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Zwangsehen von Minderjährigen «Es geht um die Kontrolle der weiblichen Sexualität»

Legende: Audio Gespräch mit Anu Sivaganesan, Präsidentin Fachstelle Zwangsheirat abspielen. Laufzeit 04:05 Minuten.
04:05 min, aus SRF 4 News aktuell vom 28.11.2018.

Immer öfter haben die Behörden in der Schweiz mit Ehen von Minderjährigen zu tun – Eheschliessungen von unter 18-Jährigen sind hierzulande verboten.

Zwangsverheiratete kommen meist aus dem Nahen Osten, aus Asien oder Afrika. Sie wurden oftmals bereits in der alten Heimat verheiratet. Anlässlich einer Fachtagung in Bern wurde das Thema diskutiert. Worum es dabei geht, erklärt die Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat.

Anu Sivaganesan

Anu Sivaganesan

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Die Juristin Anu Sivaganesan ist Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat.

SRF News: Warum machen gewisse Familien Druck, damit ihre minderjährigen Mädchen heiraten?

Anu Sivaganesan: Je nach Herkunft hat man in der Familie gewisse Normvorstellungen in Bezug auf Sexualität und Jungfräulichkeit. Die Eltern gehen in den betroffenen Fällen davon aus, dass sie ihrer Verantwortung – dass die Tochter als Jungfrau in die Ehe geht – am ehesten nachkommen, wenn sie sie so früh wie möglich verheiraten. Auch wenn man nach anderen Ursachen von Minderjährigen-Verheiratungen sucht: Am Ende landet man immer beim Thema der Kontrolle der weiblichen Sexualität.

Es ist nicht einfach, diese Gruppen dafür zu sensibilisieren, dass solche Verheiratungen in der Schweiz verboten sind.

Was weiss man über Fälle in der Schweiz? Auch hier werden ja Minderjährige verheiratet – zwar nicht gesetzlich-offiziell, aber in religiösen Zeremonien.

Wir haben tatsächlich immer wieder mit solchen Fällen zu tun. Das sind meist religiöse oder traditionelle Eheschliessungen. Hier geht es darum, die betreffenden Gruppen dahingehend zu sensibilisieren, dass solche Verheiratungen in der Schweiz verboten sind. Denn hierzulande gilt das Primat der Ziviltrauung. Das ist nicht einfach, denn für die Gemeinschaften, welche die religiöse oder traditionelle Eheschliessung praktizieren, ist dies die richtige und einzige Form der Eheschliessung. Die zivile Trauung ist für sie höchstens ein administrativ nötiger Akt.

Braut und Bräutigam in einem Raum.
Legende: Auch in der Schweiz werden Minderjährige zum Heiraten gezwungen: Kinder-Brautpaar in Gaza. Reuters

Religiöse und/oder traditionelle Heiraten haben keine Rechtsgültigkeit. Warum sind sie trotzdem ein Problem?

In der jeweiligen Gemeinschaft gelten die so verheirateten als Ehemann und Ehefrau, auch wenn die Heirat nach Schweizer Recht nicht gültig oder sogar verboten ist. Die Betroffenen können sich dann nicht mehr aus dieser «Ehe» lösen.

Mit welcher Art von Fällen hat Ihre Fachstelle Zwangsheirat/Minderjährigen-Heirat typischerweise zu tun – und wie gehen Sie in diesen Fällen vor?

Wir haben beispielsweise mit jungen Frauen zu tun, die ihre Träume – etwa, eine Ausbildung zu machen – nicht verwirklichen konnten, weil sie als Minderjährige in eine Ehe gezwungen wurden. Was wir in solchen Fällen unternehmen, hängt vom Einzelfall ab. Da gibt es keine allgemeingültige Vorgehensweise. Wichtig ist zuallererst, im Gespräch herauszufinden, wo das Problem liegt und wie akut es ist. Manchmal liegt eine Heiratsverschleppung ins Ausland vor, dann müssen die Schutzmassnahmen entsprechend ausgerichtet sein.

Mädchen kommen zu uns, deren Freiheit zuhause stark eingeschränkt wird – manche befürchten, schon bald zwangsverheiratet zu werden.

