Ghosting – wenn die Liebsten spurlos verschwinden

  • Mittwoch, 4. März 2020, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Mittwoch, 4. März 2020, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 4. März 2020, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Radikale Kontaktabbrüche in Beziehungen sind so alt wie die Menschheit. Aber das digitale Zeitalter macht es einfacher, sich ohne Begründung zu verflüchtigen. «Ghosting» nennt sich dieses wachsende Phänomen, das die Liebe zur Ware degradiert. Und viele Betroffene in eine schwere Krise stürzt.

Alicia lernte ihren Prinzen via Instagramm kennen; er machte ihr Komplimente wegen ihres Outfits und bald schon wurde mehr daraus: die beiden trafen sich regelmässig zu langen Strandspaziergängen, kochten gemeinsam und führten gute Gespräche. Vor einem halben Jahr tauchte er dann – ohne Vorwarnung – einfach ab. Alicia wartet noch heute vergeblich auf eine Erklärung. Und will vorderhand von Männerbekanntschaften nichts mehr wissen.

«Dieses Schweigen ist für die Betroffenen das Schlimmste», sagt Ghosting-Expertin und Buchautorin Tina Soliman. «Denn wenn man etwas nicht versteht, kann man damit auch nicht abschliessen».

Menschen, die so rücksichtslos mit Gefühlen anderer umspringen, werden in Fachkreisen auch «Bulimiker der Liebe» genannt: Sie stopfen unzählige Dates in sich hinein, um sie dann möglichst rasch wieder loszuwerden. Rund 50 % der Millenials sollen – gemäss Soliman – in irgend einer Form schon von «Ghosting» betroffen gewesen sein.

Der Schriftsteller Jan Drees hat seine schlimmen Erfahrungen literarisch verarbeitet: Im Roman «Sandbergs Liebe» erzählt er von einem Mann, der auf einer Dating-Plattform ins Netz einer toxischen Beziehung geriet: eine Frau schaffte es, ihn derart zu manipulieren, dass er jegliches Selbstbewusstsein verlor. Am Schluss wählte auch sie den schnellen Abgang, löschte den Kontakt zu ihrem Profil. «Ich bin entfreundet worden, einfach so», notiert er als Bilanz.

Beiträge

  • «Mein Selbstbewusstsein ist ruiniert»

    Alicia war endlich wieder einmal so richtig verliebt; und freute sich riesig, als ihr Freund – nach drei Monaten intensiver Beziehung – einen Kurzurlaub an der Ostsee vorschlug. Pünktlich stand sie am Freitagabend am vereinbarten Treffpunkt.

    Aber er liess sie einfach stehen; und meldete sich auch danach nie wieder. Die Erfahrung habe ihr Selbstbewusstsein ruiniert, sagt Alicia im Rückblick; noch heute hintersinnt sie sich, was sie wohl falsch gemacht hat .

    Luzia Stettler

  • «Es gibt schon Warnsignale»

    Alicias schmerzhafte Erfahrung könne jeden und jede treffen, sagt die deutsche «Ghosting»-Expertin Tina Soliman.

    Aber es gebe schon Warnsignale, die einen hellhörig machen könnten: Wer ghostet, hat meistens mehrere Dates parallel am Laufen und vermeidet deshalb, die neue Liebe gleich im Familien- und Freundeskreis vorzustellen. Auch rät Soliman, Beziehungen langsamer angehen zu lassen: «Wo bleibt die Spannung, wenn man schon beim zweiten Treffen alle Geheimnisse preisgibt?»

    Luzia Stettler

  • Manipulation statt Liebe

    Narzissten oder Menschen, die an Schizophrenie oder an einer bipolaren Störung leiden, neigen öfters als andere zu Ghosting, sagt Tina Soliman. Denn viele unter ihnen suchen gar keine feste Bindung, sondern missbrauchen Online-Dating für eigene Machtspiele.

    Der Schriftsteller Jan Drees hat seine Höllenfahrt in einer toxischen Beziehung literarisch verarbeitet: «Ich wusste nicht, dass es Menschen gibt, die nicht Liebe suchen, sondern Manipulation».

    Luzia Stettler

Autor/in: Luzia Stettler, Moderation: Bernard Senn, Redaktion: Sabine Bitter; Produktion: Michael Sennhauser