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Legende: Audio «Beratung soll anständig, aber transparent bezahlt werden» abspielen. Laufzeit 03:45 Minuten.
03:45 min, aus SRF 4 News aktuell vom 24.05.2019.
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Druck auf Versicherungsbroker «Das Geld gehört den Versicherten und fehlt im Alter»

Mindestens 300 Millionen Franken pro Jahr verlieren Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, weil mit ihrem Vorsorgegeld Provisionen an Versicherungsbroker gezahlt werden. Provisionen kassieren Broker dann, wenn sie Arbeitgeber mit ihren Angestellten an eine Pensionskasse oder Vorsorgestiftung vermitteln.

SP-Nationalrat Mathias Reynard wollte vom Bundesrat wissen, ob er das für problematisch halte. Dieser schreibt nun: Solche Provisionen seien nicht im Interesse der Angestellten. Das Geld fehle den Versicherten im Alter. SRF-Wirtschaftsredaktorin Charlotte Jacquemart erklärt, warum das aktuelle System falsche Anreize schafft.

Charlotte Jacquemart

Charlotte Jacquemart

Wirtschaftsredaktorin, SRF

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Charlotte Jacquemart hat an der Universität Zürich Ökonomie studiert und arbeitet seit Juni 2017 als Wirtschaftsredaktorin bei Radio SRF. Zuvor war sie 13 Jahre lang bei der «NZZ am Sonntag» tätig.

SRF News: Warum gibt es solche Provisionen in der 2. Säule?

Charlotte Jacquemart: Wenn etwa ein KMU keine eigene Pensionskasse hat, weil es zu klein ist dafür oder keine Firmenpensionskasse führen will, geht ein Betrieb meist zu seinem Versicherungsmakler mit der Bitte, eine Pensionskasse zu suchen, der er sich anschliessen kann. Es gibt in der Schweiz unzählige Sammelstiftungen und Gemeinschaftseinrichtungen, denen man sich anschliessen kann. Vermittelt der Broker den Arbeitgeber an eine Pensionskasse, kriegt er von dieser Provisionen.

Der Broker erbringt ja eine Leistung. Wieso sind solche Provisionen trotzdem problematisch?

Das Problem ist, dass die Firma und vor allem die Arbeitnehmer meist nichts von diesen Zahlungen wissen. Die Provisionen werden aber mit ihrem Geld bezahlt. Und es ist nicht klar, welche Leistungen den gezahlten Provisionen gegenüber stehen.

Die Versuchung für Broker ist gross, die Firmen mit den Arbeitnehmern dorthin zu vermitteln, wo sie selbst am meisten verdienen.

Schliesslich bringen die Provisionen Versicherungsbroker in einen Interessenskonflikt. Die Versuchung für die Makler ist gross, die Firmen mit den Arbeitnehmern dorthin zu vermitteln, wo sie selbst am meisten verdienen – und nicht dorthin, wo die Firma die beste Vorsorgelösung bekäme. Heute läuft der Wettbewerb in der 2. Säule fast nur über diese Provisionen. Wer als Pensionskasse Provisionen zahlt, kriegt neue Versicherte – wer nicht zahlt, kriegt keine neuen Versicherten.

Wie bemessen sich die Provisionen?

Das ist unterschiedlich. Meist ist es ein Prozentsatz, zum Beispiel des Vorsorgekapitals aller Versicherten oder ein Prozentsatz der Lohnsumme. Der Bundesrat kritisiert vor allem, dass viele Broker wiederkehrende Provisionen erhalten – solche, die über die ganze Laufzeit des Vertrags zwischen einer Pensionskasse und einer Firma fliessen. Obwohl die Broker oft keinen Aufwand mehr haben. Es ist quasi Geld fürs Nichtstun. Und weil das Geld ist, das den Versicherten gehört und im Alter fehlt, will der Bundesrat nun handeln.

«Beratung darf in der Schweiz noch etwas kosten»

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Markus Lehmann, Präsident des Brokerverbands Siba, wehrt sich gegen die Kritik. Er sagt, sie seien unabhängige Berater, die für die Versicherten gemeinsam mit den Arbeitgebern die bestmöglichen Varianten erarbeiteten: «Dazu braucht es schlicht und ergreifend die Beratung. Und diese darf in der Schweiz ja noch etwas kosten.» Der schweizerische Pensionskassenverband (Asip) hat allerdings begrüsst die Stossrichtung des Bundesrats. Das heutige Entschädigungsmodell sei tatsächlich problematisch.

Lehmann dazu: «Ich bin nicht so sicher, ob der Asip mit dieser Argumentation durchkommen wird.» Es gebe ein strukturelles Problem in der Altersvorsorge. Die Pensionskassengelder seien bei schwacher Verzinsung angelegt, der Mindestzinssatz sei zu hoch angesetzt und der Umwandlungssatz problematisch: «Wir haben eine Umverteilung von über 7 Milliarden Franken jährlich. Das sind die wirklichen Probleme in der Vorsorge.»

Dagegen seien die Provisionen für Makler «marginal». Lehmann schliesst: Das heutige Systeme funktioniere – auch wenn es schwarze Schafe gebe.

Wie viel Geld verlieren Versicherte wegen solcher Provisionen?

Ein Beispiel: Nehmen wir an, jemand hat im Schnitt über 40 Arbeitsjahre einen versicherten Jahreslohn von 65'000 Franken. Dann verliert dieser Arbeitnehmer oder diese Arbeitnehmerin um die 24'000 Franken, bis er oder sie in Pension geht – wenn wir mal branchenübliche Provisionen unterstellen. Das ist viel Geld.

Wie könnte man das Vorsorgegeld der Arbeitnehmer besser schützen?

Besser wäre, die Broker nach Aufwand zu entschädigen. So wie andere Dienstleister auch bezahlt werden. In Skandinavien etwa ist das in der Vorsorge schon lange vorgeschrieben. Auch bei uns gibt es einige wenige Honorarberater. Denen geht es finanziell bestens. Ihre Beratung ist wichtig und man soll diese anständig bezahlen – dies aber transparent nach Aufwand und nicht mit der Giesskanne.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

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