«E wunderschöne guete Obe, Schlagerparade Chur!» Vincent Gross springt auf die Bühne im Paillettenjäckchen, in engen schwarzen Hosen und stimmt seinen Hit «Ouzo» an: «Ich trink Ouzo, was trinkst denn du so», alle schunkeln von links nach rechts und singen mit.
Es ist der erste Auftritt an diesem vollgepackten Wochenende im September. Der Schlagerstar ist seit zwei Wochen ohne Pause unterwegs, in den letzten vier Tagen hat er acht Städte besucht und jetzt geht es für ihn ohne Halt weiter.
In den nächsten Tagen wird der 29-Jährige kaum zur Ruhe kommen: Es folgen Auftritte vor rund Zehntausend Leuten in Nürnberg an der «Schlagernacht des Jahres» und später im aargauischen Schupfart. Immer auf Sendung: das ist das Leben des jungen Schlagerstars, der in diesem Jahr schon über 150 Auftritte verbuchen kann. Stille kennt er kaum – und das hinterlässt seine Spuren.
Warten auf den Durchbruch
Vincent Gross gehört mittlerweile zum Who's Who der Schlagerszene. Ursprung seiner Karriere war sein Kinderzimmer: Der kleine Vincent sang bekannte Popsongs und lud die Cover-Versionen auf Youtube hoch. Damals mit Justin-Bieber-Seitenscheitel, Gitarre in der Hand und weit weg vom Schlagerzirkus.
Irgendwann kam dann sein Auftritt in der SRF-Pop/Schlager-Show «Hello Again». 2015 gewann er den Wettbewerb für Nachwuchstalente, danach wurden Grössen aus der Branche wie Florian Silbereisen auf ihn aufmerksam und ebneten ihm den Weg auf die grossen Bühnen. Doch so richtig wollte es nicht klappen mit dem Durchbruch. Jahrelang versuchte er es mit eigenen Youtube-Formaten, in denen er andere grosse Schlagerstars oder deutsche Ikonen der Moderation interviewte – er versuchte sich auf seine eigene Art, einen Namen zu machen.
Mit Tiktok zum Erfolg
Wenn er heute nicht gerade auf der Bühne steht, dann ist er auf Tiktok unterwegs. Dort postet er Videos, in denen er vor dem Kölner Dom steht und Grüsse an seine Fans schickt. Vincent Gross zeigt tanzende Crew-Mitglieder hinter der Bühne, Momentaufnahmen aus dem Hotelzimmer und vor allem Videoclips mit seinen Songs, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten.
Über 200'000 Menschen folgen ihm allein auf Tiktok. Sie sind der wohl wichtigste Teil seines Erfolgsrezepts. «Ich verbringe mehr Zeit auf Social Media als mit dem Musikmachen», sagt er. Das sei leider eine Realität und beeinflusse sogar sein Songwriting, gibt er zu. «Seit ich dort einen Weg gefunden habe, der eingeschlagen hat, sind meine Songs plötzlich erfolgreicher denn je.» Vor allem seit seinem Song «Aperol Spritz», welcher laut ihm primär durch Social Media einem grossen Publikum bekannt wurde.
Genau so, wie er heute auftritt, habe er sich das vor 15 Jahren vorgestellt: «Wie ich mit einer verdammten Hydraulikbühne hochgefahren werde und die Leute meine Songs mitsingen», erzählt er und strahlt.
Im Schlager das Zuhause gefunden
Wenn er auf die Bühne tritt, wird Vincent Gross mit den Worten angekündigt «Hier kommt der Partykapitän», seine Hits heissen «Ouzo», «Aperol Spritz» oder «Love Life Balance» und sind vor allem dazu da, gute Stimmung zu verbreiten. Aber Gross findet: «Wer bei meiner Musik sagt, es sei stumpfe Party-Mucke, der interessiert sich eh nicht für Schlager.» Er habe sein musikalisches Zuhause gefunden.
Vor allem fasziniere es ihn, ein Thema in wenigen Worten auf den Punkt zu bringen, Ohrwürmer zu produzieren «sodass man es nach dem ersten Hören nie wieder vergisst». Im Schlager habe er eine Narrenfreiheit, was die Melodien und den Kitsch anbelange und das sei all das, was er gerne möge.
Kaum Ferien und immer auf Achse
So selten Pausen zu machen, hat seinen Preis. Er habe vor zwei Jahren zum letzten Mal ganze zwei Wochen am Stück Ferien genommen. Für ihn seien es schon Ferien, wenn er ein Mal pro Jahr zwei Tage mit seinen Freunden in die Berge fahren kann. Der 29-Jährige ist deshalb schon mehrfach an seine Grenzen gestossen. Einmal gab sein Körper ein deutliches Warnsignal, erinnert er sich: «Da sass ich im Studio, hörte einen Knall und dann fühlte sich das eine Ohr total dumpf an.»
Vincent Gross hatte einen Hörsturz. Das sei ganz klar von zu viel Stress gekommen, das lasse sich nicht wegdiskutieren. In den letzten Jahren habe er viel dazugelernt. Er nehme sich jetzt auch mehr Zeit für sich und mache dann einfach gar nichts.
Hinzu kommt, dass der Schlagerstar unter ständiger Beobachtung der Klatschpresse steht und er noch immer versucht, einen Weg zu finden, wie er seine Privatsphäre wahren kann. «Mit der Presse ist es immer ein Geben und Nehmen. Ich will meine Ruhe, sie wollen Infos», sagt er. Er stelle sie damit zufrieden, dass er ihnen immer mal wieder etwas «hinwerfe».
Dass er eine Freundin hat, zum Beispiel, das habe er zwar kommuniziert, aber mehr gebe es da nicht. «Ich zeige mein Morgenmüsli nicht, das geniesse ich alleine.» Auch ist er vorsichtig, wenn er für seinen Tiktok-Kanal Content produziert. Dann schaue er gut darauf, seine Umgebung nicht zu filmen. Seine Privatsphäre sei ihm wichtig und er sichere sie deshalb auch ab.
Hält alle Fäden in der Hand
In der Welt von Vincent Gross wird vieles selbst gemacht. Er ist es, der seine Tiktok-Posts aufnimmt, textet und postet und er ist es, der dem Lichttechniker für die nächste Show die Anweisungen per Mail durchgibt. «Wenn ich es aus der Hand gebe, dann weiss ich ja nicht, was passiert», sagt er. So habe er mehr Kontrolle. Ausserdem habe es wirtschaftliche Gründe. Mehr Personal heisst auch mehr Geld, das ausgegeben werden muss und so behalte er die Sachen lieber bei sich.
Kurz vor seinem Auftritt im aargauischen Schupfart ist Vincent Gross müde und angeschlagen, er sei mit einem Kratzen im Hals aufgewacht. Jetzt krank zu werden, könne er gerade so gar nicht gebrauchen, deshalb habe er sich heute auch sämtliche Vitamintabletten reingeworfen.
Aber fürs Ausruhen bleibt keine Zeit. Erst wird ein Fan-Geschenk entgegengenommen, dann gibt er dem Arolfinger Lokalfernsehen ein Interview, macht noch schnell ein Selfie mit einer Mitarbeiterin. Er zieht sich um, tauscht Pulli und Daunen_Gilet gegen eine weisse, festliche Bluse, tritt auf die Bühne und die Leute singen lauthals seinen Hit mit: «Ich trink heut, das ist kein Witz, Aperol, Aperol, Aperol Spritz. Und noch einen hinten dran, damit ich schlafen kann.»