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Starker Schweizer Franken: Was sagt die Wirtschaft?
Aus Rendez-vous vom 02.09.2021.
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Wechselkurs-Entwicklung Starker Franken – und niemand klagt

Selten war der Franken stärker als jetzt: Aktuell kostet ein Euro 1 Franken 08. Trotz des starken Frankens sind bislang kaum Klagen von Schweizer Unternehmen zu hören. Ganz anders als in früheren Jahren.

Die Firma Sensirion aus Stäfa produziert Sensoren, um die Luftqualität, die Temperatur oder den Feinstaub zu messen. 99 Prozent aller Produkte exportiert die Firma ins Ausland. Ein starker Franken macht ihre Waren grundsätzlich teurer.

Trotzdem sei der aktuelle Wechselkurs momentan kein Problem, sagt Geschäftsführer Marc von Waldkirch: «Ein starker Frankenkurs ist wie ein Fitnessprogramm. Er erhöht den Druck, innovativ zu sein. Wenn Sie ein innovatives Produkt haben, können Sie auch bei einem schwierigen Frankenkurs grundsätzlich ein gutes Geschäft machen.»

Ähnlich tönt es auch bei der SFS Group aus dem St. Gallischen Heerbrugg. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 10'000 Angestellte und stellt Präzisionsteile für die Elektronik- und Autoindustrie her. Auch SFS exportiert den weitaus grössten Teil seiner Güter. Entsprechend gross ist die Bedeutung des Wechselkurses.

Geschäftsführer Jens Breu: «Mit dem Kurs von 1.08 leben wir gut. Wir haben uns an diese Situation angepasst.» Intern habe SFS selbst eine Euro-Franken-Parität simuliert mit dem Resultat, dass «wir damit nicht mehr im grünen aber noch im gelben Bereich wären», so der gelernte Maschineningenieur.

Die Pandemie überlagert den starken Franken

Der starke Frankenkurs ist auch deswegen etwas in den Hintergrund gerückt, weil Firmen jüngst mit anderen Problemen zu kämpfen hatten: Zuerst mit der Pandemie, aber ebenso mit fehlenden Fachkräften und mangelnden Rohstoffen.

Trotzdem gibt es Unternehmen, denen der Wechselkurs immer noch zu schaffen macht: etwa dem Zughersteller Stadler Rail. Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler: «Heute haben wir zwar gelernt, mit dem starken Franken umzugehen, aber wir leiden nach wie vor. Der Franken ist noch immer 10 bis 15 Prozent überbewertet.»

Auch Martin Hirzel, Präsident des Verbandes der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem), betont, dass der starke Franken nach wie vor eine der grösseren Herausforderungen sei: «Aktuell ist der Kurs unter 1.10. Wir sind sonst schon ein teurer Standort und der jetzige Wechselkurs macht uns noch teurer.»

Wie stark ist der Schweizer Franken?

Innerhalb der Wirtschafts- und Unternehmenswelt ist allerdings umstritten, wie stark der Schweizer Franken ist. Für die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist der Franken zwar nicht mehr «massiv» überbewertet, aber immer noch «hoch» bewertet, so die aktuelle Einschätzung.

Das ist der Grund, weshalb die SNB in den vergangenen Jahren den Franken gezielt geschwächt hat und darauf bedacht war, dass sich der Franken nicht innerhalb von kurzer Zeit zu stark aufwertet.

Die 1.08 von heute sind nicht die 1.08 von 2011. Wir können heute bei diesem Wechselkurs fast problemlos mit dem Ausland wettbewerben.
Autor: Klaus Wellershoff Professor für Nationalökonomie, Universität St. Gallen

Dieses Ziel verfolgt die SNB, indem sie im grossen Stil punktuell Fremdwährungen – vor allem Dollar und Euro – aufkauft. Diese Fremdwährungen sind nun im Besitz der SNB und bilden den Devisenbestand. Seit dem ersten Aufwertungsschock 2011 ist der Bestand von 200 Milliarden auf annähernd 1000 Milliarden Franken angewachsen (Stand: Ende Juni 2021).

Der starke Schweizer Franken

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Legende: Keystone

Im Nachgang zur globalen Finanzkrise von 2008/2009 wurde der Schweizer Franken zu einem sogenannt «sicheren Hafen» für ausländische Vermögen. Diese Entwicklung führte zu einer stetigen Aufwertung des Frankens, die durch die europäische Schuldenkrise in den Jahren 2010 und 2011 verstärkt wurde.

Kostete ein Euro im Januar 2010 noch 1.48 Franken, so war es im August 2011 noch 1.08 Franken. In der Folge führte die Schweizerische Nationalbank (SNB) eine Wechselkursuntergrenze von 1.20 Franken ein, um eine weitere Aufwertung zu unterbinden. Diese Grenze gab sie im Januar 2015 auf. Seither pendelt der Kurs zwischen 1.20 Franken und 1.06 Franken.