Manchmal geht es auch gar nicht um konkrete Zwangsheiraten, sondern es kommen Mädchen zu uns, die, nachdem sie in die Pubertät gekommen sind, zuhause spüren, wie die Kontrolle verstärkt und die Freiheit eingeschränkt wird. So wird etwa ihr Handy kontrolliert und sie müssen ständig Rechenschaft über ihr Tun ablegen. Manche von diesen Mädchen befürchten, dass sie schon bald einmal in die Situation einer drohenden Zwangsverheiratung kommen könnten.

Das Gespräch führte Elmar Plozza.

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25 Kommentare

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  • Kommentar von Andreas Müller (Hugh Everett)
    Das gibt es übrigens auch in christlichen Freikirchen. Mir sind Fälle bekannt wo Ehen arrangiert und geschlossen wurden. In einem Fall (einer FEG) weiss ich sogar, dass der Bräutigam mit der Ehefrau überhaupt nicht einverstanden war. Er sagt mir sie sei nicht hübsch, geschwätzig und sie würde sich nicht pflegen. Die Ehe wurde trotzdem geschlossen. Eine Ehe mit einer nicht Christin kam für ihn nicht in Frage.
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    1. Antwort von Luzian Wasescha (Oberländer)
      Dann ist der gute Mann wohl selber schuld.
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      @ Wasescha: Es war eben kein Mann. Darum gehts im Artikel. Und darum ist der Betreffende eben nicht selber schuld, sondern ein Opfer.
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  • Kommentar von Klaus Kreuter (KallePalle)
    Nun ja Mano - wie wollen Sie denn an die Eltern herankommen? Leider ist kein Kraut gegen dieses grauenhafte Vorgehen gewachsen. Man kann nur konstatieren dass dies eine absolut kranke Gesellschaft sein muss.
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    1. Antwort von Mark Stalden (Mark)
      Sehe ich genau so. Da wird in Üblicher Manier erst mal Los geschrien und Verlangt. Das es ein sehr Schwieriges unterfangen ist dies einzudämmen wird Ignoriert. Die Idee die Hochzeitsgäste zu Bestrafen sofern es sie überhaupt gibt zeugt von der Einfachheit dieses Denkens. Fern der Realität.
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    2. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Mal Halblang, Herr Stalden. Als praktizierende Lehrerin habe ich sogar Aussagen von meinen aus Guniea-C., Kamerun und Uganda stammenden Schülerinnen, wie "nach meinem 13 Geburtstag werden wir nach G/K/U reisen und das wird sehr wichtig für meine Zukunft sein" oder "mein Mann wartet schon auf mich in Afrika" usw. protokolliert. Da wäre der Schritt, an die Eltern heranzukommen, nicht mehr so weit. Ich sehe da eher eine unsägliche Naivität der "reden münd mer mitenand"-Kultur.
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    3. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Frau Fitzi, als Fachperson wissen Sie ja, dass es eine Meldepflicht gibt bei Zwangsheirat, respektive eine Gefährdungsmeldung möglich ist. Seit 2013 ist es eben vorbei mit ""reden münd mer mitenand"-Kultur". Wie Sie an Hochzeitsgäste kommen wollen bei einer Hochzeit im Ausland ist mir hingegen ein Rätsel.
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  • Kommentar von jean-claude albert heusser (jeani)
    Wie kann eine solche "Kultur Auslegung" in der Schweiz toleriert werden! Unfassbar!
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    1. Antwort von Konrad Schläpfer (Koni)
      Da wir Schweizer letzte Woche das Recht an den EuGH abgetreten haben wäre es vielleicht interessant was der EuGH höher gewichtet: Die Glaubensfreiheit oder das CH - Gesetz über die Verheiratung Jugendlicher.
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Also erstens hat der EuGH mit der Schweiz weder vor noch nach der Abstimmung etwas zu tun gehabt. Und zweitens ist Ihre Antwort bezüglich des EGMR bereits beantwortet mit einem Urteil. Die Schweizer Gesetzgebung geht diesen religiös geschlossenen Ehen vor, und die Gesetzgebung bezüglich Schutzalter für Sexuelle Beziehungen gleich auch noch.
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