Das «Impfbüechli» aus Papier hält sich hartnäckig

2011 hat das BAG den elektronischen Impfausweis lanciert – den heute nicht einmal 1,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung nutzen. Gründe dafür gibt es verschiedene, vor allem aber dürften den wenigsten Schweizerinnen und Schweizern die Möglichkeiten dieses Angebots bewusst sein.

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Elektronisches Impfbüchlein - bislang wenig erfolgreich

5:43 min, aus Puls vom 2.5.2016

Die Anzahl der Registrierungen in den letzten fünf Jahren zeigt es: Das Interesse an einem elektronischen Impfausweis bei den Schweizerinnen und Schweizern ist gering. Bis heute haben sich gerade einmal 116'600 Personen auf der Website meineimpfungen.ch registriert.

Wenn man von acht Millionen potenziellen Impfempfängern ausgeht, sind das nicht einmal 1,5 Prozent. Dabei wäre die elektronische Erfassung der Impfdaten der Schweizerinnen und Schweizer wichtig für das BAG: Das System überprüft nicht nur automatisch die eingegebenen Impfdaten und gibt Empfehlungen für Auffrischungen ab. Es nutzt auch die erfassten Daten (ausser von denen, die die Datennutzung ablehnen), um die Durchimpfungsrate bei der Schweizer Bevölkerung zu berechnen.

Schweizer impfen, wenn sie reisen

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Vorteile eines E-Impfpasses

  • Die Impfdaten sind elektronisch gesichert. Kein Verlieren der Daten und als Folge auch keine unnötigen Nachimpfungen wegen Verlust des Impfbüechlis.
  • Auf Wunsch automatische Erinnerung an Impfungen oder Auffrischungen erinnert per SMS oder E-Mail.
  • Im Vorfeld einer Reise können die nötigen Impfungen für das Reiseziel abgefragt werden.

Abgesehen davon, dass nicht jeder Schweizer Bürger seine medizinischen Daten im Internet speichern oder sie dem BAG zur Auswertung überlassen will, dürfte auch Impfskepsis eine Rolle spielen.

Und: Die meisten Schweizer verbinden Impfungen mit Reisen. Nur wer nach Übersee in die Ferien fliegt, kümmert sich um einen guten Impfschutz.

Dass auch Impfungen gegen Masern, Keuchhusten Tetanus, FSME oder Hepatits aufgefrischt oder durch eine zweite Spritze ergänzt werden sollten, ist nur wenigen bekannt – oder wichtig. In der Schweiz fühlt man sich sicher. Impfschutz braucht man vor allem im Ausland. Und wer bei der Einreise in ein Land zum Beispiel eine obligatorische Gelbfieber-Impfung vorweisen muss, kann nicht einfach einen Ausdruck vom Elektronischen Impfausweis mitnehmen, sondern braucht den offiziellen (gelben) Impfausweis der WHO.

Tatsächlich hat die Analyse der bisherigen Elektronischen Impfausweise ergeben, dass ein Drittel der Schweizer Bevölkerung nicht à jour ist mit den Impfungen, die auch in der Schweiz empfohlen werden. «Das ist relativ viel», meint Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle und Impfprogramm beim BAG. «Das macht eine grosse Empfänglichkeit für Krankheiten, die mit Impfungen vermeidbar wären.»

Wer registriert ist, kann individuell mittels SMS oder E-Mail darauf aufmerksam gemacht werden, welche Impfungen oder Impfauffrischungen empfohlen werden. Das BAG erhofft sich mit diesem Service ein grösseres Bewusstsein für Impfungen in der Schweiz und einen besseren Schutz vor Infektionskrankheiten in der Schweiz.

Elektronischer Impfausweis weitgehend unbekannt

Auch dem BAG ist bewusst, dass nur wenige Menschen die elektronische Alternative zum papierenen braunen, blauen oder gelben «Impfbüechli» kennen. Die Propagierung durch Medien und Ärzte, auf die das BAG bis jetzt gesetzt hat, hat nicht genug gegriffen.

Gerade die Ärzte sind bis jetzt keine guten Verbündeten, um die Patienten auf den elektronischen Impfausweis umzusiedeln – im Gegenteil. Selbst wenn man es selber schafft, das Schriftgekrakel der letzten Jahrzehnte im Impfausweis zu entziffern und ins Netz zu übertragen, muss es doch von einer Fachperson kontrolliert und validiert werden. Das nimmt viel Zeit in Anspruch.

Das Impfzentrum Zürich zum Beispiel, bietet diesen Dienst nicht an: Bei bis zu 180 Kunden pro Tag sei dies ein ein Aufwand, der schlicht nicht zu bewältigen sei. Zudem können die Ärzte die Zeit, die sie dafür aufwenden müssen, nicht mit Tarmed-Punkten abrechnen. Heisst: Noch mehr administrativer Aufwand – ohne Bezahlung. Das könnte sich allerdings in Zukunft ändern: «Wir prüfen zur Zeit, ob die Ärzte besser dafür entschädigt werden können», so Virginie Masserey.

Sicherlich würden dann die Hausärzte ihre Schützlinge mehr auf den E-Impfausweis aufmerksam machen. Das löst allerdings das andere Problem nicht: Dass der elektronische Impfausweis nicht mit den Praxissystemen verknüpft werden kann. Eine Thematik, die man schon vom elektronischen Patientendossier her kennt.

Dabei würde es sich gerade bei kleinen Kindern lohnen, gleich mit der elektronischen Variante des Impfausweises einzusteigen. «Die Impfeinträge laufend zu ergänzen, ist schliesslich nicht mehr Aufwand als einen schriftlichen Eintrag im papierenen ‹Impfbüechli›», meint «Puls»-Hausarzt Thomas Kissling. Er selbst propagiert den elektronischen Impfausweis.

«Ich wäre froh, wenn der Bund den elektronischen Impfausweis besser propagieren könnte. Auch bei den Ärzten», so Masserey, «aber dafür braucht es Ressourcen.» Das BAG ist jetzt daran, eine Nationalen Impfstrategie und in diesem Rahmen ein Kommunikationskonzept zu erarbeiten.

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