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Backstage Auf Trüffelsuche nach dem besten TV-Format

Factual Entertainment? Hä, was? Immer wieder werden Danielle Giuliani, Executive Producerin, und Karen Ballmer, Senior Producerin, gefragt, was hinter der «sachlichen Unterhaltung» steckt und was dabei ihr Job ist. In der folgenden Backstage-Kolumne geben sie Einblick in ihr Arbeitsuniversum.

Die SRF-Produzentinnen Karen Ballmer (links) und Danielle Giuliani
Legende: In ihren Sendungen bringen sie Fakten und Fiktion unter einen Hut: die Produzentinnen Karen Ballmer (l.) und Danielle Giuliani. SRF / Oscar Alessio

Was haben Reality-Formate, Doku-Soaps, Reportage-Reihen, Doku-Dramen oder Real-Life-TV gemeinsam? Alle sind Factual Entertainment oder auch: nonfiktionale Fernsehunterhaltung mit dokumentarischen Stilmitteln. Genau daran arbeiten wir. Solche Formate entwickeln wir – und vermischen dabei informative und unterhaltende Inhalte. Wir machen sozusagen «Dokumentationen zur Zerstreuung».

Aus dem Leben gegriffen

Unsere Inspirationen nehmen wir aus dem Alltagsleben der Menschen in unserem Land. Wichtig ist uns, dass wir von dem erzählen, was wir kennen und was in unserem Umfeld geschieht. Denn: Factual Entertainment muss authentisch und relevant sein.

Unsere Zuschauerinnen und Zuschauer müssen sich in den Geschichten wiedererkennen, aber auch Neues entdecken können. Das Leben der Menschen, der Motor unseres Handelns, ist geprägt von universellen Themen wie Liebe, Freundschaft, Anerkennung, Verlust, Erwachsenwerden. Aus diesem Fundus schöpfen wir.

Legende: Video Vier Dörfer – Ein Land (1): Die Lehrer abspielen. Laufzeit 46:27 Minuten.
Aus Vier Dörfer - Ein Land vom 06.07.2018.

Zwischen Ordnung und Chaos

Und was heisst das jetzt konkret? Fällt einem eine Formatidee einfach von hinten an? Nein, es ist harte Arbeit. Der kreative Weg ist lang und beschwerlich. Es ist ein komplexes Zusammenspiel von Chaos (Freiheit, Zufall), Ordnung (Strukturzwang), von Enthusiasmus und Zweifel.

Zunächst ist da vielleicht ein Ansatz einer Idee – ein Keim. Der nächste Schritt ist, die Idee in eine Form zu bringen: Trägt der Stoff für eine Serie? Vielleicht sogar für mehrere Staffeln? Und dann muss die Geschichte noch einem Ordnungsprinzip, einer Dramaturgie folgen. Macht der Hauptprotagonist eine emotionale Entwicklung durch, gibt es genügend überraschende Wendungen innerhalb der Geschichten, wo setzen wir die Cliffhanger?

Wenn wir das alles durchdacht haben, stellen wir das Konzept auf den Prüfstand: Es wird entweder verworfen oder weiter verifiziert, sozusagen wie beim Abschmecken einer Speise.

Aber Achtung: Wir müssen offen bleiben. Nicht zu viel und nicht zu wenig festlegen. Pablo Picasso hat mal gesagt: «Quand c’est fini, c’est foutu.» Das heisst, wenn man etwas ordnet, ist es tot. Wenn es aber zuviel Chaos hat, ist es auch nicht perfekt. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns beim Entwickeln von Factual-Entertainment-Formaten.

Legende: Video «Meine fremde Heimat» – Angola abspielen. Laufzeit 42:17 Minuten.
Aus Meine fremde Heimat vom 16.02.2018.

Von allen, für alle

Jeden zweiten Montagnachmittag sind wir im «Braintrust»-Modus: Da treffen wir uns mit anderen Producern und dem Bereichsleiter, stellen gegenseitig unsere Ideen vor, holen Ratschläge ein. Jeder und jede kann ein Anliegen einbringen, es gibt keine Hierarchiestufen und keiner schreibt dem anderen etwas vor.

Wir begegnen uns offen und auf Augenhöhe. Das heisst aber nicht, dass es nur harmonisch zu- und hergeht – wir diskutieren oft intensiv. Und weil niemand den anderen etwas verkaufen muss, niemand sich rechtfertigen muss, entsteht ein konstruktiver, wertvoller Diskurs, basierend auf dem besten Wissen und Gewissen aller. Manchmal gelingt es sogar, innerhalb kurzer Zeit kreative Lösungen aus dem Hut zu zaubern.

