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Geld Hochpreisinsel Schweiz – «Wir werden abgezockt!»

Generalimporteure und ausländische Lieferanten missbrauchen seit Jahren ihre Marktstellung: Viele Produkte sind in der Schweiz massiv teurer als im EU-Umland. Die «Fair-Preis-Initiative» will Abhilfe schaffen – und die Hochpreisinsel Schweiz versenken.

Legende: Video Kampf gegen Hochpreisinsel: Was taugt die Fair-Preis-Initiative? abspielen. Laufzeit 12:19 Minuten.
Aus Kassensturz vom 08.05.2018.

Hochpreisinsel – kein schmeichlerisches Etikett. Seit Jahren hat die Schweiz mit diesem Label zu kämpfen. Immer wieder berichtet «Kassensturz» über krasse Preisunterschiede bei Produkten, die in der Schweiz massiv teurer sind als im angrenzenden EU-Umland.

Es ist anzunehmen, dass multinationale Unternehmen die höhere Kaufkraft in der Schweiz abschöpfen.
Autor: Raphael WyssVize-Präsident Drogistenverband Schweiz

Es zeigt sich, dass es vielfach nicht an den heimischen Verkäufern liegt, dass Konsumentinnen und Konsumenten hierzulande tief ins Portemonnaie greifen müssen. Sondern es sind oft Generalimporteure und ausländische Lieferanten, die Schweizer Händlern schon höhere Preise in Rechnung stellen – Preise mit einem Schweiz-Zuschlag.

Massiv höhere Einkaufspreise in der Schweiz

Laut Schweizerischem Drogistenverband ist zum Beispiel der Einstandspreis für Nivea Sonnenmilch LSF 30 für Schweizer Drogerien bei 12.58 Franken. Der DM Drogeriemarkt im Rhein-Center in Weil am Rhein (D) verkauft die gleiche Flasche Sonnenmilch für umgerechnet 9.50 Franken. Drogerien müssen also das gleiche Produkt schon zu einem höheren Preis kaufen, als es in Deutschland verkauft wird.

Für Raphael Wyss, Vize-Präsident des Schweizerischen Drogistenverbandes, ist klar, wieso in der Schweiz höhere Preise verlangt werden: «Es ist anzunehmen, dass multinationale Unternehmen die höhere Kaufkraft in der Schweiz abschöpfen.»

Initiaten in Bundesbern
Legende: Die Initiative wurde im Dezember eingereicht. Im Initiativkomitee sitzen Politiker aus allen politischen Lagern. SRF

«Kassensturz» wollte von Nivea-Herstellerin Beiersdorf wissen, wieso ihre Produkte in der Schweiz mit einem Zuschlag versehen werden. Weder das Beiersdorf-Mutterhaus in Hamburg, noch dessen Ableger in der Schweiz, haben auf die Anfragen von «Kassensturz» reagiert.

Einkaufstourismus wird gefördert

Das Schweizer höhere Einstandspreise bezahlen, merkt auch Detailhändler Denner immer wieder. Die genauen Einstandspreise für die 350-Gramm-Packung Haribo-Goldbären will der Grossist nicht bekanntgeben. Denner versichert aber, dass ihr Einstandspreis über dem Verkaufspreis in Deutschland liege. In der Schweiz gibt es die Goldbären für 1.95 Franken. Bei Marktkauf sind sie für rund 1.30 Franken zu haben – und das erst noch in der um 10 Gramm grösseren Packung.

Wir werden hier abgezockt!
Autor: Prisca Birrer-HeimoKonsumentenschützerin

Denner meint dazu: «Die überhöhten Einstandspreise der Hersteller fördern den Einkaufstourismus, der im Schweizer Detailhandel Umsatzeinbussen in Milliardenhöhe verursacht (…).»

Haribo schreibt «Kassensturz», dass sie aus kartellrechtlichen Gründen keinen Einfluss auf Schweizer Preise hätten. Und: «Haribo arbeitet in der Schweiz mit einem Distributor zusammen. Dessen Anteil an der Wertschöpfungskette ist nach lokalen Preisgegebenheiten und mit Schweizer Franken zu messen.»

Fair-Preis-Initiative wird von links bis rechts unterstützt

Die Konsumentenschützerin und Luzerner SP-Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo hat der Hochpreisinsel Schweiz den Kampf angesagt: «Wir werden hier abgezockt!» Zusammen mit Mitstreitern von links bis rechts, vom Konsumentenschutz bis zu Branchenverbänden, hat sie letzten Dezember die sogenannte «Fair-Preis-Initiative» eingereicht.

Frau im Bundeshaus.
Legende: Prisca Birrer-Heimo spricht von Abzocke der Schweizer Bürger. SRF

Ziel ist es, die Beschwerde-Hürden für Kartellrechtsbeschwerden deutlich zu senken. «Unternehmen und Konsumenten sollen sich ihre Sachen dort beschaffen können, wo sie wollen – ohne Diskriminierung. Es darf keine ‹Schweizer Preislisten› mehr geben.»

Hohe Preise und ein Schweiz Zuschlag treiben Konsumentinnen und Konsumenten aus der Schweiz geradezu ins Ausland, um dort günstiger einzukaufen. «Nachvollziehbar», sagt Patrick Kreil, Co-Präsident von Swiss Fashion Stores. «Ins Deutsche oder Elsass einkaufen gehen, gehört in unserer Gegend seit jeher dazu», sagt der Geschäftsführer einer Boutique im Basler Grenzgebiet.

Doch der Abfluss von Kaufkraft und Geld macht Patrick Kreil Sorgen. Und auch Raphael Wyss vom Drogistenverband betont: «Wir verlieren damit viel Umsatz. Damit ist Personal angestellt. Und unter Umständen müssen KMUs schliessen, weil sie den Umsatz nicht mehr machen können.»

Der «Kassensturz»-Euro-Warenkorb

Der «Kassensturz»-Euro-Warenkorb

«Kassensturz» hat 2016 und 2017 die Preise von 150 Importprodukten verglichen. Hier die Details.

Initiative soll kein Preisdiktat sein

Arbeitsplätze in der Schweiz sind auch Prisca Birrer-Heimo ein Anliegen. Sie will die «Fair-Preis-Initiative» explizit nicht als Preisdiktat für Schweizer Unternehmen verstanden haben. Sondern als ein Mittel, das sowohl Konsumenten wie auch Unternehmen zu fairen Preisen verhelfen soll. «Am Ende stärkt das die Kaufkraft der Leute. Und das kommt wieder der ganzen Wirtschaft zu Gute.»

Wann die Initiative in den eidgenössischen Räten diskutiert wird, ist noch nicht bekannt. Gerüchten zufolge soll sich aber der Bundesrat an einer seiner nächsten Sitzungen mit einem möglichen Gegenvorschlag befassen. Ob überhaupt und wie dem Schweiz Zuschlag politisch der Garaus gemacht werden soll, steht also noch nicht fest. Alle Beteiligten schauen aber mit scharfen Blick nach Bern – und hoffen auf eine wirksame Umsetzung der Initiative.

18 Kommentare

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