In einem Live-Q&A haben Fachleute Ihre Fragen zu Drogen, Legalisierung und Prävention beantwortet. Die vier wichtigsten Erkenntnisse.
Verbote allein bringen wenig – entscheidend ist der Umgang damit
Eine reine Verbotslogik greift für die Soziologin und Drogenforscherin Gundula Barsch zu kurz. Klar sei für sie, dass eine Verbots‑ und Kriminalisierungspolitik «Schäden auf allen Ebenen der Gesellschaften anrichtet».
Dabei gehe es nicht nur um die Situation einzelner Konsumierender. Die Expertin verweist auf ein breiteres Gesamtbild: Dazu gehörten auch politisch geführte «Drogenkriege», Einschränkungen persönlicher Freiheiten, Eingriffe in Menschenrechte sowie soziale Folgen wie Ausbeutung und marginalisierte Lebensverhältnisse.
Ein weiterer zentraler Punkt betrifft die medizinische Nutzung: Durch strikte Verbote würden auch Substanzen, die potenziell wirksam sein könnten, lange Zeit aus der Forschung und Behandlung ausgeschlossen. Das zeige sich etwa daran, dass bestimmte Wirkstoffe erst nach langen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wieder in die Medizin zurückfänden.
Risiken von abgeänderten Substanzen
Immer wieder werden Substanzen chemisch leicht verändert, sodass sie nicht sofort unter bestehende Gesetze fallen, aber ähnlich oder sogar stärker wirken.
Joel Bellmont, Co-Leiter beim Drogeninformationszentrum Zürich, erklärt, dass dies ein Nebeneffekt eines illegalisierten Markts sei: «Sobald eine Substanz verboten wird, taucht eine leicht abgeänderte Substanz auf dem Markt auf. Für Konsumierende bedeutet dieser Wettlauf zwischen Gesetzgebung und Herstellern oft ein erhöhtes Risiko.»
Gleichzeitig stelle dies auch Prävention, Schadensminderung und Gesundheitswesen vor Herausforderungen, da sie sich ständig an neue Marktveränderungen anpassen müssten.
Beim Umgang mit Jugendlichen hilft der offene Austausch
Wie sollen Eltern mit ihren Kindern über Drogen und Sucht sprechen? Joel Bellmont empfiehlt einen offenen Austausch auf Augenhöhe. Jugendliche machten sich ohnehin Gedanken über Konsum – auch dann, wenn sie selbst nicht direkt betroffen seien.
Wichtig sei es, sie dabei zu begleiten und Unsicherheiten gemeinsam zu besprechen. Entscheidend ist laut Fachpersonen: Wer offen über Substanzen spricht, regt Konsum nicht an. Schweigen sei in der Regel keine bessere Strategie.
Cannabis-Debatte in der Schweiz
Die Frage nach einer Legalisierung von Cannabis beschäftigt die Community. Ivo Krizic von Sucht Schweiz erklärt, dass seit 2023 in mehreren Städten Pilotprojekte laufen, bei denen Erwachsene die Substanz legal über zugelassene Stellen beziehen können.
Ziel ist es, die Auswirkungen verschiedener Modelle zu prüfen. Erste Ergebnisse aus Lausanne gelten als vielversprechend: «Weniger Schwarzmarktkonsum, geringeres Risiko für verunreinigte Produkte, ein Rückgang des Konsums und mehr Kontakt mit dem Gesundheitssystem.»
Bei härteren Drogen bleibt die Debatte deutlich komplexer: «Auf der einen Seite argumentieren Befürworter, dass eine Regulierung Qualitätskontrollen ermöglichen, den Schwarzmarkt schwächen und den Zugang zu Hilfe erleichtern würde. Auf der anderen Seite ist Kokain deutlich risikoreicher als Cannabis, mit hohem Abhängigkeitspotenzial und schweren Gefahren für die Psyche und die körperliche Gesundheit», so Krizic.