Anders beurteilt Klaus Wellershoff, Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partners, die aktuelle Situation. Der Franken sei höchstens noch «marginal» überbewertet: Die Schweizer Unternehmen hätten sich nicht mit dem starken Franken abgefunden, sondern hätten stark an der eigenen Produktivität gearbeitet, so sein Urteil.

Gleichzeitig gibt er auch zu bedenken, dass der heutige Wechselkurs nicht mehr vergleichbar sei mit dem Wechselkurs von vor zehn Jahren: «Die 1.08 von heute sind nicht die 1.08 von 2011. Wir können heute bei diesem Wechselkurs fast problemlos mit dem Ausland wettbewerben.»

Das hat damit zu tun, dass die Produktionskosten im Ausland stärker gestiegen sind als im gleichen Zeitraum in der Schweiz. Diese Entwicklung mindert die negativen Auswirkungen des starken Frankens.

2011, 2015 und die Gegenwart

In der Tat ist die Situation heute eine andere als 2011 oder 2015: Vor zehn Jahren erfolgte die Frankenaufwertung innerhalb von wenigen Monaten und 2015 – bei der Aufhebung des Euro-Mindestkurses – sogar innerhalb von wenigen Minuten: Güter «Made in Switzerland» wurden schlagartig teurer. Diese Aufwertung habe sie damals «unvorbereitet» getroffen, resümiert Peter Spuhler von Stadler Rail.

Marc von Waldkirch von Sensirion ergänzt: «Wenn der Wechselkurs stark schwankt, dann ist es schwieriger überhaupt, Planungen zu machen.» Bei schnellen Wechselkursschwankungen fehlt den Unternehmen schlicht die Zeit, sich an die veränderte Wechselkurssituation anzupassen: Neue Produktionsprozesse oder gar effizientere Maschinen zu entwickeln und zu installieren, benötigt eine gewisse Zeit.

Jens Breu von SFS beispielsweise rechnet jeweils mit neun bis achtzehn Monaten, bis seine Firma die Herstellungsverfahren und Prozesse an die neue Wechselkurssituation angepasst habe.

In jüngster Vergangenheit hat sich der Schweizer Franken nicht schlagartig aufgewertet, sondern schrittweise, was den Unternehmen Zeit verschafft hat. Dies ist ein wesentlicher Grund, weshalb Schweizer Unternehmen heute gelassener mit dem starken Franken umgehen.

Rendez-vous, 02.09.2021, 12:30 Uhr

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Christoph Stadler  (stachri)
    Wie ich schon vor Monaten geschrieben habe: Die Devisenkäufe der SNB werden nichts bringen. Was schreiben die SNB-Fans heute, die mich damals verspottet haben?
    Auch die Minuszinspolitik unserer wirtschaftshörigen SNB hat zur Folge, dass die Rente der zukünftigen Pensionären immer kleiner wird und man keinen Zins mehr auf seinem ersparten Guthaben hat. Nein, ich kann unserer SNB kein gutes Zeugnis ausstellen – im Gegenteil...
    1. Antwort von Hanspeter Schwarb  (Ganymed)
      Herr Stadler , da wäre ich nicht so sicher. Sie wissen ja nicht wie es rausgekommen wäre, hätte es diese Stützungskäufe nicht gegeben. Der Franken ist mittlerweile ein Objekt der Devisen Spekulanten , ähnlich wie Gold. Diesen Spekulanten muss man zu verstehen geben, dass nicht alles der Markt regelt
  • Kommentar von Nicola Roos  (Roos)
    Seit der Finanzkrise 2008 wird die Exportindustrie dank eines künstlich geschwächten Frankens durch CH-Konsumenten (tieferen Kaufkraft) subventioniert. Bis heute sind diese Subventionen auf eine unglaubliche Summe von einem jährlichen BIP der Schweiz gewachsen. Überspitzt gesagt, könnten damit die Schweizer 1 Jahr gratis Ferien machen. Die aktuelle Strategie der SNB ist daher unter anderem auch aus Bilanzrisikogründen kaum mehr zu verantworten und schreit nach einem längst fälligem Kurswechsel.
    1. Antwort von Franz Heeb  (fheeb)
      Und der wäre ?
    2. Antwort von Christoph Stadler  (stachri)
      @Heeb: Der Blick in die Vergangenheit hat gezeigt, dass künstliche Regulier- und Spekulationsversuche früher oder später immer von der Realität eingeholt wurden. Auch unsere im Vergleich zur EZB, US-Zentralbank etc. geradezu winzige SNB muss das früher oder später einsehen.
      Im Übrigen versuchen alle Nationalbanken die eigene Währung zu schwächen. Die Schweiz ist auch ein sehr grosses Import-Land, wo eine starke Währung auch Vorteile hat. Das wird oft vergessen...
  • Kommentar von Lukas Beutel  (dre)
    Viele Betriebe, die exportieren, müssen auch Rohmaterial importieren. Dieses wird natürlich günstiger und kann so einen Teil abfedern. Letztlich hat sich die Schweizer Wirtschaft immer angepasst. Der USD-Kurs war auch mal 1.70 wie halt auch der Euro mal 1.60 war.