Fast zwei Jahre nach der Entlassung bei den Young Boys hat Raphael Wicky Anfang Januar den Trainerposten bei Sporting Kansas City in der nordamerikanischen MLS übernommen. Im Interview mit SRF Sport erzählt der 48-Jährige von den Gründen für die lange Pause, den ersten Wochen beim neuen Klub und den Vorteilen des Ligensystems im US-Profi-Sport.
SRF Sport: Raphael Wicky, Sie sind seit Anfang Jahr Trainer von Sporting Kansas City, was haben Sie in den ersten Wochen in den USA gemacht?
Raphael Wicky: Es war eine extrem stressige Zeit. Weil in der MLS alles streng reglementiert ist, durften wir erst am 10. Januar zusammenkommen. Ich habe an diesem Tag alle – sowohl Spieler als auch Staff – kennengelernt. Am nächsten Tag sind wir für 3 Wochen nach Florida ins Trainingslager geflogen. Anfang Februar haben wir noch einmal fast 2 Wochen in Kalifornien trainiert, waren insgesamt also 5 Wochen unterwegs. Wir haben sehr gut gearbeitet.
Was hat Ihnen besonders gefallen?
Ich wusste, bevor ich hier unterschrieben habe, dass wir einen grossen Umbruch im Team haben werden. Wir wollen eine Fussball-DNA entwickeln und eine neue Kultur installieren. Ich bin sehr zufrieden damit, mit welchem Commitment die Spieler und alle Leute rundherum das aufgenommen haben.
Welches waren die grössten Probleme?
Ins Trainingslager sind wir mit 14 Feldspielern und 4 Goalies geflogen – der Rest waren Testspieler und auch einige 14- bis 16-Jährige. Das habe ich aber alles schon vor meiner Vertragsunterschrift gewusst, das macht es ja auch interessant. Wir brauchen aber insgesamt 10 bis 12 Neuzugänge. Stand jetzt ist das Kader noch ziemlich dünn, das wird in 2 Monaten ganz anders aussehen, auch wenn man als Trainer natürlich so schnell wie möglich alle beisammen haben will. Mein Job ist es aber nicht, Spieler zu verpflichten. Mein Job ist es, mit den Spielern zu arbeiten, die hier sind, sie besser zu machen und ein Team zu kreieren.
Sie haben vorher die neue Team-DNA erwähnt. Wer hat diese vorgegeben?
Das war ein entscheidender Punkt bei der Wahl eines neuen Postens. Dass ich mit meiner Idee von Fussball auf der gleichen Wellenlänge mit dem bin, was im Klub vorgegeben wird. Ab dem ersten Gespräch mit dem neuen Sportdirektor David Lee habe ich gespürt, dass wir gleich ticken, was den Spielstil, die Arbeitskultur oder den Führungsstil betrifft.
Und für welchen Spielstil soll Sporting Kansas City stehen?
Kurz gesagt wollen wir ein Team sein, das mit dem Ball gut spielt. Wir wollen versuchen, von hinten heraus zu spielen und das Spiel mit dem Ball zu gestalten. Gleichzeitig fordern wir von unseren Spielern aggressives Verteidigen und mutiges Draufgehen, wenn es möglich ist. Vor allem wollen wir aber als Team auftreten. Es ist deshalb extrem wichtig, dass wir hier eine Kultur entwickeln, wo jeder wirklich für den anderen und mit dem anderen zusammen spielt.
Wie sehen die sportlichen Ziele aus – in diesem Jahr aber auch perspektivisch?
Ich bin sehr interessiert am Job hier gewesen, weil ich das Gefühl habe, dass der Klub eigentlich alle Puzzleteile hat, die es braucht, um mit den Besten mithalten zu können. Sporting Kansas City ist in der Vergangenheit erfolgreich gewesen, hat sehr viel Kontinuität und Stabilität mit der Besitzerfamilie. Dazu kommt ein schönes Fussballstadion und eine tolle Trainings-Infrastruktur; Argentinien wird zum Beispiel an der kommenden WM hier sein, das ist also wirklich alles top. Es ist ein sehr interessantes Projekt, weil man so viele Freiheiten hat, das Kader neu zusammenzustellen. Ich glaube, wir haben schon in dieser Saison das Potenzial, in die Playoffs einzuziehen – und dort ist dann immer alles möglich.
Gefällt Ihnen der Modus mit Playoffs?
Er hat Vor- und Nachteile. Aus Trainersicht hat man im US-Sport normalerweise ein wenig mehr Zeit, um etwas zu entwickeln. Und aus sportlicher Sicht gibt es viel mehr Wechsel an der Spitze. Die Situation wie in der Super League, dass ein Klub wie früher Basel oder dann YB sechs, sieben Jahre lang Meister wird, gibt es hier nicht. LA Galaxy war vor drei Jahren eines der schlechtesten Teams, dann wurden sie Meister und in der letzten Saison waren sie mit Sporting Kansas City wieder am unteren Ende. Diese Situation zeigt auch, dass wir uns Chancen ausrechnen dürfen, wenn wir das Kader einmal zusammenhaben werden.
Sie waren nach der Entlassung bei YB zwei Jahre ohne Job. Eine bewusste Entscheidung?
Ich hätte zwei Wochen nach der Entlassung im Ausland schon wieder einen Job annehmen können, aber das wollte ich nicht. Im Sommer 2024 spürte ich, dass ich die Energie noch nicht hatte, ein neues Engagement anzunehmen. Im Herbst hatte ich Gespräche mit verschiedenen Klubs, aber es hat nie zu 100 Prozent gepasst, deshalb hat sich die Pause verlängert. Dann war meine Frau schwanger und der Geburtstermin war im Sommer 2025. Ich wurde zum ersten Mal Vater und das hatte absolute Priorität.
Hat Sie die Vaterschaft auch als Trainer verändert?
So richtig kann ich das erst sagen, wenn der Stress anfängt. Aber ich hoffe, dass sie mir in gewissen Momenten eine andere Perspektive auf die Trainer-Tätigkeit gibt. Denn die meisten Trainer sind ja fast 24 Stunden – sogar im Schlaf – am Überlegen.
Das Gespräch wurde vor dem Saisonstart von Bénédict Saunier geführt.