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Ökonom Hans-Werner Sinn über Deutschlands Weg aus der Krise
Aus SRF 4 News aktuell vom 03.12.2020.
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Teil-Lockdown in Deutschland Top-Ökonom Sinn: «Die jetzige Methode ist viel intelligenter»

Deutschland hat den Teil-Lockdown bis am 10. Januar verlängert. Der renommierte deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn war bislang optimistisch, er sprach von einem «umgekehrten Wurzelzeichen» bei der Wirtschaftsentwicklung: rascher Absturz, rascher Aufschwung, aber auf niedrigerem Niveau als ursprünglich. Nun beurteilt er die Lage während der zweiten Corona-Welle.

Hans-Werner Sinn

Hans-Werner Sinn

Emeritierter Wirtschaftsprofessor

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Der emeritierte Münchner Wirtschaftsprofessor war von 1999 bis 2016 Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung. Heute beschäftigt er sich vor allem mit dem Euro, dem Klimawandel, der Demographie und Migration. Er hat die wirtschaftliche Coronakrise analysiert und dazu das Buch «Der Corona-Schock. Wie die Wirtschaft überlebt» geschrieben.

SRF News: Sind Sie weiterhin so optimistisch, Herr Sinn?

Hans-Werner Sinn: Wir haben definitiv einen sehr starken Aufschwung im dritten Quartal gehabt. Der zweite Lockdown reduziert den Optimismus wieder. Aber: Wir haben inzwischen auch die Impfung. Die Zeichen stehen auf Optimismus, das nächste Jahr wird im Zeichen eines weiteren Aufschwungs sein. Man kämpft sich mühsam wieder hoch.

Der deutsche Staat hat allein für November und Dezember 30 Milliarden Euro aufgewendet. Wie lange kann er das noch machen?

Wir sind in der guten Situation, dass wir vor der Krise bei der Schuldenquote knapp unter 60 Prozent waren – im Gegensatz zu all den anderen Ländern. Die jetzige Verschuldung ist natürlich ein Problem. Die Schuldenquote wird wohl massiv steigen, in Richtung 77 Prozent. Wir dürfen es nicht übertreiben. Aber das ist Schnee von gestern. Die Entscheidungen sind gefallen. Wir müssen jetzt impfen, impfen, impfen, damit die ganze Sache auf diese Weise bekämpft wird.

Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin
Legende: Restaurants, Museen und andere Freizeiteinrichtungen bleiben in Deutschland über die Festtage geschlossen. Reuters

Man macht einen relativ leichten Lockdown und federt ihn mit enorm viel Geld ab. Das heisst, es dauert lange und kostet enorm viel. Macht diese Strategie Sinn?

Es kostet lange nicht so viel wie im Frühjahr. Die betroffenen Sektoren machen nur vier Prozent der Wertschöpfung aus. Durch den Lockdown im Frühjahr sind viel grössere Kosten entstanden. Nicht für den Staat, aber für die Gesamtwirtschaft. Die jetzige Methode ist viel intelligenter.

Die bisherige Strategie, Kurzarbeit zu zahlen, war ein Anreiz zu Hause zu bleiben.

Vom Grundsatz her machen wir Dinge wie den Vergnügungsbereich und den Tourismus zu und erlauben den Menschen für die Kernarbeit in der Wirtschaft zusammenzukommen. Dann haben sie auch einen Anreiz zur Arbeit zu gehen, treffen dort ihre Kollegen und Freunde. Die bisherige Strategie, Kurzarbeit zu zahlen, war ein Anreiz zu Hause zu bleiben.

Wie gross wird die Arbeitslosigkeit Ende Jahr sein?

Unter fünf Prozent. Das ist keine grosse Affäre. Wir fangen es immer noch mit Kurzarbeiter-Geld ab.

Erwarten Sie eine Armutsentwicklung in Deutschland? Es sind riesige Geldmengen im Umlauf. Viele Deutsche besitzen keine Immobilien, Häuser und Wohnungen. Ihr Geld entwertet sich.

Sie sagen zu Recht: Wer Häuser und Wohnungen hat, wäre von einer Inflation nicht betroffen. Betroffen sind diejenigen, die ein bisschen was haben, aber nicht arm sind. Diejenigen also, die kein Realvermögen besitzen, sondern Sparbücher und Lebensversicherungsverträge. Das war übrigens die Gruppe, die 1923 in der Hyperinflation verloren hat und dann radikalisiert wurde. Das ist eine latente Gefahr.

Ein Inflations-Szenario ist vorstellbar.

