Bechern bis zum Erbrechen ist out. Jüngste Zahlen zeigen: Jugendliche und Erwachsene trinken immer weniger Alkohol. Während früher auf jede gediegene Tafel eine – besser mehrere – Flaschen Rotwein gehörten, steht dort nun immer häufiger Mineralwasser. Aber: Was wäre, wenn plötzlich alle Menschen nüchtern wären? Immer.
Der Welt würde es sehr viel besser, gleichzeitig aber auch schlechter gehen.
Eine cleane Welt. Eine Welt, in der kein Mensch Drogen nimmt und niemand ein Gläschen über den Durst trinkt. Ist eine solche Welt denn möglich? Und wenn ja: Würden wir in einer solchen Welt überhaupt leben wollen? Und wenn wir es tatsächlich versuchen würden: Ginge es uns dann wirklich besser, oder am Ende vielleicht sogar schlechter?
Zwei Seiten einer Medaille
«Der Welt würde es sehr viel besser, gleichzeitig aber auch schlechter gehen», sagt Kulturjournalist Jean-Martin Büttner: «Sehr viel besser würde es uns gehen, weil Drogenkonsum verheerende Folgen haben kann: Sucht, Armut, Demenz.»
«Schlechter würde es uns gehen, weil Drogen doch helfen, emotional sehr schreckliche Zustände überhaupt auszuhalten», erklärt Büttner. Aber wäre das Leben in einer nüchternen Welt, nicht einfach langweilig? «Nein», sagt Büttner: «Nüchternheit ist zwar sehr schwierig zu beschreiben, aber ausgesprochen spektakulär zu erleben.»
Substanzen als sozialer Kitt der Gesellschaft
«Drogen erfüllen häufig die Rolle des sozialen Klebers. Drogen können uns zueinander bringen – können Distanzen abbauen, ja sogar die Fortpflanzung erleichtern, weil Menschen die Hemmungen verlieren», sagt Boris Quednow, Professor für Psychologie an der Universität Zürich.
Nun wird Drogen und Alkohol gemeinhin eine noch wesentlich edlere Kompetenz zugeschrieben, als Enthemmung und Paarungsbereitschaft in jedes Bierzelt tragen zu können.
Ja, aber …
Drogen könnten die Kreativität des Menschen regelrecht boosten, sagen ihre Anhänger. Sie hätten deshalb die Entstehung bedeutender Kunstwerke und Musikstücke befruchtet und seien deshalb Teil des kulturellen Erbes der Menschheit.
Das kreative Potenzial von Drogen wird massiv überschätzt.
Psychologe Boris Quednow hält nichts von solchen Theorien. Beim Kokain habe sich im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen ganz klar gezeigt, dass User sich zu Beginn für omnipotent und super kreativ halten. Doch je länger der Konsum andauere, desto schlechter werde die Leistung der Probanden.
Ähnlich sei es beim sogenannten Mikrodosing, bei dem sich Konsumentinnen täglich eine kleine Dosis LSD gönnen. Kein einziger gemessener Parameter entwickelte sich in den Studien positiv: nicht die Zufriedenheit, nicht die Kreativität und auch nicht die Gesamtleistung. «Das kreative Potenzial von Drogen wird massiv überschätzt», sagt Quednow.
Besonders in der Kreativszene gefragt
Wenigstens in der Musikgeschichte könne man gewisse Spuren von drogeninduzierter Kreativität finden, sagt Kulturjournalist Büttner. So seien zum Beispiel auf dem Album «Revolver» der Beatles eindeutig psychedelische Einflüsse zu vernehmen.
Doch auch in der Musik gelte die Regel, dass Menschen, die ohne Drogen ideenlos seien, mit Drogen nicht plötzlich zu kreativen Genies würden.
Ein «All you need is Drugs» gäbe es wohl nirgendwo.