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Lehman-Brothers-Pleite «Tage, die ich so noch nie erlebt hatte»

Legende: Video In der Schweiz gerät vor allem die UBS ins Trudeln abspielen. Laufzeit 01:47 Minuten.
Aus Tagesschau vom 15.09.2018.

Der Bankrott der Investmentbank Lehman Brothers vor zehn Jahren traf die Finanzwelt ins Mark. Nach einer vermeintlich auf den US-Immobilienmarkt begrenzten Krise mussten Regierungen und Notenbanken weltweit Geldhäuser und ganze Volkswirtschaften stützen. Ist das Finanzsystem heute genesen? SRF hat mit Börsenexperte Jens Korte gesprochen.

Jens Korte

Jens Korte

Freier Börsenjournalist

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Jens Korte berichtet für das SRF von der Wall Street in New York. Bereits seit 1999 arbeitet er dort für verschiedene Medien. Im Jahr 2003 gründete er die Firma nygp – new york german press. Korte hat eine Lehre zum Industriekaufmann abgeschlossen und ein Studium der Volkswirtschaft in Berlin absolviert.

SRF: Jens Korte, wie haben Sie damals die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers miterlebt?

Jens Korte: Ich war live vor Ort bei der Finanzkrise. Am Sonntag war ich auch schon vor der New Yorker Notenbank, wo sich damals die Crème de la Crème der Finanzindustrie versammelt hatte. Am diesem Sonntag war schon klar, dass Lehmann Brothers pleitegehen würde. Und am Montag, jenem 15. September, war ich an der Börse.

Das waren natürlich dramatische Stunden und Tage und Wochen. Denn die Pleite der Lehmann Brothers war das eine. Aber dass die gesamte Wirtschaft kurz vor dem Kollaps stand, das zeigte sich eigentlich erst in den Tagen danach. Das waren Tage, die ich so in dieser Form noch nie erlebt hatte und seither auch nicht mehr erlebt habe.

Legende: Video «Es waren dramatische Stunden» abspielen. Laufzeit 00:35 Minuten.
Aus News-Clip vom 15.09.2018.

Was hat sich seither verändert?

Die Wallstreet ist nicht mehr die, die sie vorher gewesen ist. Die grossen Investmentbanken – Merrill Lynch, Goldman Sachs, Lehman Brothers, Bear Stearns – die gibt es seit dieser Zeit in der Form nicht mehr. Es wurden auch Hunderttausende Leute gefeuert – in der Finanzindustrie alleine schon. Heute sieht die Wallstreet fast ein bisschen aus wie eine Attraktion für chinesische Touristen. Und es gibt nicht mehr ganz so viele Händler und Banker, die da unten herumspringen.

Was gemacht worden ist: Eine starke Regulierung ist in Kraft getreten. Allerdings zielt diese Regulierung meiner Meinung nach in die völlig verkehrte Richtung. Man ist nur den Banken hinterhergegangen. Das heisst: Wenn es die Geschäfte da nicht mehr gibt – gibt es die jetzt nur woanders. Und es gibt sie in Bereichen, die deutlich weniger reguliert sind als es eben bei den Banken der Fall ist.

Legende: Video «Experten sprechen von der ‹Mutter aller Kreditblasen›» abspielen. Laufzeit 00:31 Minuten.
Aus News-Clip vom 15.09.2018.

Stehen die Banken denn effektiv besser da? Ist das Finanzsystem wieder gesund?

Die Banken an sich stehen recht solide da. Und auch wenn man das in Europa manchmal anders sieht: Die amerikanischen Banken sind gesünder als viele Banken in Europa. Damit meine ich nicht unbedingt die Schweizer Banken, sondern ich denke da etwa an Italien oder auch an Frankreich.

Viele Experten an der Wallstreet sprechen von der ‹Mutter aller Kreditblasen›, die sich hier möglicherweise aufgebaut hat.

Das heisst aber nicht, dass wir nicht wieder eine Krise bekommen könnten. Nur: Eine Krise sieht nie aus wie die alte. Wir sehen dann eine neue Krise. Und was wir dann sehen – hängt auch teilweise mit den Massnahmen zusammen, die nach der Finanzkrise ergriffen worden sind: Die Zinsen wurden auf null gesenkt. Das hat Unternehmen dazu verleitet, sich enorm viel Geld zu leihen. Und viele Experten an der Wallstreet sprechen von der ‹Mutter aller Kreditblasen›, die sich hier möglicherweise aufgebaut hat. Das könnte so eine mögliche neue Krise auslösen: dass nicht nur die USA, sondern letztendlich die ganze Welt einen gewaltigen Schuldenberg aufgeblasen haben. Und der könnte durchaus auch platzen.

Das Gespräch führte Stefanie Pauli.

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