Die Schweiz ist nicht viersprachig, sie ist vielsprachig: Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung hat eine Hauptsprache, die keine offizielle Landessprache ist (viele davon beherrschen zusätzlich eine Landessprache).
Bei den Kindern sind es sogar 40 Prozent, die zu Hause zwei oder mehr Sprachen sprechen, wie Erhebungen des Bundesamtes für Statistik zeigen. Diese familiäre Mehrsprachigkeit kann ein Gewinn sein, ist aber auch eine Herausforderung.
Es braucht Überwindung
Besonders herausfordernd ist es, eine Sprache zu pflegen, die kein hohes Prestige hat. Shpresa Jashari, Sprach- und Sozialwissenschaftlerin an der Pädagogischen Hochschule Zug, kennt dies aus ihrer Forschung, aber auch aus dem eigenen Alltag mit zwei Kindern: «Wenn ich im Zug Albanisch spreche, schauen meine Kinder um sich und fragen mich, warum ich nicht Schweizerdeutsch rede.»
Jasharis Kinder scheinen zu spüren, dass Albanisch in der Öffentlichkeit irgendwie unziemlich ist. Und auch Jashari selbst muss sich überwinden, nicht den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und ins Schweizerdeutsche zu wechseln.
«Gute» und «schlechte» Mehrsprachigkeit
Zwar gilt Mehrsprachigkeit generell als wünschenswert. Allerdings hängt diese Bewertung stark von verschiedenen Umständen ab, etwa vom sozioökonomischen Status, erklärt Shpresa Jashari: Die Mehrsprachigkeit von ökonomisch bessergestellten Personen (Typ «Expat») werde von der Gesellschaft positiv bewertet, diejenige von Menschen, die einkommensschwachen oder bildungsfernen Gruppen zugerechnet werden (Typ «Immigrant»), hingegen weniger. Man muss sich Mehrsprachigkeit also gewissermassen gesellschaftlich leisten können.
Die Bewertung unterscheidet sich auch von Sprache zu Sprache. Während westliche Sprachen wie Englisch oder Französisch als Trümpfe gelten, werden Kenntnissen in Albanisch, Türkisch oder Polnisch in der Schweizer Gesellschaft oft kein grosser Mehrwert beigemessen. Eine SRF1-Hörerin berichtet, dass ihre Mutter in den 1950er-Jahren bewusst nicht ihre Muttersprache Polnisch, sondern Hochdeutsch mit den Kindern sprach: «Sie wollte nicht eine Sprache aus dem Ostblock mit uns sprechen.»
Herkunftssprachen sind Brücken
Ungeachtet der gesellschaftlichen Bewertung sei die Pflege einer Herkunftssprache wertvoll, sagt Shpresa Jashari: «Mit der Sprache bekommt man auch Zugang zur eigenen Geschichte. Und sie ist eine Brücke zu Gleichsprachigen in der Schweiz und in der weltweiten Diaspora.»
Viele mehrsprachige Eltern möchten diesen wertvollen Zugang auch ihren Kindern ermöglichen. Manche setzen sich dabei auch unter Druck: Sie wollen ihre Sprachen möglichst «gut» weitergeben, und achten darauf, sie nicht zu vermischen.
Sprachen dürfen sich auch mischen
Der Entscheid, ob und wie man den eigenen Kindern eine Nicht-Landessprache weitergibt, wird also nicht im luftleeren Raum gefällt, sondern in einem komplexen gesellschaftlichen Gefüge mit Wertungen, Erwartungen und Wünschen.
Shpresa Jashari plädiert für etwas mehr Entspannung: «Es ist ganz normal, dass sich in einem mehrsprachigen Umfeld die Sprachen mischen. Das bedeutet nicht, dass man die Sprachen so nicht richtig lernen kann.»
Genauso wichtig wie das persönliche Engagement sei eine Gesellschaft, die offen sei für eine vielsprachige Schweiz. Und da gebe es noch viel Entwicklungspotenzial.