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Steigende Anleihe-Renditen Am Finanzmarkt braut sich ein Sturm zusammen

Tiefe Zinsen waren gestern. Seit Wochen steigen die Renditen von Anleihen an – rund um die Welt und auf Niveaus, die seit der Finanzkrise nicht mehr erreicht wurden. Das bedeutet: Geld wird teurer und Aktien kommen unter Druck. Droht eine neue Finanzkrise?

Was geschieht am Anleihenmarkt? Es ist diese Grafik, die Investierende nervös macht: Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsobligation ist Mitte Woche auf 5.2 Prozent gestiegen. Das ist das höchste Niveau seit der Finanzkrise 2007. Die Rendite der zehnjährigen US-Treasury, der Massstab für viele Kredite in den USA, ist ebenfalls auf fast 4.7 Prozent gestiegen. Analysten sprechen von einer «Gefahrenzone» für die Finanzmärkte, aus verschiedenen Gründen: Einerseits klettern die Zinsen schnell. Andererseits passiert es weltweit: In Grossbritannien liegt die zehnjährige Staatsanleihe auf dem Niveau von 1998. In Japan ist die entsprechende Rendite auf 2.8 Prozent geschossen, ein Niveau, das letztmals im Jahr 2000 beobachtet wurde. In Europa nähern sich die Renditen der Staatsanleihen von Frankreich oder auch Deutschland den Niveaus der Eurokrise 2012.

Anleihen zeigen Gesundheitszustand der Finanzmärkte

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Aktienmärkte können in kurzer Zeit massiv schwanken. Anleihenmärkte (auch Bondmärkte genannt) sind im Gegensatz dazu bedächtig unterwegs. Deshalb wird es Beobachtern mulmig, wenn es am Bondmarkt zu starken Bewegungen kommt. Wie eben jetzt.

Das Mass aller Dinge dabei ist die Rendite der Anleihen oder eben Bonds. Schiesst diese in kurzer Zeit deutlich in die Höhe, kann das auf Verwerfungen im Finanzmarkt hinweisen. Deshalb sind die Bondmärkte ein guter Gradmesser für die Gesundheit der Finanzmärkte. Im Slang der Investoren: «Bond-Renditen haben fast immer recht.»

Was verursacht den globalen Zinsanstieg? Haupttreiber ist die Inflationserwartung – getrieben vom Iran-Krieg, der verteuerten Energie und dem gestörten Welthandel durch das Zollchaos. Je höher die Inflation, desto mehr Zins verlangen Anleger, um sich für die Geldentwertung entschädigen zu lassen. Schliesslich stellen sie Regierungen, Firmen und Privatpersonen für lange Zeit Kapital zur Verfügung und wollen in einigen Jahren, wenn Kredite und Anleihen auslaufen und zurückbezahlt werden, nicht mit weniger Geld dastehen als zum Zeitpunkt der Kreditvergabe.

Wieso sind schnell steigende Anleiherenditen gefährlich für die Finanzmärkte? Steigende Zinsen üben Druck aus auf andere Anlageklassen, so auf Aktien. Denn höhere Zinsen machen Anleihen für Anleger attraktiver im Vergleich zu risikoreicheren Aktien. Weil viele Aktien mittlerweile teuer sind, könnte ihr Absturz umso heftiger ausfallen, falls die Anleiherenditen weiter steigen. Laut einer Umfrage der Bank of America rechnen aktuell 60 Prozent der Fondsmanager damit, dass die Rendite von 30-jährigen US-Staatsobligationen über 12 Monate auf 6 Prozent steigen wird.

Warum sprechen alle von Japan? Japan besitzt am meisten US-Staatsanleihen, rund 1000 Milliarden Dollar. Weil es in Japan keine Zinsen gab, war es für die Japaner in Ordnung, diese Anleihen zu halten. Nun aber steigt die Rendite in Japan stark an. Ipek Ozkardeskaya, Analystin bei der Bank Swissquote, glaubt, dass es nicht mehr viel brauche, bis japanische Investoren ihre US-Anleihen in grösserem Stil auf den Markt werfen und heimische Titel kaufen, weil diese nun wieder rentieren – ohne Währungsrisiko. Ein japanischer Ausverkauf der US-Staatsanleihen würde die US-Renditen weiter anheizen.

Bauarbeiter und Bagger auf Baustelle in belebter Stadtstrasse.
Legende: Regierungen finanzieren Infrastrukturprojekte über Kredite und Anleihen. Steigen die Zinsen, fallen solche Vorhaben und die entsprechenden Jobs weg. REUTERS / Zoran Milich

Was heisst die aktuelle Lage für Normalverbraucher? Wenn langfristige Renditen steigen, hat das Einfluss auf die Realwirtschaft. Denn an den Anleiherenditen orientieren sich die meisten Zinssätze – für Firmenkredite, Hypotheken, Konsumkredite, die Schuldenaufnahme von Regierungen. Weil viele Länder bereits jetzt hoch verschuldet sind, vermögen viele Regierungen aber keine höheren Zinsen auf den Staatsschulden. Bremsen Zinsen die Realwirtschaft, führt das aber auch zu sinkendem Wachstum, Jobverlust und letztlich Stagflation – einer Mischung von Inflation und Stagnation. Letztlich ist eine neue Finanzkrise nicht ganz auszuschliessen.

SRF 4 News, 20.5.2026, 7:57 Uhr; wilh

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