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Allzeithochs an Aktienmärkten Die Welt ist in Schieflage – die Börsen gehen durch die Decke

Die aktuelle Weltlage scheint die Märkte nicht zu kümmern. Denn dort wettet man auf die Zukunft – berauscht vom KI-Hype.

Krisen und Kriege, wohin man schaut: von Gaza über die Ukraine bis in den Sudan und Venezuela. Dazu eine «regelbasierte Ordnung», die nur noch in Sonntagsreden auftaucht – die Grossmächte betreiben knallharte Interessenpolitik.

Der perfekte Sturm, um die Aktienmärkte aus den Angeln zu heben? Mitnichten. Sie erscheinen derzeit als Anker der Stabilität. So hat der Schweizer Leitindex SMI diese Woche ein neues Rekordhoch erreicht. Genauso wie der US-Index Dow Jones, der deutsche DAX und der Nikkei-Index in Tokio.

Boom an den Börsen

Was den Laien erstaunt, ist für Experten erklärbar. «Wahnsinnig speziell ist die Entwicklung nicht», sagt der Geldökonom Fabio Canetg. Er zieht den Vergleich zu einem Berglauf: Es geht immer höher, bis man ganz oben steht.

Auch die Märkte erreichen den Gipfel – in Form von Allzeithochs. «Hin und wieder geht es nach unten, im langfristigen Mittel aber nach oben», so der Wirtschaftsjournalist. «Deshalb ist es nicht so überraschend, dass der Aktienmarkt trotz all der Krisen immer noch hoch bewertet ist.»

In der langfristigen Perspektive spielt die aktuelle Unsicherheit nicht eine so grosse Rolle.
Autor: Fabio Canetg Wirtschaftsjournalist und Geldökonom

Der Markt widerspiegelt also nicht das diffuse Krisengefühl, das viele Menschen empfinden. Laut Canetg, der den Podcast «Geldcast» von Swissinfo moderiert, hat das vor allem einen Grund: Die Aktienmärkte blicken in die Zukunft. «Sie fragen sich, wie es Firmen in fünf oder zehn Jahren geht. Lohnt es sich, jetzt in eine Firma zu investieren, lassen sich einmal Gewinne abschöpfen?»

Eine Wette auf die Zukunft

Heisst: Von so manchen politischen Beben – wie soeben in Venezuela – lassen sich die Börsen nicht erschüttern. Was zählt, ist eine Wette auf die Zukunft. «In dieser langfristigen Perspektive spielt die aktuelle Unsicherheit nicht so eine grosse Rolle», erklärt der Geldökonom.

Dabei kann man allerdings aufs falsche Pferd setzen. Und wenn das viele machen, können die Märkte durchaus in Schieflage geraten. So wird seit geraumer Zeit vor einer Börsenblase gewarnt – wegen überhöhter Hoffnungen in die künstliche Intelligenz.

Person vor Nvidia Experience Center Schriftzug.
Legende: Der KI-Boom sorgt für eine Ablösung bei den wertvollsten Börsenunternehmen der Welt. Ende 2025 lag der Chiphersteller Nvidia mit einem Börsenwert von gut 4.5 Billionen Dollar vor dem langjährigen Spitzenreiter Apple. Keystone/EPA/Ritchie B. Tongo

Lösen sich die Erwartungen in die KI ein? Das ist die Gretchenfrage an den Börsen. «Ich glaube, dass die Aktienmärkte im Moment fragil sind», schätzt Canetg. Die Bewertungen der Tech-Aktien sind sehr hoch, verbunden mit enormen Gewinnerwartungen.

Verpufft der KI-Hype, droht ein Szenario wie bei der Dotcom-Blase der Jahrtausendwende. «Die Aktienmärkte sind damals regelrecht explodiert – und dann ist der Markt kollabiert. Es ging richtig viel Geld verloren», sagt Canetg.

Gefährlicher Hype: die Dotcom-Blase

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Mann vor NASDAQ-Bildschirm mit fallenden Kursen.
Legende: Keystone/AP/Beth A. Kaiser

In den späten 90er-Jahren wurden Firmen mit Geschäftsideen für das damals neue Internet mit Millionen- und Milliardenbewertungen an den Börsen gehandelt. Im März 2000 folgte der Absturz, viele Unternehmen gingen pleite, ihre Versprechen auf künftige Gewinne liessen sich nicht halten.

Der Wirtschaftsjournalist schränkt jedoch ein: Die Bewertungen der Tech-Firmen seien heute nicht ganz so hoch wie damals – die Fallhöhe also kleiner. Zumindest im Moment.

Das Quäntchen Glück

Das Börsen-Bonmot «Unsicherheit ist Gift» zählt also nur bedingt. Der Blick in eine (vermeintlich) goldene Zukunft lässt die Träume fliegen. «Wir wissen nicht, wer langfristig der Gewinner im Rennen um die Vorherrschaft der KI sein wird», schliesst Canetg. «Es ist immer ein Quäntchen Glück dabei, ob man auf die richtigen oder auf die falschen Firmen setzt.»

SRF-Fachredaktorin: «Politische Börsen haben kurze Beine»

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Einschätzung von Lucia Theiler, Wirtschaftsredaktorin von SRF: «Derzeit gilt das geflügelte Wort: ‹Politische Börsen haben kurze Beine.› Das grössere Umfeld für die Aktienbörsen hat sich durch den US-Militäreinsatz in Venezuela nicht geändert: Es ist weiterhin gut – dadurch steigen die Kurse.

Gleichzeitig läuft die Wirtschaft in vielen Ländern. In den USA sinken die Unternehmenssteuern. Aus Sicht der Firmen sind das gute Nachrichten, was sich auf die Aktien niederschlägt. Zudem erwarten viele Anlegerinnen und Anleger sinkende Zinsen. Auch das ist positiv. Ausserdem heizt der KI-Boom den Aktienmarkt an.

Bemerkenswert: In «normalen» Krisenzeiten sinken die Aktienkurse und die Anlegerinnen und Anleger gehen ins sichere Gold, was dessen Kurs in die Höhe treibt. Zurzeit sind aber die Börsen und auch das Gold im Hoch. Für Gold gibt es allerdings fundamentalere Treiber: Zum einen verschulden sich viele Staaten immer mehr – auch die USA. Die Frage ist, ob das auf lange Sicht gut gehen kann. Mit dieser Unsicherheit sinkt auch das Vertrauen in den Dollar.

Der Experte des VZ Vermögenzentrums beobachtet, dass sich vor allem auch Schwellenländer vom Dollar lösen wollen. Das sei jedoch gar nicht so einfach: Denn der Dollar ist dominant an den Aktien- und Obligationenmärkten sowie im internationalen Zahlungsverkehr und Handel. Darum kaufen Notenbanken Gold als sicheren Wert – und das machen auch andere grosse Anleger.

SRF 4 News, 7.1.2026, 6:47 Uhr ; 

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