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Ungenutztes Potenzial Unfreiwillig Teilzeit: So profitieren die Arbeitgebenden

Teilzeit zu arbeiten, ist für viele ein Privileg. Doch 260’000 Erwerbstätige möchten mehr arbeiten. Die Hintergründe und die neusten Zahlen.

Darum geht es: In der Schweiz möchten 14 Prozent der Teilzeitarbeitenden mehr arbeiten. Das zeigen die Zahlen des Bundes. Die Uni Zürich hat nun die Gründe für die Unterbeschäftigung in einer neuen Studie untersucht. Fazit: Teilzeitangestellte, die mehr arbeiten möchten, sind für Arbeitgeber attraktiv – denn sie kosten weniger. Zum Beispiel weil sie flexibler eingesetzt werden können, etwa am Wochenende oder für Extraschichten. So können Unternehmen schwankende Auftragslagen zu einem Teil ausgleichen.

Darum ist es wichtig: Die Unterbeschäftigung steigt trotz Fachkräftemangel, nicht nur in der Schweiz, sondern auch in verschiedenen Ländern Europas und in den USA. Studien zeigen, dass diese unfreiwillige Teilzeit und die grosse Unsicherheit, die damit verbunden ist, für die Betroffenen eine Belastung darstellen. Frauen sind viel stärker betroffen als Männer. Migrantinnen arbeiten häufiger unfreiwillig Teilzeit als Schweizerinnen. Aber oft sind auch Mütter, die nach einer Kinderpause gerne wieder mehr arbeiten würden, betroffen. Unfreiwillige Teilzeitarbeit ist ein Armutsrisiko. Besonders verbreitet ist sie in der Gastronomie (23 Prozent), im Detailhandel (18 Prozent) und bei den Reinigungskräften (23 Prozent).

Die Studie zur Reinigungsbranche: Die Autorinnen der Studie, Karin Schwiter und Reta Barfuss, haben die Reinigungsbranche genauer untersucht. In dieser Branche arbeiten viele Migrantinnen und Migranten. Schwiter sagt: «Sie finden zwar rasch Arbeit, aber nur Arbeit auf Abruf. Sie finden keine existenzsichernde Arbeit.» Darum kombinierten sie mehrere Jobs, putzten frühmorgens Büros, tagsüber Wohnungen und am Abend wieder Büros. Reta Barfuss sagt: «Viele der Frauen sind zwar unterbeschäftigt, aber überarbeitet.»

Eine junge frau reinigt mit einem Dampfsauggerät den Spannteppich im Zimmer eines Einfamilienhauses.
Legende: In der Reinigungsbranche arbeiten 67 Prozent der Beschäftigten Teilzeit, und rund jede vierte Reinigerin möchte gern mehr arbeiten. Keystone / GAETAN BALLY

Die Ein-Stunden-Verträge: Laut Studie sind in der Reinigung sogenannte Ein-Stunden-Verträge verbreitet. Vereinbart ist dann beispielsweise «mindestens eine Stunde pro Woche». In der Praxis arbeiteten die Beschäftigten oft mehr, je nach Bedarf des Arbeitgebers. Diese zusätzlichen Stunden sind aber nicht garantiert. Das ist legal, die Arbeitnehmenden müssen lediglich im Voraus wissen, wann sie eingesetzt werden. Wenn sie über längere Zeit mehr eingesetzt werden, können sie auf die zusätzlichen Stunden bestehen. In der Praxis lässt sich das aber nur schwer durchsetzen, weil die Reinigerinnen auf die Arbeit angewiesen sind.

Beispiel Dalinda: die Pensionskassenhürde

Box aufklappen Box zuklappen

Dalinda lebt und arbeitet seit zehn Jahren in der Schweiz. Sie hat einen spanischen Pass. Sie erzählt, dass sie von verschiedensten Arbeitgebern in der Reinigung jeweils zu Beginn viel eingesetzt worden sei. Aber dann wurden ihr plötzlich Einsätze gestrichen. Also suchte sie eine andere Stelle. Immer wieder dasselbe Muster.

Sie vermutet, dass ihr die Arbeitgeber keine Pensionskassenbeiträge bezahlen wollten. Denn die Stunden seien jeweils gestrichen worden, sodass sie nie mehr als 1800 Franken pro Monat verdient habe. Arbeitgebende müssen erst Pensionskassenbeiträge bezahlen, wenn ihre Angestellten pro Jahr mehr als 22’680 Franken verdienen (früher lag die Eintrittsschwelle tiefer).

Reinigungsunternehmen räumen den Studienautorinnen gegenüber offen ein, dass sie es auch wegen der Pensionskasseneintrittsschwelle vorziehen, viele Angestellte in Kleinpensen zu beschäftigen, als wenige mit grösserem Pensum.

Dalinda musste sich weitere Jobs suchen, denn von 1800 Franken könne man in diesem Land nicht leben. Das Problem der verschiedenen Jobs: Die Wege dazwischen sind nicht bezahlt. Sie hat von frühmorgens bis spätabends geputzt und trotzdem kaum genug verdient zum Leben. Zudem hat sie ständig weitergesucht.

Heute geht es ihr besser: Sie reinigt nur noch im Quartier, in dem sie wohnt. So sind die unbezahlten Wege zwischen den Wohnungen viel kürzer. Zudem verdient sie etwas mehr pro Stunde. Heute arbeitet sie Vollzeit und erhält Pensionskassenbeiträge.

Das sagen die Arbeitgeberverbände: Der Schweizerische Arbeitgeberverband wollte sich auf Anfrage von SRF nicht zum Thema äussern. Das sei kein Verbandsthema, sondern eines der betroffenen Branchen. Doch bei Allpura, dem Arbeitgeberverband der Gebäudedienstleistungen, heisst es: Das sei ein branchenübergreifendes Thema. Allpura schreibt lediglich: «Als Branchenverband setzen wir uns für faire Arbeitsbedingungen sowie für die Einhaltung der gesetzlichen und gesamtarbeitsvertraglichen Vorgaben ein.» Der Verband sensibilisiere seine Mitglieder und erarbeite gemeinsam mit den Sozialpartnern gute Lösungen.

Echo der Zeit, 12.5.2026, 18 Uhr

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