«Ohne generalstabsmässige Planung geht nichts»

«Ohne generalstabsmässige Planung geht nichts»
Legende:Danielle Giuliani, Executive Producerin, Factual Entertainment SRF

Als Executive Producerin verantworte ich die Sonderprojekte des Bereichs Factual Entertainment, dazu gehören nationale Projekte (z.B. «Vier Dörfer – Ein Land»), Produktionen für das Sommerprogramm (z.B. «Üse Summer») oder Einzelsendungen für den Samstagabend wie «Wer wohnt wo?».

Mein grösstes Projekt zurzeit und eine meiner grössten Herausforderungen der letzten Jahre ist «Dynastie Knie – 100 Jahre Nationalcircus». Der Zweiteiler à 90 Minuten für 2019 ist eine Doku-Fiktion über die Familie Knie und erzählt, mit welchen Herausforderungen und Konflikten die Familie über Generationen hinweg zu kämpfen hatte und wie es ihr gelingt, bis heute als Zirkusdynastie zu bestehen.

Zu meinen Aufgaben gehört die Planung, Koordination und Kommunikation zwischen allen beteiligten Partnern: der Fiktion von SRF, den SRG-Unternehmenseinheiten in der Romandie (RTS) und in der italienischsprachigen Schweiz (RSI) sowie zwei externen Produktionsfirmen. In zweimonatlichen Retraiten besprechen wir das fiktionale Drehbuch, die Besetzung, die dramaturgische Verflechtung von Fiktion und Dokumentation, das visuelles Konzept und die recherchierten historischen Hintergründe.

Die Dreharbeiten für den Doku-Teil haben im April 2018 begonnen, der fiktionale Teil ist ab Anfang Oktober geplant.

«Es gibt zig Varianten, eine Geschichte zu erzählen»

«Es gibt zig Varianten, eine Geschichte zu erzählen»
Legende:Karen Ballmer, Senior Producerin, Factual Entertainment SRF

In meinem Redaktionsalltag als Senior Producerin von Auslandsformaten (z. B. «Meine fremde Heimat», «Jetzt oder nie», «Jobtausch») und der Vorabendsendung «Mini Beiz, dini Beiz» dreht sich alles ums Geschichtenerzählen – ums «Storytelling». Ein grosser Begriff, zu dem es verschiedene Ansätze und Theorien gibt. Ein Riesenbereich, bei dem ich nie auslerne! Denn es gibt so unterschiedliche Varianten, eine Geschichte zu erzählen. Und es ist mein Job, jeweils die attraktivste und verständlichste Form zu finden.

In all meinen Jahren als Produzentin habe ich gelernt, dass es beim Storytelling wichtig ist, nicht einfach auf seine eigene «Lieblingsschablone» zurückzugreifen und diese über eine Geschichte zu stülpen. Zum Beispiel kann man mit Zeitachsen wunderbar spielen und Chronologien durcheinanderwirbeln – und so eine Geschichte viel unterhaltsamer gestalten. Solche Spielereien sind aber alle von langer Hand geplant und eignen sich auch nicht für jeden Stoff.

Gerade in Unterhaltungssendungen sehen wir uns mit der Balance zwischen Inszenierung und Initiierung konfrontiert. Die Begriffe klingen ähnlich, doch bei der Umsetzung sind sie grundlegend verschieden. Beim Inszenieren gestalten wir alles: Handlung und Kameraführung.

Beim Initiieren jedoch stossen wir lediglich eine Handlung an – und lassen sie sich entwickeln. Alles, was daraus entsteht, ist authentisch. Diese Machart wählen wir zum Beispiel, wenn wir Protagonisten auf eine Reise schicken, bei der wir viele Begegnungen und Aktivitäten eingefädelt haben; was aber daraus wird und ob diese letztendlich spannend für die Geschichte sind, sehen wir erst, wenn alles gelaufen ist.

Bei meinem im Juli abgeschlossenen Projekt «Mission ImBüssible: Am Ball im Balkan» haben wir mit allem experimentiert: mit der Zeitebene, mit durchinszenierten und gescripteten Teilen und initiierten Reise-Etappen. In diesem Dreiteiler reisen der Radiomoderator Stefan Büsser und sein Produzent Manuel Rothmund auf den Spuren unserer Nati-Kicker durch die Balkanländer.

Worüber möchten Sie eine Backstage-Geschichte lesen?

Schreiben Sie uns. Die meistgenannten Themen werden wir umsetzen und in der Rubrik «Backstage» veröffentlichen.