«Das Leben auf der Strasse ist der Horror», sagt der 40-jährige Sandro. Der Luzerner lebte 23 Jahre lang mehrheitlich auf der Gasse. Nach seiner Lehre als Maurer sei er in die Drogen gerutscht und auf der Strasse gelandet.
Wenn er heute an seinem ehemaligen Schlafplatz in einer Tiefgarage steht, ist Obdachlosigkeit für einen Moment kein abstrakter Begriff mehr, sondern bekommt ein Gesicht und ein persönliches Schicksal. In einer Ecke der Garage schlief er zwischen seinem ganzen Hab und Gut, stets darauf bedacht, dass ihm im Schlaf nichts gestohlen wird.
Besonders zu schaffen machen ihm die Vorurteile und Äusserungen der Mitmenschen: «Sie denken, wir seien gerne in dieser Szene, aber das sind wir überhaupt nicht. Das Leben auf der Strasse ist ein einziger Kampf.» Für Sandro ist klar: «Sie haben keine Ahnung davon, wie dieses Leben ist.»
Von aussen wirken viele Lebensumstände einfacher, als sie es sind. Wer eine Wohnung, ein soziales Netz, einen Job und stabile Beziehungen hat, nimmt diese Sicherheit oft als selbstverständlich wahr. Doch nicht alle starten mit denselben Voraussetzungen.
Zwischen Vorurteilen und Realität
Auf der Strasse begegnen viele Menschen Obdachlosen mit Distanz oder verurteilen sie. Eine Meinung hält sich dabei hartnäckig: Hierzulande müsse niemand obdachlos sein. Es gebe Sozialhilfe, Notschlafstellen, Beratungsangebote, betreutes Wohnen. Wer trotzdem auf der Strasse lebe, so das Vorurteil, habe sich zumindest teilweise dafür entschieden. Ein Besuch in der Notschlafstelle «Schlafguet» in Olten zeigt: So einfach ist es nicht.
Es ist nicht so, dass jemand einfach sagt: Ich will jetzt auf der Strasse leben.
«Schlafguet» ist ein Verein, der hauptsächlich durch Spenden sowie Beiträge der Stadt Olten finanziert wird. Sie stellt 16 Schlafplätze zur Verfügung, davon zwölf für Männer und vier für Frauen. Eine Übernachtung kostet zehn Franken für Menschen mit Schweizer Aufenthaltsbewilligung und 15 Franken für Personen ohne.
Zuständig vor Ort ist die Sozialfachperson Diana Greiner. Die 30-jährige Teamleiterin der Notschlafstelle hat seit Jahren mit obdachlosen Menschen zu tun und erklärt: «Es ist nicht so, dass jemand einfach sagt: Ich will jetzt auf der Strasse leben.» Die Gründe für eine Obdachlosigkeit seien komplex.
Schicksalsschläge können zu Obdachlosigkeit führen
Der 62-jährige Saikou beispielsweise schläft regelmässig in der Notschlafstelle in Olten, wo er auch ein warmes Abendessen und ein Frühstück bekommt. Nach einer Trennung verlor er seine Wohnung, seinen Job und lebt seither auf der Strasse. Es könne schnell passieren, dass man kein Dach mehr über dem Kopf habe, sagt er. Ein Schicksalsschlag genüge.
Jedes System hat seine Lücken.
Häufig sind es mehrere Faktoren, die zusammenkommen: familiäre Konflikte, psychische Belastungen, Suchtprobleme oder finanzielle Schwierigkeiten. Zwar existieren in der Schweiz zahlreiche Hilfsangebote – von Notschlafstellen bis zur Sozialhilfe. Die Teamleiterin Diana Greiner sagt, grundsätzlich gebe es in der Schweiz «ein gutes und ein bestehendes Sozialsystem» und trotzdem habe «jedes System Lücken».
Diese Lücken zeigen sich besonders dort, wo mehrere Probleme zusammenkommen: psychische Erkrankungen, Sucht, Armut, fehlende Ausweispapiere oder ein unsicherer Aufenthaltsstatus. Laut Sozialforscher und Dozent der FHNW Jörg Dittmann gehören genau diese Faktoren zu den häufigsten Gründen für Obdachlosigkeit in der Schweiz.
Auch sei der Zugang zu Hilfe nicht immer einfach: Wer etwa keine feste Adresse hat, kann Schwierigkeiten bekommen, Sozialleistungen zu beantragen. Wer psychisch belastet ist, schafft es unter Umständen nicht, sich durch die bürokratischen Prozesse zu kämpfen. Und wer Schulden hat, findet kaum eine neue Wohnung.
Raus aus der Obdachlosigkeit
Das romantisierte Bild vom Menschen, der auf der Strasse lebt, weil er frei sein will, kommt gemäss Dittmann laut einer Befragung in der Realität «so gut wie gar nicht vor». Mehr als 95 Prozent der befragten obdachlosen Menschen hätten gesagt, sie würden sofort wieder in eine Wohnung ziehen, wenn sie könnten.
Aber: Wer einmal auf der Strasse lebt, kommt nur schwer wieder weg. Das liegt nicht nur an den persönlichen Situationen, sondern auch am Wohnungsmarkt. «Aus der Obdachlosigkeit herauszukommen heisst, wieder in den Wohnungsmarkt zu kommen», sagt Dittmann. Genau dort werde es für armutsbetroffene Menschen immer schwieriger: Bezahlbarer Wohnraum sei knapp und in Städten fänden sich immer weniger günstige Wohnungen.
Auch Sandro erlebte das. Während seiner Zeit auf der Strasse versuchte er, selbst eine Wohnung zu finden – erfolglos. Erst nach langer Wartezeit bekam er einen Platz im betreuten Wohnen. Seit Sandro in seinem kleinen Studio wohnt, habe sich alles verändert: «Schon nur saubere Kleidung zu haben. Auf der Strasse hat man keine Zeit, Kleider zu waschen.»
Die Wohnung ist für ihn mehr als ein Dach über dem Kopf. Sie bedeutet Schutz, Würde, Struktur. Denn wer auf der Strasse lebt, verliert nicht nur Sicherheit, sondern oft auch die Gesundheit. Sozialforscher Jörg Dittmann spricht von körperlichen und psychischen Belastungen. Einsamkeit, Depressionen, ständige Unsicherheit und gesellschaftliche Abwertung verschärften die Lage zusätzlich.
Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Ein Leben auf der Strasse wählen die wenigsten freiwillig. Was wie eine Entscheidung aussieht, ist meist das Resultat einer Verkettung aus Krisen, fehlender Stabilität und systemischen Hürden. Oder anders gesagt: Die Schweiz hat ein soziales Netz. Aber es ist nicht so eng geknüpft, dass niemand hindurchfallen kann.