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Studie von Travailsuisse So flexibel ist die Arbeitswelt wirklich

Viele Unternehmen werben mit flexiblen Arbeitszeitmodellen. Doch immer weniger Angestellte können ihre Arbeitszeiten mitbestimmen.

Legende: Audio Flexible Arbeitszeiten sind Fluch und Segen abspielen. Laufzeit 03:42 Minuten.
03:42 min, aus Rendez-vous vom 12.10.2018.

Für das «Barometer gute Arbeit» befragte Travailsuisse 1500 Arbeitnehmende aus den unterschiedlichsten Branchen. Dabei zeigte sich: In den letzten vier Jahren hat sich der Anteil jener, die keinerlei Einfluss auf ihre Arbeitszeiten haben, erhöht. Mittlerweile ist das bei fast jedem fünften der Fall.

In der Realität heisst das, dass kurzfristiger bestimmt wird, wann und wie lange man arbeiten muss.
Autor: Gabriel FischerTravailsuisse

Gleichzeitig hat der Anteil der Personen mit sehr viel Einfluss auf ihre Arbeitszeiten auf etwa einen Viertel abgenommen. Die Mehrheit der Befragten kennt zudem keine gleitenden Arbeitszeiten.

Gabriel Fischer von Travailsuisse zieht daraus den Schluss: Bisher können demnach längst nicht alle Angestellten von mehr Freiheit profitieren: «Man spricht zwar von flexiblen Arbeitszeiten. In der Realität heisst das aber, dass kurzfristiger bestimmt wird, wann und wie lange man arbeiten muss; allenfalls Überstunden zu leisten sind, weil ein wichtiger Auftrag erfüllt werden muss.»

Deckmantel für Kostenoptimierung?

Es sei eine einseitige Flexibilisierung, sagt Fischer. Die Unternehmen würden teils unter dem Deckmantel «Flexibilisierung» ganz einfach nur Kostenoptimierung betreiben. Der Arbeitgeberverband widerspricht.

Arbeitgeber und -nehmer sässen im gleichen Boot. Die Unternehmen hätten ein offensichtliches Interesse, mittels Autonomie die schädliche Wirkung von Arbeitsbelastungen zu reduzieren und damit Erschöpfung und Burnouts zu verhindern.

Die Bedingungen im Betrieb, damit man überhaupt Teilzeit oder flexibel arbeiten kann, müssen gegeben sein.
Autor: Simon WeyArbeitgeberverband

Allerdings sei eine solche Flexibilisierung nicht in allen Firmen möglich, gibt Simon Wey vom Arbeitgeberverband zu, sondern nur bei einem bestimmten Teil der Arbeitnehmerschaft: «Es gibt viele Berufe, in denen das von den Tätigkeiten, den Arbeitszeiten und der Branche her einfach nicht möglich ist. Von daher müssen die Bedingungen im Betrieb gegeben sein, damit man überhaupt Teilzeit oder eben flexibel arbeiten kann.»

Fluch und Segen für die Gesundheit

Die Flexibilisierung von Arbeitszeiten ist auch auf dem politischen Parkett ein Thema. Mit zwei parlamentarischen Vorstössen sind Bestrebungen für eine weitreichende Flexibilisierung der Arbeitszeitregelungen im Gange.

Gewerkschaften monieren, eine Lockerung der Arbeitsbestimmungen sei per se krankmachend. Sie drohen deshalb mit einer Volksabstimmung, sollte die Flexibilisierung des Arbeitsgesetzes im Parlament durchkommen.

Es geht darum, dass ich mit dem Arbeitgeber im Dialog stehen und meine Bedürfnisse einbringen kann und diese gehört werden.
Autor: Georg BauerPräventivmediziner, Universität Zürich

Präventivmediziner Georg Bauer von der Universität Zürich sagt, dass Arbeitnehmer mit viel Freiheiten bis zu einem gewissen Grad vor Erschöpfung durch zu lange und intensive Arbeit geschützt seien. Er warnt aber auch vor Risiken wie etwa längeren Arbeitszeiten oder zu kurze Ruhepausen.

Eine Frage der Unternehmenskultur

Deshalb sei es umso wichtiger, dass die Flexibilisierung ein Wechselspiel zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber sei, so Bauer: «Es geht darum, dass man gute Aushandlungsprozesse hat, dass ich mit dem Arbeitgeber im Dialog stehen und meine Bedürfnisse einbringen kann und diese gehört werden.»

