Am 26. Oktober 2025 war Andres Gerber zu Gast im «Sportpanorama». Gespielt waren zu diesem Zeitpunkt 10 Runden in der Super League. Der FC Thun belegte in der Tabelle Platz 1.
In Schweden war gerade Mjällby zur Meisterschaft gestürmt. Ein Klub aus einem Fischerdorf, der vor neun Jahren knapp den Fall in die Viertklassigkeit abwenden konnte. Auf die Frage, ob man sich auch in Thun mit dem Szenario Meistertitel auseinandersetze, sagte Präsident Gerber: «Ich würde lügen, wenn ich nein sagen würde. Es gehört dazu, dass man träumt. Ich würde das jetzt nicht gerade kategorisch ausschliessen. Man darf auch ein bisschen mutig sein.»
Ein halbes Jahr später ist es vollbracht: Thun hat die wohl sensationellste Geschichte eines Meisters geschrieben, die es im Schweizer Klubfussball je gegeben hat. In der Saison 1951/52 schaffte zwar auch GC das Kunststück, als Aufsteiger den Titel zu holen – allerdings unter komplett unterschiedlichen Voraussetzungen. Die Zürcher waren damals schon eine Grösse im nationalen Fussball.
Kein knapper Ausgang
Man habe die Siege schliesslich nicht gestohlen, meinte Gerber beim Auftritt im SRF-Studio auch noch. Dieses Muster setzte sich fort. Bereits 3 Runden vor dem Ende der Saison ist der grösste Erfolg der Klubgeschichte Tatsache.
Mit schnörkellosem, mutigem und effizientem Fussball haben die Berner Oberländer unter Baumeister Mauro Lustrinelli die Spitze erklommen. Allenfalls profitierten sie vom Unvermögen der «Grossklubs» Basel und YB. Glück nahmen sie aber keines in Anspruch.
Die Thuner Meistermacher
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Bild 1 von 10. Elmin Rastoder. Bei seinem Ausbildungsklub GC gelang ihm der Durchbruch nicht, dafür nach einem Umweg über Vaduz im Berner Oberland. Der 24-jährige Stürmer war mit 13 Treffern der beste Torschütze des FC Thun und damit massgeblich beteiligt am ersten Super-League-Titel der Klubgeschichte. Bildquelle: Freshfocus/Martin Meienberger.
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Bild 2 von 10. Leonardo Bertone. Der Denker und Lenker im Thuner Mittelfeld. Mit seinen 32 Jahren brachte Bertone die nötige Erfahrung und Reife mit, um zu verhindern, dass die Mannschaft durch die zahlreichen Höhenflüge abhebt und den Fokus verliert. Seine Standard-Stärke war für Thun zudem Gold wert. Bildquelle: Freshfocus/Urs Lindt.
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Bild 3 von 10. Ethan Meichtry. Mit seiner Schnelligkeit und Wendigkeit auf den Flügeln brachte der Schweizer U-Internationale die gegnerischen Verteidiger Mal um Mal ins Wanken. Mauro Lustrinelli schenkte ihm das Vertrauen und der 20-jährige Meichtry zahlte es seinem Trainer mit einer starken ersten Super-League-Saison zurück. Bildquelle: Freshfocus/Urs Lindt.
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Bild 4 von 10. Niklas Steffen. Vor zwei Jahren spielte der gebürtige Solothurner noch in der Promotion League bei Rapperswil-Jona, nun ist er Schweizer Meister. Der 25-jährige Steffen verpasste keine einzige Super-League-Partie und strahlte für seine Vorderleute konstant Sicherheit aus. Bildquelle: Freshfocus/Claudio de Capitani.
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Bild 5 von 10. Michael Heule. Der Ostschweizer stiess im vergangenen Sommer von Challenge-Ligist Stade-Lausanne-Ouchy zu Thun und etablierte sich auf Anhieb als linker Aussenverteidiger. Trotz seiner eher kleinen Statur (1,72 m) bewies Heule Zweikampfstärke. Mit 6 Torvorlagen wusste der 24-Jährige auch offensiv zu glänzen. Bildquelle: Freshfocus/Christian Pfander.
