Zum Inhalt springen
Inhalt

Nach Postauto-Skandal 11.70 Franken: Dumpinglöhne beim Post-Konzern

Zeitungsverträger in Genf arbeiten laut der Gewerkschaft Unia für Dumpinglöhne: Gemäss Schätzungen liegen die tiefsten Stundenlöhne bei 11.70 Franken. Recherchen von «10vor10» zeigen: Jetzt greift das Genfer Arbeitsinspektorat ein. Die Post kündigt eine interne Untersuchung an.

Legende: Video FOKUS: Dumpinglöhne im Post-Konzern abspielen. Laufzeit 06:26 Minuten.
Aus 10vor10 vom 09.11.2018.

Antonio Londono ist einer von rund 160 Verträgern, die in Genf und der Waadt für wenig Geld jeden Morgen ab drei Uhr Zeitungen in die Briefkästen zustellen. Er arbeitet für die Genfer Firma Epsilon, eine 100-Prozent-Tochterfirma der Schweizer Post.

Zeitungsverträger: «Wie kann ich von diesem Lohn leben?»

Londono arbeitet seit acht Jahren für die Post-Konzerngesellschaft Epsilon – sein Stundenlohn ist seit 2011 nie gestiegen. Londono sagt im Interview mit «10vor10»: «Mein Septemberlohn war 1977 Franken. Ich weiss nicht, wie ich von diesem Lohn in Genf leben kann.»

Londono fährt zwei Touren, jeden Morgen ab drei Uhr für mindestens 4.5 Stunden, montags bis samstags. Seine Arbeit entspricht einer 60 Prozent-Arbeit und ergäbe – konservativ berechnet – auf eine 100 Prozent-Stelle einen Monatslohn von rund 3100 Franken. Das Problem laut Personalvertretern: Die Post-Tochter Epsilon berechnet den Zeitaufwand für die Touren tiefer, als die Zeitungsverträger effektiv unterwegs sind.

Genfer Arbeitsinspektorat führt eine Untersuchung

Recherchen zeigen: Der Präsident der paritätischen Arbeitsinspektoren des Kantons Genf, Joel Varone, führt eine Untersuchung gegen die Post-Tochter Epsilon. Bereits für nächsten Montag stehen erste Gespräche an mit Spitzenvertretern der Post. Varone: «Im Kanton Genf untersteht die Firma Epsilon dem gesetzlichen Mindestlohn in dieser Branche von rund 20 Franken. Bezahlt sie diese Löhne nicht, sind Bussen möglich.»

Konkret wird die Genfer Arbeitsbehörde in den nächsten Wochen den tatsächlichen Zeitaufwand der Zeitungsverträger und die ausbezahlten Stundenlöhne überprüfen. Laut Insidern ist die Lohnabrechnung der Post-Konzerngesellschaft höchst intransparent.

Unia erwartet Lohnnachzahlungen von rund 100'000 Franken

Zahlreiche Personalvertreter der Epsilon-Mitarbeitenden haben die Gewerkschaft Unia Genf über die Zustände informiert. Unia-Sekretär Alessandro Pelizzari: «Die tiefsten Stundenlöhne liegen bei 11.70 Franken laut unseren Schätzungen.» Die Gewerkschaft gehe davon aus, dass die Post-Tochter rund 100'000 Franken in den letzten Jahren zu wenig bezahlte Löhne nachzahlen müsse.

Der Genfer Verträger Antonio Londono: «Wir Zeitungsverträger in der Romandie fühlen uns wie die Familienmitglieder der Post, für die nur die Krümel übrigbleiben.»

Legende: Video Postsprecher Flüeler: «Hatten Aussprache mit den Gewerkschaften» abspielen. Laufzeit 00:23 Minuten.
Aus News-Clip vom 09.11.2018.

Post: «Wollen neu Gesamtarbeitsvertrag einführen»

Die Firma Epsilon wollte kein Interview geben und zweifelt die tiefen Löhne an. Die Schweizer Post hat diesen Sommer vom Arbeitskonflikt in der Romandie erfahren – und verspricht jetzt im Interview mit «10vor10» erstmals konkrete Massnahmen, um die Situation der Westschweizer Zeitungsverträger zu verbessern.

Post-Sprecher Oliver Flüeler: «Wir haben eine interne Untersuchung angeordnet und arbeiten mit dem Arbeitsinspektorat in Genf zusammen. Stundenlöhne von 11.70 Franken sollte es nicht geben. Die Post plant jetzt einen Gesamtarbeitsvertrag. Wir sind mit den Gewerkschaften so weit, um Verhandlungen zu starten.»

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

28 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Bruno Hochuli (Bruno Hochuli)
    Darum Lagern viele Betriebe teile ihres Betriebes aus um den Angestellten Hungerlöhne zu bezahlen und damit sie keine Pensionskassen Beiträge bezahlen müssen. Aber bei den Steuern wollen sie besonders berücksichtigt werden, nämlich möglichst wenig zu bezahlen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Wendy Elizabeth Müller (Wendy)
    Ich bojkottiere die Post. Auch Pakete verschicke ich nun mit UPS oder Fedex. War auch lange PostFinance Kunde aber im neuen Jahr wird's teurer ohne Grund was eine Frechheit ist, weil es ja gar keine richtige Bank ist. Bin zur UBS gewechselt. Am besten gibt man der Post kein Geld mehr und weicht auf alternativen um.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Tim Hager (egocogito)
      Vom Regen in die Traufe Frau Müller. Oder meinen Sie wirklich, dass bei UPS und Fedex bessere Arbeitsbedingungen herrschen? Und ausgerechnet zu UBS wechseln, einer Bank die seit Jahren von Skandalen überschüttet ist. Ich würde der UBS nicht mal einen Sack Reis anvertrauen, geschweige denn mein Geld.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Simon Weber (Weberson)
    Eine Doku die ich kürzlich gesehen habe belegt das selbe bei einer DHL-Tochterfirma in Deutschland. Die Leute (vielfach Ausländer) arbeiten >50h pro Woche für einen schlechteren Lohn, als ihre Kollegen die direkt bei DHL angestellt sind unf ca 35h pro Woche arbeiten. Ich kann den Tag kaum erwarten, wo dieser Turbokapitalismus und das ganze heutige Finanzsystem, das einige Wenige reich macht, endlich in sich zusammenfällt und Raum für ein gerechteres, ausgeglicheneres System freigibt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Philippe Herdener (Philippe Herdener)
      Bedingungsloses Grundeinkommen?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Simon Weber (Weberson)
      Hallo Herr Herdener. Ich fand die Idee mit dem bedingungslosen Grundeinkommen sympatisch. Das Niveau der Menschen ist aber noch zu tief, um es nicht auszunutzen. Nebst dem müssen auch zuerst noch mehr Roboter, Ki oder Maschinen unsere Arbeit übernehmen, bis wir die Nötigkeit dieses Grundeinkommens verstehen. Ein guter Beginn wäre Vollgeld. Die Macht von den Banken wegnehmen und dem Staat (dem Volk) geben. Aber leider sollte das weltweit geschehen und da sehe ich momentan noch ziemlich schwarz..
      Ablehnen den Kommentar ablehnen