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Tag der pflegenden Angehörigen: Wenn Helfende Hilfe brauchen
Aus Rendez-vous vom 30.10.2019.
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Wenn Verwandte Hilfe benötigen Auch pflegende Angehörige brauchen Zeit für sich selbst

Die Pflege von Verwandten fordert Zeit, Geduld und Energie. Ab und zu auftanken zu können, ist dringend nötig.

Heinrich Neuenschwander war fast sein ganzes Leben lang ein begeisterter Schütze. Vor 15 Jahren aber wurde ihm ausgerechnet im Schiessstand bewusst, dass künftig wohl nichts mehr so sein wird, wie es war. «Als ich abdrücken wollte, habe ich nur noch gezittert.»

Tag für pflegende und betreuende Angehörige

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Auch betreuende Angehörige brauchen Unterstützung. Gemäss dem Bundesamt für Statistik leisteten Angehörige in der Schweiz im Jahr 2016 insgesamt 80 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit (vergl. Beitrag). Der Tag für pflegende und betreuende Angehörige wurde vom Entlastungsdienst Schweiz ins Leben gerufen und findet immer am 30. Oktober statt. Der Entlastungsdienst Schweiz verfügt über einen Pool von rund 800 Betreuungspersonen, die jährlich in 1'300 Haushalten knapp 160'000 Stunden die Angehörigen entlasten.

«Hudle» nennt Heiri Neuenschwander sein unkontrollierbares Zittern auf Berndeutsch. Parkinson nennen es die Ärzte. Seit diesem Erlebnis im Schiessstand geht es mit der Gesundheit des ehemaligen Metallbauschlossers bergab. Wenn der heute 88-Jährige vom Esstisch aufstehen und in den Fernsehstuhl wechseln will, ist das eine grössere Übung.

Seit 58 Jahren verheiratet

Margret Neuenschwander ist auch bereits über 80. Seit sie sich dieses Frühjahr die Hüfte gebrochen hat, ist sie selber auf den Rollator angewiesen. Trotzdem umsorgt sie ihren Mann so gut es geht. Schliesslich seien sie seit 58 Jahren zusammen und das soll so lange wie möglich so bleiben: «Ich habe ihm versprochen, er müsse nicht ins Altersheim.» Aber manchmal zweifelt sie daran, ob dies vielleicht doch nicht bis zuletzt möglich sei.

Vor ein paar Jahren sind die Neuenschwanders aus ihrer alten Wohnung in eine praktischere umgezogen. Sie liegt im Erdgeschoss und ist rollstuhlgängig. Von den beiden erwachsenen Kindern und den Enkeln, von den Fachleuten der Spitex, von einer Putzfrau und vom Mahlzeitendienst erhalten sie viel Hilfe.

Trotzdem werde ihr manchmal alles zu viel, seufzt Margret Neuenschwander: «Manchmal fühle ich mich überfordert», sagt sie. Die Überforderung sei nicht so sehr körperlich, eher emotional.

Entlastung für die Angehörigen

«Ich bin 46 Jahre lang ins Singen gegangen. Als man meinen Mann nicht mehr am Abend allein lassen konnte, hat mir jemand gesagt, dass es einen Entlastungsdienst gebe, damit ich weiter hingehen kann.» Der Dienst komme auch dann, wenn die Angehörigen etwas für sich selbst unternehmen wollten.

Sich selber etwas gönnen sei wichtig, bekräftigt Udo Michel vom Entlastungsdienst Schweiz; nur für andere da sein, funktioniere auf Dauer nicht: «Es ist enorm wichtig, dass man Verschnaufpausen einbaut. Sie ermöglichen es, die Menschen so lange wie möglich zu Hause zu betreuen.»

Rund 800 Angestellte des Entlastungsdienstes Schweiz übernehmen für einige Stunden die Arbeit der pflegenden Angehörigen. Sie leisten den Patienten Gesellschaft, spielen, kochen, kaufen ein und machen alles, ausser medizinischer Pflege.

Krankenkassen bezahlen nichts

Kassenpflichtig sind solche Dienstleistungen nicht, bedauert Michel. Dabei müsste die Gesellschaft interessiert daran sein, dass die pflegenden Angehörigen ihre Arbeit durchstehen: «Es werden 80 Millionen Stunden pro Jahr Freiwilligenarbeit geleistet. Das könnte sich unser Gesundheitssystem, wie es im Moment ist, gar nicht leisten.»

Die Neuenschwanders zahlten den Entlastungsdienst aus der eigenen Tasche, bis Frau Neuenschwanders Unfall alle Pläne durchkreuzte. Auch die Chorproben musste sie wieder streichen.

Daheim feiern wäre ein Geschenk

Inzwischen geht es ihr aber besser und sie darf wieder träumen: «Ich wünsche mir, dass ich wieder ins Singen kann.» Das ist ein Wunsch, der dank des Entlastungsdienstes in Erfüllung gehen könnte, so wie auch jener ihres Mannes: «Ich möchte hier bleiben, so lange es geht.»

In zwei Jahren können die Neuenschwanders ihren 60. Hochzeitstag feiern, die diamantene Hochzeit. Es wäre ein grosses Geschenk für die beiden, wenn sie sie zu Hause feiern könnten.

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Wie ein Mann seine demenzkranke Frau betreut – rund um die Uhr
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11 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Leu  (tleu)
    Jugend ist in! Junge in den Nationalrat, Vaterschaftsurlaub möglichst lange usw. Dass wir alle älter werden und gegen das Lebensende Pflege brauchen wird ausgeblendet. Diese Pflege ist, im Gegensatz zur Kinderbetreuung, keine Begleitung in die Selbständigkeit, sondern wird immer schwieriger; am Ende wartet der Tod. Da unsere Gesellschaft immer individualisierter wird, sollte der Staat einspringen. Dieser hat knappe Mittel, die im Moment für's Kinderkriegen verwendet werden und andernorts fehlen.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Ich finde schon allein die Klassifizierung "Gratisarbeit" ziemlich höhnisch den Pflegebedürftigen gegenüber. Sie sind keine Arbeit. Sie sind Väter, Mütter, Schwester, Söhne usw. Irgendjemand hat die moralische Pflicht, ihnen beizustehen. Ins Singen zu gehen ist schön und wichtig, ist aber bei näherer Betrachtung ein Luxus. Die wenigsten können das, denken wir an ländliche Gebiete. Das Problem ist die Vereinsamung, welche mit der individualisten Kultur zusammenhängt. Dies ist jedoch zunehmend.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Wie bekannt, stamme ich von Osteuropa. Dort ist das Problem auch reell, nur, die Menschen werden oft bereits im aktiven Alter sehr krank. Der Staat hat keine entlastenden Strukturen, alles läuft in Familie und in der Nachbarschaftskommune ab. Lediglich gibt es zentrale Küchen in kleinen Gemeinden, wo man gegen Bezahlung das Essen abholen kann. Oder einen freien Raum für eine Zusammenkunft. Die Schweizer sollten weniger materialistisch denken, sich über kleine Sachen freuen und zusammenstehen.
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