Chemotherapie am Lebensende – Unterschätzte Risiken

Viele Krebspatienten erhalten eine Chemotherapie bis fast zum letzten Tag ihres Lebens. Die Behandlung soll das Leiden von schwer kranken Patienten lindern. Einer neuen Studie zufolge führt sie aber oft zu Komplikationen und zum Tod auf der Intensivstation.

Audio «Umstrittene Chemotherapie» abspielen.

Umstrittene Chemotherapie

Neben Operationen und Bestrahlungen gehören Chemotherapien heute zur Standardbehandlung bei Krebs. Diese Medikamente töten im Körper Krebszellen ab oder hindern sie zumindest daran, sich zu vermehren. Daher erhalten auch Krebspatienten und -patientinnen am Lebensende oft noch Chemotherapien. Bei ihnen geht es nicht mehr darum, Krebs zu heilen, sondern besonders schmerzhafte Tumore etwas zu verkleinern und damit Leiden zu lindern.

Dieses Ziel werde aber bei schwer kranken Patientinnen und Patienten oft verfehlt, beziehungsweise sogar das Gegenteil erreicht, kommt eine Forschungsgruppe der US-Universitäten Cornell und Harvard im Fachblatt «British Medical Journal» zum Schluss. Viele dieser Patienten würden mehr leiden, als dass sie von der Behandlung profitieren, weil die aggressiven Nebenwirkungen der Medikamente stärker ins Gewicht fielen als die nur noch geringfügige Reduktion der Tumore.

Mehr intensivmedizinische Eingriffe

Die Forschungsgruppe hatte rund 400 schwer kranke Krebspatientinnen und -patienten untersucht, die Hälfte mit, die andere Hälfte ohne Chemotherapie. Es zeigte sich: Die Patienten mit Chemotherapie konnten weniger oft am Ort ihrer Wahl sterben (65 Prozent gegenüber 80 Prozent). Sie starben öfter im Spital auf der Intensivstation (elf Prozent gegenüber zwei Prozent). Sie mussten zudem deutlich öfter künstlich beatmet und ernährt werden und erhielten mehr Herz-Lungen-Reanimationen. Schliesslich lebten sie auch nicht länger als die Patienten ohne Chemotherapie.

Im Widerspruch zur Praxis

Diese Ergebnisse hätten sie in ihrer Deutlichkeit überrascht, sagt Studien-Co-Autorin Holly Prigerson von der Universität Cornell. Die Befunde stünden im Widerspruch zur gängigen Praxis. In den USA erhält mehr als die Hälfte der schwer kranken Krebspatienten noch Chemotherapien. Auch in der Schweiz sind Chemotherapien am Lebensende weit verbreitet.

Müsste man also von dieser Praxis abrücken und Krebspatienten im Endstadium möglichst keine solche Behandlungen mehr verschreiben? Soweit will Holly Prigerson nicht gehen, weitere Studien seien nötig. Doch betont die Krebsforscherin: «Was es heute braucht, ist eine offene Diskussion nicht nur über die Chancen, sondern auch über die Risiken der Chemotherapie bei Krebs im Endstadium, basierend auf Fakten wie den unsrigen.» Wichtig sei auch, dass die betroffenen Patienten und Patientinnen «sich bewusst sind über ihr bevorstehendes Lebensende und über die Effekte der verschiedenen Therapien.»

Patienten falsch informiert

Letzteres ist keineswegs selbstverständlich. Wie frühere Studien aus den USA gezeigt haben, spricht nur etwa ein Drittel der Onkologen offen mit den Patienten über das Thema «Lebensende». Die Mehrheit der schwer kranken Krebspatienten glaubt, ihre Chemotherapie könne sie vielleicht doch noch heilen. Dass sie nur noch eine palliative, also leidensvermindernde, Chemotherapie machen, ist ihnen nicht bewusst. Das bestätigt für die Schweiz auch der Arzt Roland Kunz, der am Spital Affoltern das Zentrum für Palliative Care leitet: «Zu uns kommen viele Patientinnen und Patienten, die bis kurz vor dem Tod noch Chemotherapien gemacht haben, und die meisten sagen mir, sie hätten diese Behandlung nicht gemacht, wenn sie gewusst hätten, wie es ihnen damit ergeht.»

Mauerblümchen «Palliative Care»

Was es heute aber brauche, so Roland Kunz, sei nicht nur mehr Wissen über Chemotherapien am Lebensende, sondern auch über die Palliative Care. «Die meisten Leute meinen, Palliative Care sei blosse Sterbebegleitung.» Dabei gehe es um Leidensverminderung und um eine bestmögliche Lebensqualität von unheilbar Kranken. Dass die Palliative Care diese Ziele in der Krebsmedizin tatsächlich erreicht, wenn man sie früh genug als Begleitmassnahme zu den normalen Therapien einsetzt, ist heute ebenfalls durch erste Untersuchungen nachgewiesen. Krebspatienten hätten also für die letzte Lebenszeit mehrere Behandlungsoptionen. Bloss ist das noch wenig bekannt.