«Man muss zu weit gehen»

  • Mittwoch, 20. Dezember 2017, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Mittwoch, 20. Dezember 2017, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 20. Dezember 2017, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Hundert Jahre Heinrich Böll: Kein moderner Klassiker liegt unter so vielen Klischees begraben wie der deutsche Literaturnobelpreisträger. Dabei ist gerade dieser Autor, der sich ohne falsche Rücksichtnahmen einmischte, nach wie vor aktuell.

Zur Freiheit des Schriftstellers gehöre, dass er zu weit gehe, schrieb Heinrich Böll: «um herauszufinden, wie weit er gehen kann.» Nach dieser Maxime hat Böll geschrieben und seine Leser gespalten: Man verklärt ihn zum «Gewissen der Nation» und kritisierte andererseits den Moralapostel Böll. Umstritten ist auch seine Sprache: Manchen riecht sie zu sehr nach Suppenküche oder billigem Tabak.

Ist der deutsche Schulbuchklassiker also schlecht gealtert? Oder hat er uns weiterhin etwas zu sagen?

Kontext sucht eine Stunde lang nach Antworten und klar wird dabei: Es lohnt sich auf jeden Fall, Heinrich Böll neu zu lesen. Erstmals ist zum 100. Geburtstag sein Kriegstagebuch 1943-1945 erschienen und darüber hinaus von Ralf Schnell eine prägnant geschriebene Studie über «Heinrich Böll und die Deutschen», die den Schriftsteller von bequemen Schablonen befreit.

Neu gelesen werden ausserdem zwei seiner bekanntesten Romane: «Ansichten eines Clowns» (1963) und «Gruppenbild mit Dame» (1971).

Buchhinweise zu Heinrich Böll:

- Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind. Die Kriegstagebücher 1943-1945, Kiepenheuer & Witsch
- Ansichten eines Clowns, Deutscher Taschenbuchverlag dtv
- Gruppenbild mit Dame, Deutscher Taschenbuchverlag dtv
- Heinrich Böll, Hörwerke. Originalaufnahmen 1952-1985, Der Hörverlag


- Ralf Schnell: Heinrich Böll und die Deutschen, Kiepenheuer & Witsch

Beiträge

  • Das Grauen des Krieges in erschütternden Chiffren

    Sechs Jahre lang wurde der junge Heinrich Böll von Front zu Front geschickt, von Frankreich bis in die Ukraine. In Agenden und Notizbücher notierte er seine Angst, seine Hilflosigkeit, seine Verzweiflung. Drei dieser Bücher sind erhalten geblieben.

    «Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind. Die Kriegstagebücher 1943 bis 1945» sind das einzigartige Zeugnis eines Wehrmachtssoldaten, der den Krieg hasste. In höchster Bedrängnis, nur in Stichworten und Chiffren, erzählt Heinrich Böll vom Grauen des Krieges. René Böll, Herausgeber der Kriegstagebücher seines Vaters, kommentiert einzelne Stellen.

    Franziska Hirsbrunner

  • Chronist der BRD?

    Heinrich Bölls schriftstellerisches Werk kann als eine literarische Chronik der BRD von 1945 bis 1980 beschrieben werden. Aber ist es mehr? Ist es literarisch bedeutsam jenseits der historischen Zeitbezüge?

    Der Roman «Ansichten eines Clowns» (1963) ist eine erste, teils bitter zynische Bilanz der Nachkriegsjahre. Neue erzählerische Wege und einen erweiterten Blick auf die Gesellschaft präsentiert Böll dann in «Gruppenbild mit Dame» (1971).

    Wie lesen sich diese Romane heute, rund 50 Jahre nach ihrem Erscheinen? Sind sie noch aktuell?

    Bernadette Conrad

  • Einmischung erwünscht

    Der bekannte Literaturwissenschaftler und Literaturhistoriker Ralf Schnell liefert mit seinem Buch «Heinrich Böll und die Deutschen» die lebendigste Studie zum 100. Geburtstag des grossen Schriftstellers.

    Er geht der Frage nach, wie Böll auf sein Land schaute und wie er andererseits von den Deutschen wahrgenommen wurde.

    Im Gespräch macht Ralf Schnell deutlich, wie aktuell und gültig Heinrich Bölls widerborstige Einmischungen weiterhin sind.

    Julian Schütt

Autor/in: Julian Schütt, Franziska Hirsbrunner, Bernadette Conrad, Moderation: Hansjörg Schultz, Redaktion: Ellinor Landmann