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Studie mit Schimpansen Affen führen Krieg: Was wir Menschen davon lernen können

Zwei Schimpansengruppen führen seit Jahren Krieg gegeneinander. Das ist aussergewöhnlich, erklärt ein Primatenforscher.

Was wurde herausgefunden? Im Kibale-Nationalpark in Uganda beobachtete ein Forschungsteam über 30 Jahre lang eine der grössten bekannten Schimpansengruppen. Die sogenannte Ngogo-Gruppe zählte zeitweise fast 200 Tiere. Was die Forschenden dabei dokumentierten, ist weltweit einmalig: Die Gruppe spaltete sich in zwei verfeindete Lager – und die einstigen Weggefährten begannen, einander zu töten. Die Studie erschien im Fachjournal «Science».

Warum führen die Affen «Krieg»? Die Ngogo-Gruppe war ungewöhnlich gross. Innerhalb der Gemeinschaft bildeten sich Cliquen, Freundschaften und Hierarchien, was für Schimpansen nicht aussergewöhnlich sei, so die Forschenden. Als 2014 mehrere Tiere starben und 2015 ein neues Alphatier die Führung übernahm, destabilisierte sich das soziale Gefüge und die Gruppe spaltete sich in zwei Untergruppen, die «Westgruppe» und die «Zentralgruppe». Aussergewöhnlich sei nun aber das, was folgt: Die neuen Gruppen fingen an, sich zu bekämpfen.

Was Jane Goodall damit zu tun hat

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Ein Schimpanse sitzt Jane Goodall auf den Schultern.
Legende: Keystone/JEAN-MARC BOUJU

Die Primatenforscherin Jane Goodall (die letzten Oktober gestorben ist) hat in den 1970er-Jahren in Tansania beobachtet, wie sich eine Schimpansengruppe spaltete – und die eine Fraktion alle Männchen der anderen tötete.

Der Fall galt jahrzehntelang als Ausnahme und Anomalie, denn die Beobachtungen waren lückenhaft, die Tiere wurden zugefüttert, was das Verhalten verfälscht haben könnte. Die neue Ngogo-Studie zeigt nun: Es war tatsächlich kein Einzelfall.

Wie sieht der «Krieg» aus? Ab 2016 begannen die männlichen Schimpansen der «Westgruppe», das gemeinsame Territorium zu patrouillieren – gezielt in Richtung der «Zentralgruppe». Was einst das Zentrum eines geteilten Gebiets war, wurde zur Grenze. Seit der endgültigen Trennung 2018 folgten koordinierte Angriffe: Mindestens sieben erwachsene Männchen wurden getötet, dazu mindestens 14 Jungtiere. «Das hat eine Gewaltspirale ausgelöst, die jetzt seit sieben Jahren läuft», sagt Primatenforscher Klaus Zuberbühler, der Schimpansen in Uganda erforscht und Professor an der Universität Neuenburg ist.

Warum töten Schimpansen? Ob Schimpansen so etwas wie Rache kennen, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, sagt der Forscher. Klar ist: Sie vergessen nicht. «Wenn einer umgebracht wird, sind sie bei der nächsten Begegnung sofort bereit zu eskalieren», sagt Zuberbühler. Die Studie zeigt zudem, dass die Angreifer gezielt frühere Weggefährten attackierten – Tiere, mit denen sie jahrelang gelebt, gefressen und patrouilliert hatten. Nicht Fremdheit, sondern die neue Gruppenzugehörigkeit machte sie zum Feind.

Ein Schimpanse sitzt auf einem Baumstamm.
Legende: Polarisierung, gegenseitige Meidung, schliesslich tödliche Gewalt: Erstmals haben Forschende über Jahrzehnte dokumentiert, wie sich eine Schimpansengemeinschaft in zwei Lager spaltet, die sich dann bekriegen. Alexander Ludwig/Colourbox

Was ist die Bedeutung der Forschung? «Das Phänomen ist bekannt, aber jetzt wirklich systematisch dokumentiert», sagt Primatologe Klaus Zuberbühler. Besonders bedeutsam: Die Gewalt entstand ohne ethnische, religiöse oder ideologische Unterschiede – Faktoren, die bei menschlichen Kriegen gerne als Konfliktgründe angegeben werden. Bei Affen zeigt sich nun aber, dass allein veränderte soziale Beziehungen ausreichten, um eine Gemeinschaft zu spalten. Das stellt gängige Erklärungsmodelle für menschliche Konflikte infrage.

Was können wir lernen? «Schimpansen sind unsere nächsten Verwandten auf diesem Planeten», sagt Zuberbühler, der regelmässig selbst Primaten beobachtet. «Jedes Mal erschreckt mich, wie menschenähnlich das aussieht.» Erkenntnisse zu ihrem Verhalten seien deshalb grundlegend – auch um zu verstehen, warum Menschen so handeln, wie sie es tun. «Wir haben das Primaten-Erbgut in uns drin.» Der entscheidende Unterschied zum Schimpansen: Menschen könnten das Verhalten verstehen und mit Sprache und Diplomatie gegensteuern. «Wir könnten es – und machen es nicht», kommentiert er die aktuelle politische Weltlage.

SRF 4 News, 10.04.2026, 16:23 Uhr ; 

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