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Mirjam Breu Meine Gratwanderung als Regionalredaktorin

Von Langeweile keine Spur. Zwar ist Mirjam Breu ein «alter Hase» in der Regionalredaktion, aber nach wie vor voller Herzblut unterwegs, um die Zentralschweiz ins Radio zu bringen. Über Herausforderungen und beeindruckende Begegnungen schreibt sie in ihrer Backstage-Kolumne. Mit Hörbeispielen.

Geht im «Mikrokosmos Zentralschweiz» kleinen und grossen Themen auf den Grund: Radio-Redaktorin Mirjam Breu
Legende: Geht im «Mikrokosmos Zentralschweiz» kleinen und grossen Themen auf den Grund: Radio-Redaktorin Mirjam Breu SRF

«Was? Schon 18 Jahre sind Sie dabei?», staunte letzthin ein Politiker, nachdem das Mikrofon abgestellt war und wir uns noch kurz austauschten. Ja – 18 Jahre sind in der Tat eine lange Zeit. Dass sie sich viel kürzer anfühlen, hat ganz verschiedene Gründe. Die sachlichen zuerst: Der Job auf der Regionalredaktion Zentralschweiz ist so vielseitig wie wohl kaum ein anderer in der heutigen Medienbranche.

Alle machen alles

Wir sind als Reporterinnen unterwegs, mit Mikrofon, Fotokamera, Notizblock, Smartphone oder Laptop. Wir moderieren unsere Newssendungen, also das «Regionaljournal Zentralschweiz», aus unserem Studio in Luzern. Wir beobachten Parlamentssitzungen, treffen Politikerinnen, Politiker, Leute aus Wirtschaft, Sport und Kultur. Wir lesen Gerichtsurteile, interpretieren Geschäftszahlen, führen manchmal sehr lange, manchmal auch unfreiwillig kurze Telefongespräche («mit Ihnen rede ich nicht!») und versuchen das, was wir gehört, gelesen und gesehen haben, möglichst verständlich und attraktiv umzusetzen und auch einzuordnen – in einem Radiobeitrag oder in einem Artikel für unsere Onlineplattform.

Wir verantworten als Produzentin die Themen der Sendungen und kontrollieren die Beiträge von Kolleginnen, die sich mit einem Thema intensiv beschäftigt haben. Und was speziell ist, anders als auf manch anderer Redaktion: Alle machen alles. Die Hierarchien sind flach. Jede und jeder kennt jede Funktion und alle haben ein gemeinsames Ziel: Fünf relevante, interessante Regionaljournal-Sendungen für unser Publikum. Jeden Tag.

Ein Satz mit Wucht

So – das wäre die sachliche Ebene. Aber nun wird es emotional: Denn all dies ermöglicht mir Einblicke und Begegnungen, die einmalig sind. Da sind beispielsweise die Frauen am Frauenstreik in Schwyz. Sie stehen am Suppentopf. Ob es nicht etwas gar klischiert sei, ausgerechnet am Frauenstreik Suppe zu kochen, frage ich. Aus dieser Frage entspinnt sich ein Gespräch. Es gipfelt darin, dass eine der Frauen diese Worte in mein Mikrofon schleudert: «Wir haben jetzt dreissig Jahre gekämpft. An alle da draussen, vor allem an die Männer: Es reicht jetzt. Wir streiken zum letzten Mal.» Aus dem Mund einer Frau aus diesem Kanton, in dem konservative Werte und Familienbilder hochgehalten werden, ist der Satz eine Wucht. So stark, dass ich den gesamten Dialog in meinen Beitrag einbaue:

Ganz viel Leben

Oder dann, ein paar Wochen später, bei der gemeinsamen Sommerserie der SRF-Regionalredaktionen: Mit einer Kollegin aus dem «Regi Bern» treffe ich mich beim Inselspital. Diesen Sommer widmen sich die Sendungen aller sieben Regionaljournale dem Zusammenleben in der Schweiz. Da gibt es den Besuch im Tierparkgehege, das Wolf und Bär sich teilen, den Einblick ins Gefängnis oder auch in die Frauen-WG, die sich bewusst entscheidet, zusammen zu leben und gemeinsam ein Haus zu kaufen.

Unser Schauplatz: die Abteilung für Palliativmedizin. Der Ort also, an dem Menschen sich vom Leben verabschieden. Eindrücklich sind unsere Gespräche mit Patienten, aber auch mit dem Pflegepersonal. Ganz nah am Tod gibt es ganz viel Leben, denken wir beide. Zum Abschied sagt der Leitende Arzt zu uns: «Auf Wiedersehen. Leben Sie wild und gefährlich.» Wieder so ein Satz aus dem Mund einer Person, die es wissen muss.

Balanceakt zwischen Nähe und Distanz

Januar 2012. «Der Obwaldner Nationalrat Karl Vogler hat einen Suizidversuch begangen». Diese Nachricht erreicht unsere Redaktion. Ich fahre los nach Kerns. Treffe Karl Vogler wenige Tage nach diesem schicksalhaften Tag in seinem Büro. Wie spricht man mit einem Menschen, der seinem Leben vor Kurzem ein Ende setzen wollte? Ich weiss es nicht. Karl Vogler macht es mir leicht. Er begrüsst mich freundlich, spricht sehr offen über das, was war. Am Ende des gleichen Jahres treffen wir uns wieder am selben Ort. Wir blicken zurück. Reden über den Suizidversuch, aber nicht nur. Es ist eine Gratwanderung wie so oft in diesem Beruf. Der Balanceakt zwischen Nähe und Distanz ist wichtig und verdichtet sich in diesem Gespräch:

Was auch dazu gehört

Natürlich gibt es auch das Mühsame im Alltag: All das Wiederkehrende. Die jährlichen Staatsrechnungen und Budgets, die Geschäftsabschlüsse von Schindler, Pilatus und Co. Papierberge vor Parlamentssitzungen, die es durchzuackern gilt, oder Begriffe wie «Doppelter Pukelsheim», die man der Hörerschaft gerne so erklären möchte, dass sie auch verständlich sind. Nicht immer einfach, aber im Fall des Wahlsystems «Doppelter Pukelsheim» wichtig. Denn gerade in unserer Region wählen einige Kantone nach diesem – und jetzt schreibe ich es so, wie es im Staatskundelexikon erklärt würde – Doppeltproporzionalen Zuteilungssystem. Einfacher gibt es die Erklärung hier.

Mirjam Breu ist überzeugt von der Regionalberichterstattung von SRF: «Gäbe es ‹das Regi› nicht, man müsste es subito erfinden.»
Legende: Mirjam Breu ist überzeugt von der Regionalberichterstattung von SRF: «Gäbe es ‹das Regi› nicht, man müsste es subito erfinden.» SRF

Noch immer nicht genug

Es ist ein Sammelsurium an schönen, schwierigen, nervtötenden, zuweilen belustigenden und meist spannenden Erfahrungen in diesem Mikrokosmos Zentralschweiz. Genau diese Vielfalt macht es aus, dass ich auch nach 18 Jahren mit Überzeugung sage: Ich habe noch immer nicht genug davon – und gäbe es «das Regi» nicht, man müsste es subito erfinden.

Und als Zückerchen hier noch mein Lieblingsbeitrag der letzten Zeit. Ein Streifzug durch die Nacht am Eidgenössischen Schwingfest 2019 in Zug mit einer komplett unerwarteten Wendung. Aber hören Sie doch selber (ab 05:52 Min):

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