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Miese Arbeitsbedingungen Pfannen «Made in China»: Tiefe Preise auf Kosten der Arbeiter

Legende: Video Pfannen «Made in China»: Tiefe Preise auf Kosten der Arbeiter abspielen. Laufzeit 15:11 Minuten.
Aus Kassensturz vom 28.08.2018.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die meisten in der Schweiz verkauften Pfannen stammen aus China.
  • Ein Bericht von Solidar Suisse zeigt: Die Arbeitsbedingungen in vier grossen chinesischen Fabriken sind zwar besser geworden, aber immer noch prekär.
  • Die ArbeiterInnen verdienen nur mit exzessiven Überstunden genug zum Überleben. Zudem sind sie ungenügend gegen Staub und Lärm geschützt.
  • Vor Ort lässt nur Ikea einen Besuch mit der Kamera in einer Fabrik zu.
  • Migros Coop und WMF schreiben, man nehme das Thema ernst. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken würden regelmässig überprüft.

Das Hilfswerk Solidar Suisse hat in Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation China Labor Watch nach 2016 erneut die Produktionsbedingungen in der chinesischen Pfannen-Branche recherchiert. Es zeigt sich: Noch immer ist die Liste der Missstände lang.

Verdeckter Ermittler: «Wer auffliegt, wird gefangen genommen»

Im Focus der aktuellen Untersuchung: Vier Fabriken, die für Coop, Ikea, Migros, Kuhn Rikon und die Marke WMF produzieren. Auch diesmal arbeiteten eingeschleuste, verdeckte Ermittler während mehrerer Wochen in den Firmen. Sie dokumentierten die Arbeitsbedingungen mit Interviews, Fotos und Filmen.

Eine riskante Arbeit. «Wer auffliegt, wird verhört oder sogar gefangen genommen», erzählt ein verdeckter Ermittler gegenüber «Kassensturz». Dann müsse man Notizen, Fotos und Filme auf dem Mobiltelefon löschen. Im letzten Jahr wurde ein versteckter Rechercheur in einer Firma einen ganzen Monat lang festgehalten.

Sein Arbeitseinsatz bei der Firma Master Group, die unter anderem Pfannen für Coop und WMF produziert, belegt viele Verstösse gegen das chinesische Arbeitsgesetz:

  • Auch zwei Jahre nach der ersten Untersuchung erhalten die Arbeiterinnen und Arbeiter noch immer einen Scheinvertrag. Die tatsächlichen Arbeitsbedingungen sind weitaus schlechter.
  • Die Angestellten arbeiten im Akkord.
  • Exzessive Überstunden werden nicht extra vergütet.
  • In manchen Fabriken wird 27 Tage am Stück gearbeitet.
  • Zudem sind die Angestellten am Arbeitsplatz viel zu wenig gegen Staub, Dreck und Lärm geschützt.
Legende: Video Versteckte Recherche in Pfannenfabrik in China abspielen. Laufzeit 00:54 Minuten.
Aus Kassensturz vom 28.08.2018.

Existenzsichernder Lohn nur dank massiver Überstunden

Simone Wasmann von Solidar Suisse hat die Untersuchung in Auftrag gegeben. Ihr Fazit ist ernüchternd: «Wir konnten zum Glück gewisse Verbesserungen feststellen, das ist positiv. Aber leider beginnen wir auf einem sehr tiefen Niveau.» Etwas vom Wichtigsten sei, dass nun Sozialversicherungen bezahlt würden. Die Studie zeige auch, dass die Löhne gestiegen seien. Jedoch seien auch die neuen Löhne nicht existenzsichernd. Nur wer massiv Überstunden leistet, ohne Zuschlag, verdiene genug zum Leben.

27 Tage am Stück arbeiten

In China ist pro Woche ein Ruhetag von 24 Stunden vorgeschrieben. Der Bericht zeigt: In manchen Fabriken arbeiten Arbeiter bis zu 27 Tage in Folge – ohne Zuschläge. Auch das ist ein massiver Verstoss, auch gegen chinesisches Arbeitsrecht. «Noch immer ist der Arbeiterschutz nicht gewährleistet. Zudem können die Arbeitnehmer ihre Rechte nicht einfordern», kritisiert Wasmann.

Ikea öffnet Türen zu Vorzeigefabrik

WMF, Migros und Coop nehmen vor der Kamera keine Stellung. Nicht einmal Pfannen in den Warenhausauslagen darf «Kassensturz» filmen. Anders Ikea. Ein «Kassensturz»-Team darf in der Fabrik «Kingzon» filmen. Kingzon liegt in der Nähe von Shanghai und wurde im Bericht von Solidar Suisse nicht untersucht.

