inhalt

Wie Mitholz (un)möglich wurde Wer schützt uns vor der Armee?

Das blinde Vertrauen aus Zeiten des Kalten Krieges ist passé: Heute muss sich die Armeeführung für ihr Tun rechtfertigen.

3500 Tonnen Fliegerbomben, Minen und Handgranaten liegen immer noch im Munitionslager in Mitholz im Kandertal. Ein Albtraum für die Bevölkerung.

Die Armee stellte Fragen, Berichte wurden geschrieben. Man habe nach der Katastrophe 1947 gewusst, dass es weitere Explosionen geben könnte, sagt Bruno Locher, Chef Raum und Umwelt beim VBS: «Man kam zum Schluss, dass dies kein grösseres Ausmass haben würden.» Diese Beurteilung wurde 1986 bestätigt und erst 2018 revidiert.

Man liess die Sache ruhen. Damals gab es auch noch nicht die technischen Möglichkeiten für eine Untersuchung wie heute. Dennoch: Warum hat das 70 Jahre lang niemand hinterfragt?

Bei der Armee ging es auch um Geld, sagt Militärhistoriker Rudolf Jaun: «Man hat Lösungen gesucht – auch kostengünstige. Mitholz hat man als gelöst angeschaut.»

Nicht nur das Militär, auch die Bevölkerung reagierte damals anders als heute. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zweifelte man nicht an der Armee, sagt Jaun: «Im Kalten Krieg, bis vielleicht in die 1970er Jahre, hat man sehr vieles akzeptiert. Was das Militär machte, hinterfragte man nicht wirklich.»

Deshalb verschoss man in den Schiessständen bleihaltige Munition, ohne dass sich jemand aufgeregt hätte. Dann änderte sich vieles: Politiker und Teile der Bevölkerung wollten die Armee abschaffen, Medien berichteten über tonnenweise versenkte Munition in Schweizer Seen und im Thunersee entdeckte man deformierte Felchen.

Es gab über ein Dutzend Militärabstimmungen. Das belegt einen riesigen Politik- und Mentalitätswandel.
Autor: Rudolf JaunMilitärhistoriker

Im Parlament wurden Massnahmen verlangt. Politiker wie der damalige VBS-Chef Samuel Schmid wehrten ab: «Selbst eine minimste potenzielle Gefährdung gibt noch keine unmittelbare Gefahr.» Aber die verborgenen Altlasten und ihre Gefahren für die Umwelt beschäftigten nun Bevölkerung und Medien: «Wer schützt uns vor der Armee?» kommentierte eine Zeitung.

Für Militärhistoriker Jaun ist heute alles, was sich ums Militär dreht, skandalisierungswürdig: «Es gab über ein Dutzend Militärabstimmungen. Das zeigt einen riesigen Politik- und Mentalitätswandel.»

Der Zeitgeist hat geändert, und das ist richtig so.
Autor: Hanspeter AelligProjektchef für die Räumung in Mitholz

Das VBS sah sich aber nicht nur einer sensibilisierten Öffentlichkeit gegenüber, es musste auch neue Vorschriften einhalten, etwa die Sprengstoffverordnung. Seit ein paar Jahren listet ein Gefahrenkataster 2550 Orte auf, in denen es belastete Standorte gibt, etwa Schiessanlagen. Auch das Militär muss mit der Zeit gehen.

Hanspeter Aellig, Projektchef für die Räumung in Mitholz, spürt diesen neuen Zeitgeist: «Wir haben noch eine sehr grosse Zahl an Schiessplätzen und es hat immer noch Munition im Boden. Wir haben den Auftrag, diese zeitnah zu räumen. Der Zeitgeist hat geändert, und das ist richtig so.»

Neue Kultur der Nulltoleranz

Der Historiker Michael Olschansky forscht über die Entwicklung des militärischen Denkens. Das habe sich nicht grundsätzlich verschoben, aber heute herrsche eine Kultur der Nulltoleranz, die Sicherheit der Bevölkerung habe absolute Priorität: «Das war vielleicht nach den beiden Weltkriegen anders und hat sich allmählich entwickelt.»

Ein Zeichen für diese Entwicklung sei auch die transparente Information des VBS zur Räumung des Munitionslagers Mitholz. Nicht nur die aktuelle VBS-Vorsteherin Viola Amherd; auch ihr Vorgänger Guy Parmelin reiste persönlich nach Mitholz, um die Bevölkerung zu informieren.

«Echo der Zeit», 26.02.2020, 18:00Uhr; imhm; kurn

Video
Räumung in Mitholz kostet rund eine Milliarde Franken
Aus Tagesschau vom 25.02.2020.
abspielen
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Wir informieren laufend über die aktuelle Entwicklung und liefern Analysen zum Coronavirus. Erhalten Sie alle wichtigen News direkt per Browser-Push. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

11 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Nick Schaefer  (Nick Schaefer)
    Gemäss verschiedensten Berichten herrscht Kiesmangel. Die Felswand scheibenweise absprengen oder absägen sollte eigentlich für wenige Millionen zu haben sein, und für den Kiestransport steht die Bahn ja vor der Haustüre. Oder wird hier wieder einmal eine Baugrube mit Milliarden vergoldet?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Beat Stocker  (Beat Stocker)
    Dass Mitholz (aus Sicherheitsgründen) saniert wird ist ok. Das Munitionslager aber aus heutiger Sicht zu verurteilen ist unfair; das Lager wurde in einem anderen Umfeld (Nachkriegsjahre und kaum Umweltdenken) erstellt wie auch die Risikoanalysen. Statt zu verurteilen machen wir uns besser an die Lösung. Vielleicht kann diese (zumindest teilweise) von Militärangehörigen ausgeführt werden; das wäre eine sinnvolle Aufgabe und für die beteiligten Soldaten eine interressante Herausforderung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Peter P. Odermatt  (Peter P. Odermatt)
    Lassen wies ist. Ist ja gesichert in diesem Berg. In Deuschland ist das Alltag. Bei praktisch allen Baustellen kommt Munition aus dem Krieg hervor, die scharf ist, welche aber (noch) nicht explodierte.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen