Zum Inhalt springen
Inhalt

Fairer Handel Max Havelaar und UTZ in der Kritik: Bauern erhalten zu wenig Geld

Die Labels Fairtrade und UTZ sollen Kakao-Pflanzern mehr Einkommen ermöglichen. Doch viele Bauern merken kaum etwas davon.

Legende: Video Fairtrade & UTZ in der Kritik: Bauern erhalten zu wenig Geld abspielen. Laufzeit 28:59 Minuten.
Aus Kassensturz vom 29.01.2019.
  • Immer mehr Schokolade-Produkte sind mit einem Nachhaltigkeits-Label zertifiziert. Die bekanntesten Labels sind UTZ und Fairtrade (Max Havelaar).
  • Konsumenten gehen davon aus, dass solche Labels den Bauern ein existenzsicherndes Einkommen ermöglichen.
  • Eine «Kassensturz»-Reportage aus der Elfenbeinküste zeigt: Die zertifizierten Bauern haben – wenn überhaupt – nur einen kleinen Mehrwert.
  • Die ausbezahlten Prämien landen oft in den Kooperativen, nicht bei den einzelnen Bauern. Und wenn doch, dann machen sie keinen grossen Unterschied. UTZ und Fairtrade nehmen dazu Stellung.

In der Schweiz heissen die beiden bekanntesten Nachhaltigkeits-Programme Fairtrade Max Havelaar und UTZ. Ihr Ziel: Eine nachhaltige Produktion und eine bessere wirtschaftliche Situation für Kleinbauern-Familien in ärmeren Ländern.

Ein «Kassensturz»-Team bereiste verschiedene Kakao-Plantagen in der Elfenbeinküste, dem grössten Kakao-Produzenten der Welt.

UTZ-Prämien machen kaum einen Unterschied

Einer der besuchten Bauern ist Theodore Som Sansan. Er erntet Kakao für eine Kooperative, die UTZ-zertifiziert ist. Im diesem System handeln die Kooperativen mit UTZ eine Prämie aus, die sie als Bonus erhalten.

Mit den beiden Ernten im letzten Jahr erzielte Theodore Som Sansan knapp 4000 Franken Einkommen. Seine zusätzliche Prämie betrug umgerechnet 130 Franken, also gerade mal etwas mehr als drei Prozent. Dies mache kaum einen Unterschied: «Die Prämie hilft uns nicht aus der Armut, sie ist viel zu tief. Sie müsste steigen, um uns wirklich zu unterstützen.»

Legende: Video «Die Prämie ist zu tief. Sie hilft uns nicht aus der Armut.» abspielen. Laufzeit 00:16 Minuten.
Aus Kassensturz vom 29.01.2019.

Offenbar erhalten nicht einmal alle Bauern der Kooperative eine Prämie. Denn nur ein Teil des Kakaos kann als zertifiziert verkauft werden: «Das heisst, die meisten Bauern erhalten keine Prämie, nur den Preis für herkömmlichen Kakao», sagt der Ausbildner der Kooperative.

Das Geld landet nicht bei den Bauern

Im Landesinnern trifft das Team Bauern, die für das Siegel Fairtrade produzieren, in der Schweiz bekannt als Fairtrade Max Havelaar. Das Programm bietet einen Mindestpreis plus eine Prämie von 200 US-Dollar pro Tonne Kakao. Die Kooperative entscheidet, wie das Geld eingesetzt wird.

Einer der besuchten Bauern beklagt die Intransparenz: «Dank meiner Arbeit fahren andere einen Mercedes oder einen 4x4 mit Klimaanlage. Ich bin der, der an der Hitze schuftet.»

Legende: Video «Dank meiner Arbeit fahren andere einen Mercedes.» abspielen. Laufzeit 00:09 Minuten.
Aus Kassensturz vom 29.01.2019.

Als Prämie erhielt er für die letzten Ernten umgerechnet zwischen 9 und 26 Franken. Andere Bauern bestätigen, dass die Prämien zu tief sind, um einen Unterschied zu bewirken. Sie sind gezwungen, bei der Kooperative Kredite aufzunehmen. «Ich habe kaum Geld, um die Kinder zur Schule zu schicken. Wie soll ich das machen mit all den Schulden?»

Legende: Video «Ich habe kaum Geld, meine Kinder zur Schule zu schicken.» abspielen. Laufzeit 00:10 Minuten.
Aus Kassensturz vom 29.01.2019.

Stellungnahme Fairtrade: Wandel braucht Zeit

In einer Stellungnahme betont Fairtrade Max Havelaar, dass der Kakao-Sektor in Westafrika durch extreme Armut geprägt sei. Genau deshalb sei Fairtrade dort engagiert. Der Wandel brauche allerdings auch in Fairtrade-zertifizierten Kooperativen Zeit und könne die Bauern nicht so einfach aus der Armut heben. Fairtrade werde im Oktober 2019 den Fairtrade-Mindestpreis von 2000 auf 2400 US-Dollar erhöhen.

Legende: Video Interview mit Andreas Jiménez, Geschäftsleiter Fairtrade / Max Havelaar abspielen. Laufzeit 06:15 Minuten.
Aus Kassensturz vom 29.01.2019.

UTZ schreibt in einer Stellungnahme, man wolle den Schilderungen nachgehen. Generell müssten Kooperativen transparent darlegen, wie die Prämien verwendet werden. Dies stelle sicher, dass alle FarmerInnen profitierten. Dies würde jährlich überprüft. Auf wirtschaftlicher Ebene sei das Hauptanliegen von UTZ, die Produktivität der Bauern zu steigern – und damit auch die Einkommen.

Drei Firmen dominieren den weltweiten Kakao-Markt

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

52 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Ferdi Weibel (weibel)
    Leider wird die Arbeit von Max Havelaar durch das Treiben von Utz in Misskredit gebracht, und in der Sendung zum Teil verwechselt. Utz hat keine ethischen Standarts, zahlt keinen Mindestpreis und zahlt die Prämien willkürlich, und nur an gefügige Kooperativen. Was Utz dann mit der Ware macht, wird ja in der Sendung erklärt. Max Havelaar hingegen hat ethische und nachhaltige Standarts. Dahinter stehen zudem Hilfswerke, wie Brot für alle, Caritas Schweiz, Fastenopfer, Heks, Helvetas, Swissaid.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ferdi Weibel (weibel)
    Es freut mich, dass dieses Thema so viele Beiträge erzeugt. Es ist vielen Menschen in der Schweiz ein echtes Anliegen. Leider entseht Kritik wegen der Prämien. Die Krux an dieser ist aber, dass sie erst am Markt erwirtschaftet werden müssen. Da nur ein kleiner Teil der Ernten als Fairtrade in die Regale gelangt, fallen diese i.d.R. nicht hoch aus. Garantiert wird den Bauern nur der übliche Abnahmepreis. Wer noch mehr tun will und kann, dem wird es in einigen Kommentaren sehr gut erklärt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Reto Weber (reto_weber@bluewin.ch)
    Gemäss dem Kassensturzbeitrag funktioniert beim Thema Fairtrade offensichtlich noch nicht alles wunschgemäss und das ist natürlich schade. Vor allem deshalb, weil sich die erwähnten Label nach jahrelanger Aufbauarbeit endlich etabliert zu haben schienen. Die erwähnten Missstände dürften viele Konsumenten wieder zum Kauf der günstigeren Produkte verleiten. Aber ist das die Alternative? Der freie Markt sorgt sicher nicht für bessere Bedingungen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen