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Gesundheitswesen «Wie hält man das aus?»: Vom Arbeiten auf einer Intensivstation

Tagtäglich mit schweren Schicksalen konfrontiert und trotzdem immer das Beste geben: Menschen, die auf einer Intensivstation arbeiten, haben nicht einfach eine dicke Haut, sondern die Gabe, sich in erster Linie um das Wohl ihrer Patienten zu kümmern und erst danach um die eigenen Gefühle.

Legende: Video «Puls vor Ort» auf der Intensivstation abspielen. Laufzeit 38:37 Minuten.
Aus Puls vom 06.06.2016.

Ehrlich gesagt: Ich hatte Sorge, wie das wohl sein wird, tagelang auf einer Intensivstation zu sein, zu beobachten und zu dokumentieren, mit Schicksalen konfrontiert zu werden, die beschäftigen und womöglich schwer zu verarbeiten sind. Tatsächlich war es dann auch ein starker Einstieg in eine bis dato fremde Welt: Am ersten Tag unserer Dreharbeiten wird eine junge Frau eingeliefert. Sie hat gerade erst ein Kind geboren, ringt um ihr Leben. Sie wird drei Tage lang zwischen Leben und Tod schweben. Wir erleben die Angehörigen, die verzweifelt sind, hören den zuständigen Arzt, wie er immer wieder sagt: Man wisse nicht, ob sie überleben werde.

Der Fall geht uns nahe. Auch dem Personal auf der Intensivstation, auch wenn solche Fälle zum Alltag gehören. «Wenn eine junge Mutter stirbt, ist das immer das Schlimmste. Kinder brauchen ihre Mutter. Aber wenn wir alles gemacht haben, was möglich war und es richtig gemacht haben, dann müssen wir einfach sagen: Es ist Schicksal», sagt Peter Steiger, ärztlicher Leiter der Chirurgischen Intensivstation am Unispital Zürich. Lernt man das, frage ich ihn, das Schicksal zu akzeptieren, ohne dabei zu verzweifeln? «Man kann es zu einem gewissen Teil lernen. Aber es ist schon so: Wer hier arbeitet, bringt viel Erfahrung mit und hat sich entschieden, diesen Job zu machen.»

Jeder, der das erste Mal die Arbeit auf einer Intensivstation erlebe, sei beeindruckt, sagt Peter Steiger weiter. Danach folge meistens die Faszination dem Fachbereich gegenüber. «Wir sind nicht gefühllos, das wäre falsch. Vielmehr haben wir die Gabe, dass wir uns mehr um den Patienten kümmern statt um die eigenen Gefühle.»

Tod, der tägliche Begleiter

Jede Woche stirbt in der Regel ein Patient auf der Intensivstation. Oft steht dahinter der Entscheid, die Therapie einzustellen. Am Rapport hören wir, dass ein solcher Beschluss ansteht. Es geht um eine junge Patientin, die sich nach einer Organtransplantation nicht mehr erholt hat. Seit Tagen liegt sie auf der Intensiv, ist ansprechbar und bekommt alles mit. Sie will leben, doch es gibt keine Hoffnung. Die Stimmung auf der Abteilung ist gedrückt. Das Schicksal der jungen Frau geht vor allem dem Pflegepersonal, das tagtäglich bei ihr am Bett ist, nah. Als die Maschinen abgestellt werden und die Patientin stirbt, fliessen Tränen.

Ob die Maschinen abgestellt werden oder nicht, ist nicht ein Entscheid, den eine Person allein trifft. Ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Pflegepersonal, Therapeutinnen, Ethikerin und Psychiater müssen sich einig sein. «Es hilft, dass die involvierten Fachpersonen nicht einfach vor Tatsachen gestellt werden, sondern Teil dieses Prozesses sind», sagt Peter Steiger.

Bleibt trotz gemeinsamem Entscheid am Schluss nicht doch die Mühe damit, dass die Maschinen abgestellt werden müssen? «Wenn es schwierig wird, dann sitzt man nochmals zusammen. Aber das ist meist nicht nötig, weil wir viel auffangen können, wenn wir vorher alles genau besprechen und miteinander entscheiden.»

Freude übers gute Ende

Auf der Intensivstation, wo die meisten Organtransplantierten behandelt werden, treffen wir auf eine Patientin, die in der Nacht zuvor eine neue Lunge bekam. Bei ihr geht alles gut, die Patientin wird zwei Tage später bereits auf eine andere Station verlegt werden. Nirgends liegen im Spital Leben und Tod so nah beieinander wie auf einer Intensivstation. Auch die junge Frau, die wir am ersten Tag kennenlernten, wird überleben. Diese Fälle sind es, die die Arbeit auf einer Intensivstation so lohnenswert machen, auch für Peter Steiger: «Heute geht man mehr an die Grenze von Leben und Tod und versucht, das Beste zu machen. Und wenn es gelingt, wenn man sieht, es kommt gut – das ist es, was unseren Beruf ausmacht.»

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