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Rechtsfrage: Muss ich die Minusstunden nacharbeiten?
Aus Espresso vom 23.06.2016.
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Arbeitsrecht Muss ich die Minusstunden nacharbeiten?

In vielen Betrieben sind Teilzeitangestellte bei der Zeiterfassung benachteiligt. Wenn sie krank sind, bekommen sie weniger Stunden gutgeschrieben als sie gearbeitet hätten. Für Arbeitsrechtsexperten ein Gesetzesverstoss. «Espresso» erklärt, wie sich betroffene Angestellte wehren können.

In wenigen Wochen hat Lukas Weber aus Bern den letzten Arbeitstag. Wenn es nach seinem Chef gehen soll, dann dürften aber diese Wochen noch einmal richtig anstrengend werden. Lukas Weber hat nämlich Minusstunden auf seiner Zeitabrechnung. Fast eine Woche.

Der Angestellte soll die Minusstunden nacharbeiten

«Entstanden sind diese Minusstunden, weil ich 60 Prozent arbeite und man mir als ich krank war, weniger Stunden gutgeschrieben hat als ich an jenen Tagen gearbeitet hätte», schreibt er dem Konsumentenmagazin «Espresso» von Radio SRF 1. Lukas Weber arbeitet vier volle Tage pro Woche. Bei Krankheit seien ihm aber pro Tag nur rund sechs Stunden gutgeschrieben worden. «Muss ich diese Stunden nun tatsächlich nacharbeiten?», möchte Lukas Weber wissen.

Seine Frage dürfte viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer interessieren, die in Grossbetrieben mit schematischen Zeiterfassungsmodellen arbeiten. Viele solcher Zeiterfassungssysteme gehen bei Teilzeitangestellten von einem täglichen Stundensoll aus – egal, die der betreffende Angestellte tatsächlich arbeitet. Bei Krankheit wird im Zeiterfassungssystem denn auch dieses Stundensoll gutgeschrieben. Diese Berechnung ist kein Problem bei Teilzeitangestellten, die jeden Tag genau gleich viele Stunden arbeiten.

Teilzeitangestellte sind benachteiligt

Wer jedoch wie Lukas Weber bei einem 60 Prozent Pensum nicht jeden Tag arbeitet, bekommt im Krankheitsfall an einem Arbeitstag nicht die volle, sondern eine seinem Pensum angepasste Zeit gutgeschrieben. Statt acht Stunden also nur sechs.

Arbeitgeber verteidigen dieses System. Zwar könne es in Einzelfällen dazu führen, dass ein Angestellter wegen Krankheitstagen Minusstunden generiere. Diese würden aber im Verlaufe eines Jahres ausgeglichen, weil dem kranken Angestellten diese Stunden auch an den freien Tagen gutgeschrieben werde.

Arbeitsrechtsspezialisten sind anderer Meinung. Zum einen verstossen solche vereinfachenden Zeiterfassungssysteme dem Arbeitsgesetz. Dieses verlangt, dass die Arbeitszeit und auch die Absenzen korrekt erfasst werden. Zum anderen schreibt das Obligationenrecht vor, dass Angestellte bei Krankheit Anspruch auf den vollen – und nicht auf einen reduzierten – Lohn haben. Daraus folgt, dass einem Angestellten im Krankheitsfall die Zeit so gutgeschrieben werden muss, wie wenn er gearbeitet hätte. Krankheit, Unfall oder Ferien dürfen nicht zu Minusstunden führen.

Für Lukas Weber heisst das: Er muss seine Minusstunden nicht nacharbeiten. Sollte ihm der Chef die Minusstunden vom Lohn abziehen, kann sich Weber ans Arbeitsgericht wenden und seinen Lohn einfordern. Das Verfahren ist bis zu einem Streitwert von 30'000 Franken kostenlos.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Gloor  (Christian Gloor)
    Teil 2: Die Zeitanrechnung aufgrund der geplanten Dienste kann auch zu Ungunsten des Arbeitnehmers sein. So z.B. wenn dieser in einer Woche für 3 Tage Freiwünsche (nicht Ferien) zur Kompensation bezieht und dann erkrankt. Dann wird ihm für diese 3 Tag kein Zeitguthaben angerechnet, womit er mit der Zeitanrechnung gemäss Pensum (4,8 h/Tag) wiederum besser fahren würde. Vielleicht können Sie, geschätzte Frau Baumgartner, diesen Artikel hiermit noch ergänzen resp. präzisieren. Danke.
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    1. Antwort von Ralf Peter  (ralfpeter)
      Es geht nicht darum, besser fahren zu können, sondern fair. Wenn ein MA nicht halbtags sondern "weniger Tags" eingestellt wird, rechnet er zurecht auch mit ganzen Tagen Dienst. Bei arank im Frei gibt das wie am Wochenende keine Zeitgutschrift. Sollte das horizontale System gerecht angewendet werden, müsste ach mit einer 7-Tagewoche gerechnet werden, nicht mit 5.
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  • Kommentar von Christian Gloor  (Christian Gloor)
    Aus Sicht des Arbeitgebers stellt sich hier die Frage, wie dies bei Langzeitausfällen zu handhaben ist. Wie lange muss von Gesetz wegen der geplante Dienst vergütet werden? 1 Woche, 2 Wochen? Oder kann dies individuell über das Personalreglement geregelt werden? Spätestens ab dem Termin, wo die Einsätze noch gar nicht geplant sind, kann nur die Zeit aufgrund des Pensums vergütet werden, d.h. in diesem Fall 4,8 h/Tag (Annahme 40 Std.-Woche bei 100%). Siehe Fortsetzung...
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    1. Antwort von Ralf Peter  (ralfpeter)
      Meine Empfehlung: Soweit der Plan erstellt ist (der MA fix eingeplant ist), gilt die vertikale Zeitanrechnung). Denn soweit wurden dem MA die Aufteilung seines Pensums schon verpflichtend vorgegeben. Ab dem Zeitpunkt, wo der Plan noch nicht gültig ist, gilt bei längerer Absenz die horizontale Zeitanrechnung.
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