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Pflegende Angehörige sollten sich Unterstützung suchen
Aus Espresso vom 25.09.2020.
abspielen. Laufzeit 05:56 Minuten.
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Pflegende Angehörige «Ich weiss, dass ich mir mehr Pausen gönnen müsste»

Die Angehörigen-Pflege ist oft ein anstrengender 24-Stunden-Job. Zwei Betroffene erzählen.

Donnerstagnachmittag im reformierten Kirchgemeindehaus von Wädenswil (ZH): Sieben Frauen und Männer versammeln sich zum «Treffpunkt für privatpflegende und betreuende Angehörige». Sie sind pensioniert und kümmern sich daheim um kranke Ehepartner. Beim Treffen, das viermal im Jahr von der Stadt Wädenswil, der reformierten Kirche und Pro Senectute veranstaltet wird, sollen sie sich austauschen können. Sie erzählen sich aus ihrem Alltag, berichten von ihren Sorgen, geben einander Tipps und Halt.

Sabine Bachmann (65)

«Ich bin seit 43 Jahren mit meinem Mann verheiratet. Er leidet seit Jahrzehnten an Parkinson, vor einiger Zeit ist auch eine Demenz dazugekommen. Mittlerweile braucht er Hilfe bei der Körperpflege, beim Ankleiden und bei der Alltagsbewältigung. Ich muss ihn zum Beispiel immer daran erinnern, seine Medikamente zu nehmen, muss danebenstehen, bis er sie geschluckt hat.

Für mich war klar, dass ich mich um meinen Mann kümmere, als sich sein Zustand verschlechterte. Im Pflegeheim würde er schnell verblühen. Er geniesst es, dass er daheim in der vertrauten Umgebung bleiben kann, seine Bücher lesen kann und seine Enkel regelmässig sieht.

Nicht immer einfach ist der Spagat zwischen meinen beiden Rollen: Ich bin nicht nur seine Frau, sondern nun auch seine Pflegerin. Ich muss vieles für ihn entscheiden. Dabei achte ich darauf, dass ich ihm meine Entscheidungen verständlich mache.

Ich habe noch nie soviel gearbeitet wie jetzt nach meiner Pension.

Ich merke, dass ich mich häufig über meine Grenzen belaste: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Spitex ist eine grosse Hilfe. So kommt jemand, um meinen Mann zu duschen. Das könnte ich nicht allein. Dankbar bin ich auch für die Nacht-Spitex: Mein Mann braucht frühmorgens Medikamente. Seit neustem kommt die Nacht-Spitex und verabreicht ihm diese, damit ich noch ein wenig schlafen kann. Das ist Gold wert!

Ich weiss, dass ich mir mehr Pausen gönnen müsste, schaffe es aber nicht immer. Es kostete grosse Überwindung, mir zum ersten Mal Ferien zu gönnen. Ich ging allein für ein paar Tage in ein Hotel und habe erst nachher gemerkt, wie wichtig diese Erholung war.»

Theo Forster (83)

«Meine Frau, mit der ich seit 58 Jahren verheiratet bin, leidet seit dreieinhalb Jahren an einer Alzheimer-Demenz. Früher zeigte sich das noch nicht so stark. Sie lief manchmal weg und fuhr mit dem Bus zur alten Wohnung. Mittlerweile ist die Krankheit stark vorangeschritten. Sie ist inkontinent, vergisst vieles schon nach fünf Minuten wieder. Sie ist eine völlig andere Person geworden.

Es ist oft frustrierend. Ab und zu ‹verjagt› es mich und ich schimpfe mit ihr. Das tut mir dann sofort leid. Aber wegen ihrer Krankheit ist sie nicht nachtragend. Mein Ausbruch ist schon nach wenigen Minuten vergessen.

Ich betreue sie vier Tage die Woche, an zwei Tagen wird sie tagsüber in einem sogenannten Tagesbegegnungs-Zentrum betreut. Einmal pro Woche schaut meine Tochter für sie. So habe ich drei Tage ganz für mich. Dann gehe ich Walken. Früher habe ich Tanzstunden gegeben. Seit Corona ist das nicht mehr möglich, deshalb habe ich einen Jonglier-Workshop aufgezogen. Für Leute, die Angehörige pflegen, ist enorm wichtig, möglichst viele Unterstützungs-Angebote zu nutzen, um Zeit für sich zu haben.

Man muss versuchen, so zu leben, dass man sich nicht kaputt macht.

Wichtig ist auch der Austausch mit anderen Betroffenen, so wie beim Treffpunkt in Wädenswil. Das hat mir schon sehr oft geholfen. Man ist gegenüber Leuten, die in einer ähnlichen Situation sind, offener. Wir können uns gegenseitig helfen und Tipps geben.»

Holen Sie sich Hilfe!

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Daheim einen Angehörigen zu pflegen ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die anstrengen kann. Fachpersonen warnen davor, dass pflegende Angehörige oft ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen und sich weder Pausen noch Ferien gönnen. Dabei gibt es viele Angebote, die Pflegenden den Alltag erleichtern. Hier finden Sie mehr Informationen:

Espresso, 25.09.2020, 08:13 Uhr

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