Als Audrey Werro am Sonntagabend die Ziellinie überquerte, riss sie nicht die Arme hoch. Sie schrie nicht. Die Freiburgerin schüttelte nur den Kopf. «Diese Zeit ist crazy», sagte sie später. Es werde dauern, bis sie das verarbeitet habe.
Die 22-Jährige hatte gerade eines der grössten Rennen der jüngeren Leichtathletik-Geschichte geliefert. In 1:53,98 Minuten siegte sie in Stockholm über 800 m, pulverisierte ihren Schweizer Rekord um fast zwei Sekunden und wurde zur ersten Läuferin seit über vier Jahrzehnten, die die magische Marke von 1:54 Minuten unterbot.
Vor allem aber schlug sie jene Frau, die als Massstab über die zwei Bahnrunden gilt: Keely Hodgkinson. Es war mehr als ein Sieg. Es war das vorläufige Highlight einer Rivalität, die den 800-m-Lauf in den kommenden Jahren prägen könnte. Werro und Hodgkinson sind mit 22 resp. 24 Jahren noch jung. Beide treiben sich zu Leistungen an, die vor wenigen Monaten insbesondere für die Schweizerin noch kaum vorstellbar schienen.
Torun machte den Anfang
Bereits im März an der Hallen-WM in Torun liefen die beiden in einer eigenen Liga. Damals setzte sich die Olympiasiegerin und WM-Zweite durch. Die Schweizerin gewann Silber und sicherte sich ihren ersten Podestplatz an einem grossen Elite-Championnat. Werro verliess Polen geschlagen, aber mit einer wichtigen Erkenntnis: Sie gehört nun definitiv zu den Besten der Welt.
«Ich glaube, dass Keely in der Lage ist, den Weltrekord zu brechen», erklärte Werro Anfang Mai in Bern bei einem Medientreff. Wie sich nun zeigt, war dies keine Floskel, sondern eine ehrliche Einschätzung. Gleichzeitig fügte sie einen Satz an, der mutig klang und heute beinahe prophetisch wirkt: «Ich glaube auch, dass ich Keely schlagen kann. Niemand ist unschlagbar.»
Abseits der Bahn spricht Werro bedacht. Sobald der Startschuss fällt, zeigt sie ein anderes Gesicht. «Im Wettkampf bin ich nicht dieselbe Person wie im Alltag», sagt sie. «Inzwischen schaffe ich es, im Rennen richtig hart zu sein.» Diese Wandlung war womöglich der entscheidende Schritt auf ihrem Weg in die Weltklasse.
Uralt-Weltrekord wackelt
Seit 1983 hält die Tschechin Jarmila Kratochvilova mit 1:53,28 Minuten den Weltrekord. Jahrzehntelang wirkte diese Marke wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Generationen von Läuferinnen scheiterten daran, unter ihnen Caster Semenya. Die Bestmarke von Kratochvilova stammt aus einer Epoche, in der die Leichtathletik die Dopingproblematik nicht im Griff hatte. Der grösste Vorteil der heutigen Generation liegt vor allem in den deutlich verbesserten Laufschuhen.
Werro griff in Stockholm den Weltrekord ohne Ankündigung an. Zunächst profitierte sie von der perfekten Vorarbeit der Tempomacherin Rachel Klopfenstein. Hodgkinson lief in 1:54,33 Minuten britischen Rekord. Trotzdem reichte es nicht, weil Werro an diesem Abend noch stärker war.
Beide wissen, dass sie die jeweils andere brauchen, um noch schneller zu werden. Werro fehlen nur gerade sieben Zehntelsekunden zum Weltrekord, Hodgkinson gut eine Sekunde. Nach Stockholm stellt sich deshalb die Frage: Welche von beiden wird die Marke zuerst brechen?