Das alles erfordere eine Unternehmenskultur, die eine gewisse Mitarbeiterorientierung hat, so der Arzt. Die Freiheit, die schützt und motiviert, haben jene, die sich den Arbeitstag und die Woche selbst einteilen können. Doch dazu müssen die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz stimmen.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Bei dem Produktivitaetsfortschritt der Digitalsierung ohne deren Missbrauch wuerde eine Vollarbeitszeit von 30 Wochenstunden mit Blockzeiten von 10 bis 12 und 14 bis 16 Uhr fuer Gewinnsuechtlingskontakte voll ausreichen. Blaulichtberufe und andere dringende Beduerfnisse von Konsumenten sind mit voll vorausgeplanten Schichtdiensten abzudecken: Mit 100 Prozent Lohnzuschlag von 22 Uhr bis 06 Uhr, und 50 Prozent Lohnzuschlag an uebrigen Wochenenden und werktags ausserhalb der Block- und Nachtzeit...
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  • Kommentar von Chloe Müller (Chloe)
    Jeder kann sich ja selber den Beruf und auch den Arbeitgeber aussuchen. Es gibt eine sogenannte freie Berufswahl. Starte im November eine Ausbildung zur Personenschützerin und weiss schon am Anfang dass der Job kaum flexibilität zulässt aber ist meine Wahl. Schon während der Ausbildung hat man ein 2 tägige Übung ohne Schlaf und so sieht dann auch der Alltag aus. Aber eben ist meine Entscheidung. Ich will das.
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    1. Antwort von Roman Kellermeister (rkellermeister)
      Geht es im Artikel um Berufswahl? Sie wählen unflexibel Einsätze, schön für Sie...Andere haben nichts zu wählen... und manche haben noch eine Familie um die „flexiblen Einsätze“ zu managen. M.E. etwas zu selbstzentrierte Betrachtung.
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    2. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      Bei der Besetzung der Schoggistellen mit Lohndoempern ist das nicht ihre freie Wahl, sondern ihre einzige Chance, trotz EU-PFZ doch noch eine Stelle zu ergattern....
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  • Kommentar von Ueli von Känel (uvk)
    Es gibt sicher eine Reihe von Arbeitgebern, die menschlich mit den Arbeitnehmern umgeht, dann gibt es aber auch zahlreiche, die die Arbeinehmer schlecht behandeln. Aber das grundlegende Problem liegt in der neoliberalen Wirtschaftsordnung, die ein System heraufbeschworen hat, wo der wirtschaftlich Stärkere den Schächeren auffrisst. Wir werden durch dieses System innerlich wie äusserlich ausgebeutet. Es bräuchte soziale Grundregeln, die die Wirtschft zu Gunsten innerer Qualität kanalisiert.
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    1. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      Herr von Känel, ich bin der Meinung, dass soziale Grundregeln nicht genügen werden. Denn, ob EU, CH, globale Wirtschaft, Hayeks Prinzipien und das nicht einfach so zufällig und naturgegeben, feiern Hochzeit. In der EU paart sich zudem dieser ultraliberale 'Realismus' mit einer Art 'wissenschaftlichem Sozialismus'. Beide getrieben die GesetzGebung der Politik streitig zu machen. Herrschen soll nach deren Gusto eine Universalität und beinahe magische Naurgesetzmässigkeit der Wirtschaft.
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    2. Antwort von Ueli von Känel (uvk)
      Frau Kunz, danke für Ihre Reaktion! Was könnten den Ihrer Meinung nach praktische Schritte sein, um befreiend gegen diesen innerlich zerstörenden Neoliberalismus griffig Gegensteuer zu geben - zur Gesundung der Gesellschaft(en)?
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    3. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      ... Ohne die Aneignung durch die Menschen, die Arbeiterschaft, was, wer, wie und wo Wert in jedwelcher Gesellschaft erzeugt, schafft, also die 'Aneignung' des abstrakten Arbeitsbegriffes wie auch der konkreten Arbeit .... denn dort ist ja die Quelle des Wertes und des Selbstwertes in allen Gesellschaften, keine wirklich Änderungen möglich sein werden ... und wie Chris Hedges erst vor kurzem gesagt hat, die herrschende Klasse, wird dreckig und gemein spielen ...
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    4. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      @Kunz - Die Welt braucht weder einen Kapitalismus ohne Schutz von Arbeitnehmern, Konsumenten, Umwelt und Staat, noch einen Sozialismus mit Globalfantasten auf gueldenen Verwaltungsratssitzen. Gewinnsuechtlinge sollen frei agieren koennen. Allerdings von Politik und Juxtiz auf die Finger geschaut und geklopft, wenn sie Staat, Umwelt, Konsumenten oder gar Arbeitnehmern schaden. Monopolbetriebe gehoeren (wieder) verstaatlicht, um Monopolrenten auf dem Puckel von Konsument und Buerger zu keulen....
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