Literatur im Gespräch

  • Donnerstag, 26. September 2019, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Donnerstag, 26. September 2019, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Donnerstag, 26. September 2019, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Literatur fürs Ohr. Immer mehr Literatur wird für die Performance vor Publikum geschrieben, nicht für die Lektüre im stillen Kämmerlein. Arno Camenisch, Noëlle Revaz und Gerhard Meister haben alle Bühnenerfahrung als Spoken Word-Performer und schreiben ihre Texte vor diesem Hintergrund.

Die Expansion der Literatur auf die Kleinkunstbühnen hat eine Vielfalt an neuen Schreibstilen und Sprachformen hervorgebracht, von denen in der Sendung drei Beispiele vorgestellt werden.

Der Berner Autor Gerhard Meister ist bisher gänzlich der Mundart und der kurzen Form verpflichtet. Sein geschriebenes Berndeutsch ist, ohne jeden traditionalistischen Schnörkel, der heutigen Umgangssprache entnommen. Entsprechend konsequent folgt diese Sprache im Sammelband «Mau öppis ohni Bombe» dem Duktus der Mündlichkeit.

Auch der Bündner Schriftsteller Arno Camenisch geht in seinen Bergromanen vom Klang der gesprochenen Sprache aus. Sein jüngster Roman «Herr Anselm» ist ein Monolog, gehalten in dem für Camenisch charakteristischen Hochdeutsch, das stark geprägt ist von Wörtern aus dem Bündner Dialekt und aus dem Rätoromanischen.

Die Westschweizer Autorin Noëlle Revaz schliesslich hat ebenfalls lange Jahre aktiv Spoken Word-Performance betrieben. Ihr Roman «Efina» aus dem Jahr 2009 liegt jetzt erstmals in einer deutschen Übersetzung vor. Der Text lebt zwar nicht von ausgeprägter Mündlichkeit, aber das Stakkato der kurzen Sätze, die Rhythmisierung und das Repetitive fordern beinahe, dass der Text mit Vehemenz vorgetragen wird.

Über die neue Schreibvielfalt in der Schweizer Literatur diskutieren Literaturkritikerin Sieglinde Geisel, SRF-Literaturredaktor Julian Schütt und SRF-Mundartredaktor Markus Gasser.

Beiträge

  • Arno Camenisch: Herr Anselm

    Wir sind auf der Ehrenrunde, klagt Herr Anselm am Grab seiner Frau. Denn auf Ende Schuljahr wird die Dorfschule in der Bündner Berggemeinde, wo er 33 Jahre lang Abwart war, geschlossen. Dabei ist die Schule doch das Flaggschiff im Dorf, das die Richtung vorgibt im Chaos dort draussen in der Welt.

    Denn hier gelten noch Werte, die einem die klugen Geräte in der Hosentasche nicht vermitteln können.

    So sinniert er über den Zustand der Welt und lässt Menschen und Ereignisse aufleben. Und zeichnet ein Bild von all dem, was hier verloren geht.

    Buchhinweis:Arno Camenisch: «Herr Anselm» (Engeler)

    Markus Gasser

  • Noëlle Revaz: Efina

    «Efina» ist der Roman einer seltsam obsessiven Beziehung zwischen einem Bühnenschauspieler und einer Bewunderin. Die gefeierte Westschweizer Autorin Noëlle Revaz erzählt eigenwillig distanziert und intim, grausam und komisch zugleich.

    Es scheint, als finde die Geschichte dieser Liebe, die doch eine verpasste Liebe bleibt, auf der Bühne statt. All die Machtspiele zwischen den Figuren, die einander zugefügten Kränkungen wirken inszeniert. Das wahre Leben bleibt ein Störfaktor.

    Buchhinweis:Noëlle Revaz: «Efina» (Wallstein)

    Julian Schütt

  • Gerhard Meister: Mau öppis ohni Bombe

    In den kurzen Mundarttexten von Gerhard Meister kommen zwar tatsächlich keine Bomben vor, aber Sprengkraft haben sie trotzdem. Unspektakuläre Alltagsmomente lösen hier Visionen und Entwicklungen monströsen Ausmasses aus.

    Etwa, wenn die Redewendung «Chatze hagle» im Supermarkt plötzlich blutige Realität wird. Oder der Gedanke, dass beim Small Talk an der Party der Auftragskiller weit höheres Prestige geniesst als der IV-Rentner. Eine kleine Verschiebung der üblichen Perspektive reicht, um Abgründe aufzureissen.

    Buchhinweis:Gerhard Meister: «Mau öppis ohni Bombe» (Der gesunde Menschenversand)

    Markus Gasser

Autor/in: Markus Gasser, Moderation: Markus Gasser, Redaktion: Anna Jungen