Das passiert jetzt nicht wirklich, oder? 40 Minuten nach Showstart sind Linkin Park bei der Emo-Powerballade «Over Each Other» ihrer aktuellen Platte «From Zero» angelangt und als hätte die US-Band eine Wettermaschine in einem ihrer LKWs mitgebracht, öffnen sich über dem Zürcher Letzigrund die Wolkenschleusen und der angestaute Regen peitscht theatralisch über die 50'000 Fans im Stadion (oder zumindest alle mit einem unüberdachten Stehplatz).
Er lässt einfach nicht nach und die Musikerinnen und Musiker sind gezwungen, die von einer riesigen Lache bedeckte Bühne zu räumen. Ein Blick in den Himmel zeigt ... nichts mehr – sämtliche umliegenden Gebäude werden vom Sturm verschluckt, der Befürchtungen aufwirbelt: Die Linkin-Park-Show vor einem Jahr in Bern musste ultrakurzfristig abgesagt werden und nun könnte das Ersatzkonzert abgebrochen werden?
Die Veranstaltenden versichern alle zehn, 15 Minuten, dass es wahrscheinlich gleich weitergeht, während der Himmel langsam aufklart. Und tatsächlich: Nach 45 Minuten regnet es nur noch senkrecht statt wie eben in alle Himmelsrichtungen und die Gruppe aus Kalifornien kehrt zurück.
Laut – aber zögerlich
Es lässt sich aber nicht wegheadbangen: Die Pause hat der Show ordentlich den Schnauf genommen. Schnauf, der von vornherein nicht im Überfluss vorhanden zu sein schien. Auch wenn Linkin Park vom ersten Ton an allen Trommelfellen vor Ort den Krieg erklärt haben: Abgesehen von der Lautstärke drückt zunächst wenig – die Mitglieder spielen souverän, klammern sich jedoch an ihre Instrumente, die Visuals sind hübsch, aber zweckmässig und die grossen Nu-Metal-Songs («One Step Closer»! «Numb»! Papercut»!) sind da, elektrisieren die durchnässte Crowd aber bedingt.
Erst nach der Hälfte suchen die Co-Frontleute Mike Shinoda und Emily Armstrong den Kontakt zur Menge auf dem Catwalk vor der Stage. Speziell Armstrong hält sich lange zurück, bevor sie die Bühne zu ihrem Reich erklärt und das Publikum dirigiert.
Aus Ehrfurcht, weil sie – zusammen mit Drummer Colin Brittain – «die Neue» ist und das nicht unschwere Erbe von Chester Bennington angetreten hat, der vor neun Jahren Suizid beging und die Band zeitweilig zum Stillstand brachte? Weil Zürich der letzte Stop ihrer mit 100 Gigs durchaus anstrengenden Tour ist? Weil die Hitze auch am Dienstagabend noch drückt?
Zurück – aber noch nicht ganz
Dabei hat Emily Armstrong eigentlich keinen Grund, nicht voller Selbstvertrauen aufzudrehen. Wenn die 40-Jährige zum Schreien und Growlen ansetzt, ist das nicht weniger als markerschütternd und ein unglaubliches Gefühl. Ausserdem sind die neu aufgestellten Linkin Park ziemlich sicher der erste von einer Frau angeführte harte Rock-Act, der jemals im Letzi aufgetreten ist. Das ist ein wichtiger und längst überfälliger Meilenstein.
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Bild 1 von 5. Nach wie vor auch am Mic: Co-Frontmann Mike Shinoda (49), zuständig für die Rap-Parts und simplen, aber sympathischen Zwischenansagen. Bildquelle: Marco Masiello.
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Bild 2 von 5. Die Vibes stimmen bei Emily Armstrong, sie dürfte sie auf der Bühne aber noch etwas grosszügiger spreaden. Bildquelle: Marco Masiello.
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Bild 3 von 5. Was sie vor allem gegen Ende der ausverkauften Letzi-Show durchaus macht. Bildquelle: Marco Masiello.
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Bild 4 von 5. Turntabler Joe Hahn (49, links) und Bassist Dave Farrell (49, rechts) sind seit jeher dabei, Drummer Colin Brittain (39) ist wie Emily Armstrong 2024 bei Linkin Park eingestiegen. Bildquelle: Marco Masiello.
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Bild 5 von 5. Zürich ist der finale Stop der «From Zero»-Welttournee von Linkin Park, die im September 2024 begonnen hat. Jetzt macht die Band erst mal einen Abgang. Bildquelle: Marco Masiello.
Die Sängerin blüht allerdings immer wieder auf. Und zwar dann, wenn sie «ihre» Stücke von «ihrem» Album performen kann statt die aus der Chester-Bennington-Ära (die sie jedoch mühelos stemmt und ihnen neue Nuancen entlockt). Linkin Park haben mit dem Comeback nach dem Tod ihres Frontmanns Beeindruckendes geschafft – aber noch nicht, das Damals nahtlos mit dem Jetzt zu verknüpfen. Diesen Umstand spült auch kein Wolkenbruch biblischen Ausmasses so einfach weg.