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Wälti: «Man braucht einfach den Kontakt zu Familie und Freunden»
Aus Sport-Clip vom 21.01.2021.
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Nati-Captain spricht Klartext Wälti: «Wir werden zu Einzelkämpferinnen»

Lia Wälti ist ein Aushängschild des Schweizer Frauen-Fussballs. Im SRF-Interview nimmt die England-Söldnerin kein Blatt vor den Mund.

«Mir fehlt die Motivation für das, was ich eigentlich am liebsten mache.» Lia Wälti hat sich noch nie davor gescheut, Klartext zu sprechen. Auch im Skype-Interview aus ihrer Wohnung in London gibt sie tiefe Einblicke in ihre Gefühlswelt in dieser schwierigen Zeit.

Wälti weiss, dass sie als Profi-Fussballerin bei Arsenal privilegiert ist. Dennoch sagt sie: «Es ist extrem schwierig, sich noch zu motivieren. Man braucht diesen Ausgleich, den Kontakt mit Familie und Freunden.» Der fehle derzeit fast komplett.

Keine Fahrgemeinschaften und Essen zu Hause

Die FA Women's Super League hat wie alle Profi-Ligen in England den Betrieb fortgesetzt, allerdings mit äusserst strikten Auflagen. Wälti gibt einen Einblick:

  • «Jede Spielerin fährt mit dem eigenen Auto zum Training, Fahrgemeinschaften sind nicht mehr erlaubt.»
  • «Ein- bis zweimal pro Woche werden wir getestet. Der Körperkontakt im Training wird so gut wie möglich vermieden und minimiert.»
  • «Das Essen bekommen wir auf dem Trainingsgelände, müssen es aber nach Hause nehmen.»
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Wälti: «Wir erhalten Essen, müssen es aber zu Hause konsumieren»
Aus Sport-Clip vom 21.01.2021.
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Allgemein werde das Trainingsprogramm in eine kürzere Zeitspanne reingequetscht als üblich. Der Kontakt zu anderen Spielerinnen sei stark beschnitten. «Teambuilding findet nicht mehr statt. Es ist sehr schwierig, das aufrecht zu erhalten. Der Teamspirit lebt eigentlich davon, viel Zeit miteinander zu verbringen», so die 27-Jährige.

Es ist ja auch menschlich, dass einem diese Situation runterzieht. Viele können so nicht auf ihrem Maximum performen.
Autor: Lia Wälti

Im Training würden die Spielerinnen zudem auf Schritt und Tritt von Kameras verfolgt. Wälti führt aus: «Wenn jemand positiv getestet wird, werden diese Bilder ausgewertet. Vor zwei Wochen wurden 7 Spielerinnen in Quarantäne geschickt, weil sie minimalen Kontakt mit einer positiven Person hatten. Das hat uns etwas wachgerüttelt.»

Puzzeln und spazieren

Die Situation nagt sichtlich an der Emmentalerin. Sie versucht, sich bestmöglich abzulenken und auf andere Gedanken zu kommen. So puzzelt sie zum Beispiel gerne und oft oder geht einmal pro Tag auf einen Spaziergang.

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Wälti: «Ich versuche, einmal am Tag an die frische Luft zu kommen»
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Doch vor allem das fehlende Zwischenmenschliche im Team macht ihr zu schaffen. «Wir werden zu Einzelkämpferinnen. Sich gegenseitig noch zu unterstützen ist mit den Distanz-Regelungen schwierig. Die Gefahr ist zu gross, dass bei einem positiven Fall viele Spielerinnen ausfallen.» Man sei distanzierter, aber nicht nur körperlich. «Es ist ja auch menschlich, dass einem diese Situation runterzieht. Viele können so nicht auf ihrem Maximum performen.»

Ich verstehe aber auch Menschen, die frustriert sind. Menschen, die ihre Jobs nicht ausüben können, während hier Fussball als das Wichtigste der Welt erscheint.
Autor: Lia Wälti

England: «Es geht um extrem viel Geld»

Im Frühling während dem ersten Lockdown auf der Insel hatte Wälti klar Stellung bezogen zur geplanten Wiederaufnahme der Meisterschaft: Sie plädierte für ein vorzeitiges Saisonende.

Mittlerweile ist sie zwiespältig: Zum einen fühle sie sich privilegiert und freue sich auch darüber, dass sie weiter Fussballspielen und Geld verdienen könne. «Ich verstehe aber auch Menschen, die frustriert sind. Menschen, die ihre Jobs nicht ausüben können, während hier Fussball als das Wichtigste der Welt erscheint.»

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Wälti zum Thema Saisonabbruch: «Verstehe die frustrierten Leute»
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«In England geht es einfach um extrem viel Geld, vor allem in den Männer-Ligen», so Wälti geradeheraus. Weil man aber stets versuche, Frauen gleich zu behandeln, geht es auch bei ihnen weiter – und darüber sei sie sehr froh. «Teilweise wäre es mir aber auch recht, wenn die Saison abgebrochen werden würde, weil ich mental nicht 100% dahinter stehen kann.»

Radio SRF 1, Abendbulletin, 21.01.2021 18:45 Uhr;

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Andreas Meier  (Epikur)
    Mit Verlaub, die Zuschauerzahlen haben sich beim Frauenfussball durch die Pandemie nur sehr marginal verändert. Ansonsten sollen sie froh sein, überhaupt spielen zu dürfen. Millionen anderen dürfen ihrer Arbeit nicht nachgehen, notabene ohne dauernden Körperkontakt, das ist Geklöne auf hohem Niveau. Schlussendlich müssen alle mit diesen Umständen zurechtkommen, im Vergleich zu früheren Generationen ein absolutes Luxusproblem, zudem mit der Gewissheit, dass die Impfungen in vollem Gange sind.
  • Kommentar von Samuel Rohrbach  (Samuel)
    Solche Geschichten geben einem zu denken. Der Mensch wird immer mehr zu einem Roboter, der einfach noch funktioniert. Und wenn man kein Profisportler ist, geht oft gar nichts mehr. Sport und Musik sind doch essentiell für uns Menschen. Ebenso die Mimik und die Empathie, für Kinder oft sichtbar über das Gesicht (wenn man es dann sieht..) Auch die Masken, (nebst fehlendem Kontakt, Musik und Sport) tragen zu dieser seelischen Verarmung der Menschheit bei. Darüber wird viel zu wenig gesprochen.
  • Kommentar von Andreas Hug  (AndiHug)
    Mich bestürtzt die Aussage, Sie fühlt sich privilegiert arbeiten zu dürfen.
    Das Recht auf Arbeit war bis vor kurzem noch ein Grundrecht und ganz normal.
    So viele denken, Corona rechtfertigt in dieser Zeit alle Massnahmen.
    Dabei sollten genau in Kriesenzeiten die Grundrechte hoch gehalten werden.
    Hoffentlich ist nach der freiwilligen Impfung das Thema Corona bald durch.
    Je schneller desto besser.