Die Schweizer Leichtathletik setzt ihre Erfolgsserie fort und etabliert sich an internationalen Titelkämpfen als feste Grösse. Allein an den letzten drei Hallen-Weltmeisterschaften gewann das Team elf Medaillen. Am vergangenen Wochenende in Torun trugen Simon Ehammer (mit Gold) im Siebenkampf, Audrey Werro (Silber) über 800 m und Angelica Moser (Bronze) im Stabhochsprung das nächste Kapitel zu dieser Entwicklung bei.
Die anhaltende Erfolgsphase wirft die Frage auf, ob es sich erst um den Beginn einer neuen Ära oder den Höhepunkt einer aussergewöhnlichen Generation handelt. Verbandspräsident Christoph Seiler widerspricht der zweiten These. Er wolle den aktuellen Stand nicht als Endpunkt verstanden wissen, sondern als Basis, um nicht zuletzt dank der herausragenden Generation an Topathletinnen und -athleten das Gesamtsystem weiter zu stärken.
«Ich glaube nicht, dass wir den Höhepunkt einer aussergewöhnlichen Generation sehen. Das würde ja bedeuten, dass es nun rückwärts geht. Unsere Aufgabe ist, diesen Erfolg nachhaltig zu konsolidieren und uns laufend weiterzuentwickeln», sagt Seiler gegenüber Keystone-SDA in Torun.
Der Berner begründet seinen Optimismus mit zwei zentralen Faktoren. Zum einen seien die aktuellen Leistungsträger jung und hätten weitere sehr gute Jahre noch vor sich. Zum anderen würden die Nachwuchs-Kader weiter anwachsen, wenn auch weniger dynamisch als zuvor. Damit bleibe die Pipeline an Talenten intakt.
Von der Pyramide zum Trichter
Das hohe internationale Niveau in der Schweizer Leichtathletik hat selbstredend zahlreiche Erfolgsfaktoren und auch noch einige Schwächen, insbesondere im Bereich von Vollzeittrainern. Aber über allem sieht Seiler einen Paradigmen-Wechsel, der schon vor seinem nunmehr zwölften Präsidialjahr eingeleitet wurde. «Von der Pyramide zum Trichter», wie er es nennt.
Uns ist es seit der Heim-EM 2014 in Zürich gelungen, das System weiter voranzutreiben und zu optimieren.
Vor 25 Jahren musste sich ein Talent in der Schweiz zunächst in der Pyramide über Verein, Regionalkader etc. hocharbeiten, bis die Förderung griff. Erst wenn die Chance bestand, es in die erste Hälfte des WM-Klassements zu schaffen, floss das Geld. Und nebenbei gab es noch einige Nachwuchsprojekte.
«Jetzt kehren wir das Ding um», erklärt Seiler. «Oben am Trichter sind unsere drei grossen Nachwuchs-Projekte, die pro Jahr über 200'000 Kinder und Jugendliche erreichen.» So habe man die Besten von Beginn an im Blickfeld und diese würden dann im Trichter weiter nach unten tröpfeln. Und unten glänzt es verdächtig oft nach Edelmetall.
Früh den Braten riechen
Wichtig sei dabei eine breite Selektion im Nachwuchsbereich. Wer jung erstmals im Nationaldress startet, kostet ein Stück Zukunft aus. Einen «Appetizer», wie Seiler es nennt: «Sie riechen den Braten.» Internationale Wettkämpfe würden als Motivation dienen und Karrieren beschleunigen. «Wir geben viel Geld aus für die Beschickung der Nachwuchs-Wettkämpfe und auch für die Trainingslager.»
Die Weichen wurden zu einer Zeit richtig gestellt, als Schweizer WM-Titel oder gar Weltrekorde undenkbar waren. «Uns ist es seit der Heim-EM 2014 in Zürich gelungen, das System weiter voranzutreiben und zu optimieren», meint er auch mit Blick auf das Budget von Swiss Athletics, das sich seit seinem Amtsantritt im Jahr 2015 mehr als verdoppelt hat.