Man muss aber die Zeitperspektive im Auge behalten. Es gab eine gewaltige Aufblähung der Geldmenge. Wenn eine Inflation entstünde, wäre diese schwer zu bremsen. Das viele Geld könnte man kaum einsammeln. Das heisst aber nicht, dass das eine Inflation verursacht. Denn das Geld wird zunächst gehortet und nicht ausgegeben. Ein Inflations-Szenario ist aber vorstellbar: Die Corona-Impfungen wirken, die Weltwirtschaft boomt, die Öl- und Importpreise steigen, es gibt eine Lohn-/Preisspirale und die Inflation geht hoch. Das ist aber schwer zu prognostizieren.

Das Gespräch führte Deutschlandkorrespondent Peter Voegeli.

SRF 4 News, 03.12.2020, 10:04 Uhr;

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29 Kommentare

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  • Kommentar von Detlef Brügge  (Useful)
    @KEM
    Sie sind wirklich herausfordernd mit Ihren Einschätzungen.
    1.) LZ-Nebenwirkungen werden immer erst nach der Markteinführung von Medikamenten klar-immer, das war auch bei Aspirin so
    2.) Sie haben keinerlei Vorstellung, wieviele Medikamente gentechnisch hergestellt werden. Das hat nichts mit Genmanipulation zu tun.
    3.) Genmanipulierte Lebensmittel verändern zu ihrer Produktion das Genmaterial von Pflanzen u. Tieren-kein direkter Eingriff beim Menschen !
    Informieren, sonst Maske !
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  • Kommentar von Thomas Schmid  (Hand und Fuss)
    "Top"-Ökonom. Hm. Der gegen den mickrigen Mindestlohn von ca. 10 Euro war, der diesen auch jetzt noch abschaffen will - stattdessen soll "der Staat" Lohnzuschüsse übernehmen, so dass man dann wieder bei 5 oder 7 Euro pro Stunde ankommt.
    Die extremst Vermögenden dürfen natürlich keine Steuern zahlen, denn es gebe ja den "Trickel-Down-Effekt" durch die Investitionen dieser Wohlhabenden.
    Dass dieser Effekt nicht stattfindet, ist mittlerweile klar.
    Aber man recherchiert eben heute nicht mehr.
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    1. Antwort von Noah Schmid  (Schmid)
      Eine Studie des Internationalen Währungsfonds aus dem Jahr 2015 ergab, dass „wenn der Einkommensanteil der obersten 20% (der Reichen) steigt, das BIP-Wachstum mittelfristig tatsächlich abnimmt, was darauf hindeutet, dass Gewinne nicht nach unten durchsickern“, während „eine Zunahme des Einkommensanteils der unteren 20% (der Armen) mit einem höheren BIP-Wachstum verbunden ist.“
      So viel zum Trickle-Down-Effekt von angeblichen 'Top-Ökonomen'.
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    2. Antwort von Lukas Gubser  (Mastplast)
      Das BIP wird hauptsächlich vom Mittelstand gehoben der das Geld auch ausgibt und nicht nur für das Notwendigste.
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  • Kommentar von Noah Schmid  (Schmid)
    Schon merkwürdig, dass HW Sinn immer noch eine Plattform eingeräumt wird, obwohl er sich mit seinem faktenresistenten Kampf gegen erneuerbare Energien und für neue AKW längst desavouiert hat. (Trotz weltweit massiven Subventionen verliert Kernenergie seit 1996 Marktanteile und obwohl Kernenergie nur 2% des Weltenergiebedarfs deckt, sind die Europäischen Uranminen längst versiegt).
    Auch dass Staatsschulden anders betrachtet werden müssen als Privatschulden, wird er wohl auch nie verstehen.
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    1. Antwort von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
      Sinn hin oder her, Staatsschulden sind ein Problem, die Negativzinsen können langfristig zu einen grossen Problem werde. Ein Satz in ehren von 51 Lönder die über 130% Statsschulden hatten ist nur 1 ohne fremde Hilfe stabil Japan. Alle anderen kommen da nur mit sehr viel Schmerzen raus. Staatsschulden sind ein Problem. Zum Glück ist heute der Geldmarkt so gross und vielfältig.
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    2. Antwort von Thomas Schmid  (Hand und Fuss)
      @Noah Schmid: Stimme komplett zu.
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    3. Antwort von Noah Schmid  (Schmid)
      Irgendjemand muss sich verschulden, damit Geld in der Realwirtschaft ankommt (Geld wird im Wesentlichen durch Kredite geschöpft). Wenn der Privatsektor während einer Krise keine Kredite mehr aufnimmt, dann muss das zwangsläufig der Staat tun, wenn keine Deflation provoziert werden soll (was wiederum zu einer schweren Rezession bzw. Depression führen kann). Das ist einfach mathematisch gegeben.
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