Fabrik-Direktor Jianzhong Tang distanziert sich von den Missständen: «Ich bin zutiefst betroffen, wenn ich solche Berichte lese». Kingzon behandle die Angestellten gut, nur so würden sie gute Arbeit leisten. Zehn Millionen Pfannen fertigt Kingzon pro Jahr. Ikea ist der wichtigste Kunde – der Grossteil der Pfannen geht an das schwedische Einrichtungshaus.

Doch laut dem Report von Solidar Suisse lässt Ikea – wie Kuhn Rikon – auch in der Fabrik Ri Xing produzieren. Das belegen auch Fotos von verpackten Ikea-Pfannen, die der verdeckte Informant dort aufgenommen hat. Diese Fabrik gehört zu den im Bericht kritisierten Firmen. Ikea dementiert und betont, man habe keine Kenntnisse über Geschäftsbeziehungen zu Ri Xing. Man werde der Sache jedoch nachgehen.

Verdrechter Mundschutz und verdreckte Handschuhe.
Legende: Mundschutz und Handschuhe zeigen: Die Arbeiter sind starkem Staub ausgesetzt. SRF

Kuhn Rikon: «Kunden wollen billige Pfannen»

Die Schweizer Firma Kuhn Rikon produziert hochwertigere Pfannen zwar am Standort im Zürcherischen Tösstal. Doch das ist teuer. Deshalb lässt auch die Schweizer Firma ihre günstigeren Pfannen in China herstellen. So lässt auch Kuhn Rikon bei einer im Bericht kritisierten Fabrik produzieren.

Geschäftsführer Tobias Gerfin erklärt, warum: «Der Markt und die Konsumenten wollen Produkte, die zu diesen Kosten in der Schweiz einfach nicht herstellbar sind.» Denn eine Pfanne aus China koste bis zur Hälfte weniger als eine Pfanne aus der Schweiz. Als kleiner Kunde könne Kuhn Rikon die Arbeitsbedingungen in China nicht verbessern, sagt Tobias Gerfin. Deshalb spricht er sich mit grösseren Unternehmen ab und versucht so gemeinsam Veränderungen zu erwirken. «Man kann nicht zu einem Lieferanten gehen und sagen: Du musst jetzt all diese Sachen erfüllen. Dieser Lieferant wird darauf antworten, indem er nicht mehr liefert. So ist das Problem für die Mitarbeiter dort nicht gelöst.»

Schweizer Grossverteiler: Regelmässige Kontrollen

Migros, Coop und WMF schreiben, sie würden das Thema ernst nehmen. Man würde die Arbeitsbedingungen in den Fabriken regelmässig überprüfen und Audits mit Zertifikat durchführen.

Migros schreibt, sie würden einen Fokus auf die Bereiche Arbeitsrechte, Arbeitssicherheit und Dialog setzen, um so Fortschritte zu erreichen.

Coop und Migros teilen weiter mit, sie unterstützten die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Deshalb seien Sie im Austausch mit Solidar Suisse.

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29 Kommentare

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  • Kommentar von Franz Brun (FB56CH)
    Wenn die Grossverteiler Ihre unverschämten Margen reduzieren würden, könnten die Arbeitsbedingungen in China massiv verbessert werden !
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    1. Antwort von Andy Lüthi (Andi Lüthi)
      Exakt! Angenommen eine China-Pfanne kostet bei uns 100 CHF. Wieviel davon fliesst wohl zum eigentlichen Wertschöpfer zurück? Und wieviel wird durch Zwischenhandel, Detailhandel, Marketing,...abgarniert? Folgende These: Würde die Pfanne bei uns 105 Franken kosten und die zusätzlichen 5 Franken würden 1:1 dem Hersteller zugesprochen, könnten auch die lieben Arbeiter wunderbar damit leben (sofern natürlich der Arbeitgeber nicht den ganzen Mehrerlös seinem eigenen Konto gutschreibt).
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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Machen wir uns nichts vor: es sind traumhafte Produktionsbedingungen in China. Arbeiter sind als Ressource so billig und zahlreich vorhanden, dass sie jede Automation um Längen schlagen. Ausfälle sind schnell, unkompliziert und folgenlos ersetzt. Auf solche Bedingungen arbeitet man Stück für Stück auch in Europa hin. Mir der Blindheit gegenüber TTIP und Co. wird das der Industrie auch gelingen...
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  • Kommentar von W Streuli (Wernu)
    Auf der einen Seite finde ich es ja toll,das sich so mancher Verfasser über die Arbeitsbedingungen in China nervt,was die Pfanne angehen,aber leider seit ihr eine erdrückende Minderheit,weil die Masse an homo sapiens denkt nicht soweit beim Kauf,nur günstig muss es sein.Bei importierten Textilien aus Bangladesh siehts ja nicht besser aus.Man vergisst halt schnell und geht zur Tagesordnung über
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