Die Uhren ticken im Fussball schneller. Zugegeben, dieser Satz dürfte den Appetit des Phrasenschweins stillen. Doch es stimmt. Und passende Beispiele zu finden, ist nicht schwer. Unterziehen Sie sich doch einmal dem folgenden Gedankenexperiment:
Sie reisen mit einer Zeitmaschine sieben Monate zurück und erzählen einer mit dem Schweizer Fussball vertrauten Person: Wenn Thun das nächste Mal bei den Young Boys im Wankdorf gastiert, dann als Favorit, mit kaltgestelltem Meistersekt. Wie würden die Reaktionen wohl aussehen? Ungläubigkeit? Mitleid? Die Aufforderung, sich professionelle Hilfe zu holen?
Doch nun, zurück in der Gegenwart ist es Fakt: Die Thuner eilen mit grossen Schritten in Richtung grösster Sensation in der Geschichte des Schweizer Klubfussballs. 14 Punkte und mehr Rückstand bei noch zehn ausstehenden Partien dürften von den wankelmütigen Konkurrenten kaum mehr wettzumachen sein.
Als Lauper gegen YB traf und Benito mit Bürki verteidigte
Nachdem die Berner Oberländer ihre unfassbare Siegesserie nach 10 Vollerfolgen beim 2:2 gegen St. Gallen in letzter Sekunde platzen sehen mussten, heisst die nächste Aufgabe YB. Im Wankdorf geht es für den FCT nicht nur um den nächsten Schritt zum Meisterpokal, sondern auch um das Ende einer dunklen Serie. Seit August 2018 oder sechs Spielen konnte Thun nicht mehr beim «grossen Bruder» punkten.
Bei Thuns 4:0 damals waren zwei aktuelle YB-Akteure mittendrin. Loris Benito verteidigte bei «Gelbschwarz» (neben dem heutigen Thun-Captain Marco Bürki), Sandro Lauper traf für die Thuner gegen YB zum 1:0. Seither setzte es für den Aufsteiger nur noch Pleiten im Wankdorf ab, stets kassierte man drei Gegentore oder mehr.
Man darf damit rechnen, dass es am Sonntagnachmittag zumindest enger wird. Bei den Young Boys fand zuletzt immerhin ein Stabilisierungseffekt statt. Gerade zu Hause wurde die Bilanz (primär dank dem FC Zürich und Winterthur) etwas aufpoliert. Der Einzug in die Championship Group ist fast sicher, um die Europacup-Ränge zu sehen, braucht man kein Teleskop mehr.
YB und die Stürmerfrage
Entsprechend hat man in der Bundesstadt rasch ein neues Gesprächsthema gefunden: Welcher Mittelstürmer soll's denn sein? Seit der Verpflichtung von Augsburgs Samuel Essende Mitte Februar erlaubt sich Gerardo Seoane, den Co-Leader der Super League zum Edeljoker zu degradieren: Chris Bedia hat wie Christian Fassnacht bereits 15 Mal in dieser Saison eingenetzt. Beim 4:2-Heimsieg über Thun am 7. Spieltag traf er doppelt.
Zur Stammplatzgarantie reicht das nicht, der kräftigere Essende erhält aktuell stets den Vorzug. Das kann sich indes schon bald wieder ändern. Denn Sie wissen ja: Die Uhren ticken im Fussball schneller. Fragen Sie mal bei Thun nach.