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Bild 6 von 10. Mattias Käit. Keiner, der gross auffällt, aber die wichtige Defensivarbeit auf dem ganzen Feld verrichtet. Der Este gewinnt fast alle seine Zweikämpfe und ist im defensiven Mittelfeld eine wichtige Stütze. Bildquelle: Freshfocus/Urs Lindt.
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Bild 7 von 10. Marco Bürki. Der Abwehrchef und Anführer des Meisterteams. Bürki bildete gemeinsam mit Jan Bamert eines der verlässlichsten Innenverteidiger-Duos der Liga. Der 32-jährige Routinier ist für Thun nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz ein wichtiger Faktor. Bildquelle: Freshfocus/Zamir Loshi.
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Bild 8 von 10. Andres Gerber. Kaum einer kennt den Klub so gut wie er. Er war Spieler und Sportchef und bekleidet seit fünf Jahren das Präsidentenamt. Während schwierigen Jahren in der Challenge League bewahrte Gerber stets die Ruhe – und wird nun dafür belohnt. Bildquelle: Freshfocus/Marc Schumacher.
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Bild 9 von 10. Mauro Lustrinelli. Gerbers Zauberlehrling und Vertrauter. Als er 2022 den Posten als Coach der U21-Nati aufgab, um zu Thun zurückzukehren, schüttelten viele den Kopf. Mit einem klaren und perfekt auf seine Spieler abgestimmten Konzept machte er die wundersame Wandlung vom Aufsteiger zum Meister möglich. Bildquelle: Freshfocus/Martin Meienberger.
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Bild 10 von 10. Dominik Albrecht. Der heutige Sportchef fing als Praktikant beim FC Thun an und arbeitete sich stetig nach oben. Sein Förderer Gerber bezeichnet ihn als «bissigen Hund». Ein Händchen beweist er immer wieder mit der Verpflichtung von jungen Talenten. Im Dezember wurde sein Vertrag bis 2029 verlängert. Ein weiterer Ausdruck von Kontinuität innerhalb des Klubs. Bildquelle: Freshfocus/Claudio de Capitani.
Stabilität und Vertrauen als Schlüssel
Spieler und Staff betonen bei jeder Gelegenheit die familiäre Atmosphäre, die im Klub vorherrscht. Sie und der Teamgeist haben das ihre zum Wunder beigetragen.
Während bei der Konkurrenz Trainer reihenweise ausgewechselt wurden, profitierte die Mannschaft von einem vertrauensvollen Umfeld und über die Jahre gewachsenen Strukturen. Spieler, die andernorts in ihrer Entwicklung stagniert hatten, blühten regelrecht auf.
Nächste Saison nimmt Thun Anlauf, zum zweiten Mal nach 2005/06 (damals als Vizemeister) in die Champions League vorzustossen. Der Weg dürfte steinig werden, steigt man doch schon in der 2. Quali-Runde ein. Wie das Kader am Ende des Sommers aussehen wird, steht ebenfalls in den Sternen.
Welche Spieler werden abgeworben?
Zwar haben praktisch alle Leistungsträger weiterlaufende Verträge. Abgänge wird es aber naturgemäss geben. Diese dürften immerhin die Klubkasse füllen. Akteure wie Topskorer Elmin Rastoder, Ethan Meichtry oder Michael Heule haben ihren Marktwert deutlich gesteigert. Bei Kastriot Imeri, der von YB ausgeliehen ist, könnte die Kaufoption gezogen werden.
Auch Trainer Lustrinelli dürfte beim einen oder anderen grösseren Klub Begehrlichkeiten wecken. Bisher war der Tessiner, der im Berner Oberland eine zweite Heimat gefunden hat, seinem FCT treu ergeben. Anzeichen, dass sich das ändern wird, gibt es momentan nicht.
Die Zukunft kommt ohnehin noch früh genug. Zunächst werden im 44'000-Seelen-Städtchen heroische Taten gefeiert – im Hier und Jetzt.