Mainz ist eine Karneval-Hochburg. Die närrischen Tage werden die 5. Jahreszeit genannt. Die Fastnacht – wie sie in Mainz heisst – hat auch längst Einzug in die Bundesliga gehalten. So hängen die «05er» Jahr für Jahr ein in der Regel speziell buntes Fastnachts-Trikot in die Fanshops. Oder die gegnerischen Anhänger versuchen im Stadion die Mainzer mit dem Sprechchor «Ihr seid nur ein Karnevalsverein!» zu ärgern.
Wobei das mit dem Ärgern so eine Sache ist. Denn in Mainz ist man stolz, ein Karnevalsverein – oder eben Fastnachtsverein – zu sein. Ganz Mainz identifiziert sich mit der Fastnacht. Ganz Mainz? Nein. Urs Fischer ist nicht mit dem Fastnachts-Gen infiziert worden.
Der Schweizer Trainer, der seit Anfang Dezember beim FSV an der Seitenlinie steht, sagt: «Mainz lebt die Fastnacht. Und zwar so richtig.» Der 60-Jährige findet es schön und wichtig, dass die Mainzer diese Tradition pflegen und an kommende Generationen weitergeben. «Aber jemanden davon zu überzeugen, der bislang nur wenig Kontakt damit gehabt hat – das wird schwierig.»
An den richtigen Schrauben gedreht
Sein fehlendes Flair für die Fastnacht ist aber der einzige «Kritikpunkt», den man im Mainzer Umfeld über Fischer hört. Kein Wunder. Denn sportlich gibt es rein gar nichts zu beanstanden – im Gegenteil. Der Zürcher hat ein kleines Wunder vollbracht. Als Fischer zum Klub stiess, lagen die «05er» mit nur 6 Punkten aus 13 Spielen auf dem letzten Platz in der Bundesliga. Am Sonntag sicherten sich die Mainzer dank eines 2:1 bei St. Pauli vorzeitig den Klassenerhalt.
Fischer hat in Mainz zum wiederholten Mal unter Beweis gestellt, dass er die Fähigkeit besitzt, Mannschaften innert kürzester Zeit zu stabilisieren und besser zu machen. Wie ist ihm das gelungen? Man dürfe, erklärt Fischer, nicht den Fehler begehen, zu schnell zu viel verändern zu wollen. Vor allem zu Beginn einer Zusammenarbeit. «Es geht darum, an den richtigen Schrauben zu drehen.»
Fischer hat an den richtigen Schrauben gedreht. In Mainz hat sich das Abstiegsgespenst in den letzten Monaten verzogen. Es herrscht wieder eine euphorische Stimmung beim Klub, der seit 17 Jahren in der Bundesliga ist und jüngst im Viertelfinal der Conference League spielte.
Irgendwann sagte ich mir: ‹Die Zeit ist reif.›
Die Mainzer überzeugen in ihren Spielen mit einer guten Organisation auf dem Platz. Auch das ein Verdienst Fischers, der klarstellt: «Wenn man von Organisation und Kompaktheit spricht, dann meint man oft nur die Defensive. Dem ist aber nicht so. Es gibt auch ein Spiel mit dem Ball und auch dort gehören Organisation und Kompaktheit dazu.»
Aus Mainz kam das richtige Angebot
Mainz und Fischer – das passt bis jetzt. Das kommt indes nicht völlig überraschend. Denn nach seinem Aus bei Union Berlin im November 2023 liess sich der Trainer zwei Jahre Zeit, bis das richtige Angebot auf dem Tisch lag. Er habe es genossen, viel Zeit für seine Hobbys – Fischer begann unter anderem mit Golf – zu haben, aber: «Irgendwann sagte ich mir: ‹Die Zeit ist reif.›»
«Das Ende bei Union hat mir nicht gepasst», sagt Fischer. Was er damit meint: Er habe zwar den Entscheid, die Zusammenarbeit nach fünfeinhalb, zumeist sehr erfolgreichen Jahren zu beenden, mitgetragen. Und trotzdem: «So möchte ich etwas eigentlich nicht beenden.» Deshalb war für Fischer klar, dass er sich noch einmal einer Herausforderung stellen möchte.
«Schön, hat das mit Mainz geklappt», sagt er. Das sehen die FSV-Verantwortlichen wohl auch so – Fastnachts-Gen hin oder her.