Darum geht es: Der 17-jährige Sohn einer Familie aus Biel hat vor zwei Jahren ein Konto bei Amazon eingerichtet, bestellt hat er jedoch nie etwas. Auch seine Wohnadresse hat er nicht hinterlegt. Nachdem ihm Amazon Ende des Jahres mitgeteilt hat, dass man sein Konto «wegen verdächtiger Aktivitäten» blockiert habe, hört er nichts mehr vom Onlineshop. «Verdächtige Aktivität» bedeutet in diesem Fall: einloggen, ausloggen, wieder einloggen. Bestellungen wurden keine getätigt.
Das ist das Problem: Anfang April erhält der Teenager plötzlich täglich Pakete von Amazon – bestellt hat er nichts davon. In den Päckli sind lauter Dinge, die niemand von der Familie brauchen kann: Ein einzelner Kugelschreiber, eine ganze Kiste mit Plastiküberschuhen für den Operationssaal oder, Ausmalbüchlein für Kinder ab sechs Jahren. Die Mutter meldet sich mehrfach bei Amazon, fragt nach, was los sei, möchte das Konto löschen. Erfolglos. Es kommen weitere Pakete an. Daraufhin meldet sie sich beim SRF-Konsumentenmagazin «Espresso».
Das sagt Amazon: Zum Fall selbst äussert sich Amazon nicht. Ein Sprecher weist «Espresso» jedoch per Mail auf die öffentlichen Hilfeseiten für ihre Kundschaft hin und schickt dazu mehrere Links, unter anderem einen zum Kundendienst zum Abschnitt «Betrug durch ‹Brushing› melden».
Im Mail heisst es weiter: «Amazon untersucht Meldungen über das sogenannte Brushing und ergreift Massnahmen gegen Akteure mit schlechten Absichten, die damit gegen unsere Richtlinien verstossen.» Dabei könne es auch zur Aussetzung oder Entziehung von Verkaufsrechten, der Einbehaltung von Zahlungen und der Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden kommen.
Das darf der Teenager mit den unbestellten Paketen tun: Was er will – das gilt übrigens für alle, die unbestellte Ware zugeschickt bekommen. Man muss das Paket weder bezahlen noch zurückschicken, man kann es verschenken, behalten oder entsorgen. Wichtig ist, den Onlineshop am besten schriftlich oder in einem vorgesehenen Formular auf der Website über die nicht getätigte Bestellung zu informieren.
So endet die Paketflut bei der Bieler Familie: Der Kundendienst entschuldigt sich per E-Mail mehrmals bei der Familie, weil man nicht schon beim ersten Kontakt richtig reagiert habe. Ein anderer Benutzer habe die Bestellungen gemacht und dabei die Adresse des Teenagers verwendet. Aus Datenschutzgründen könne Amazon nicht mehr zum Fall sagen. Die Paketflut ist mittlerweile gestoppt, das Konto auf Wunsch der Familie gelöscht. Woher dieser andere Benutzer die Adresse des 17-Jährigen hatte, bleibt jedoch offen.