Vor knapp 5 Monaten war Noe Seifert bereits einmal auf dem Weg, Schweizer Kunstturn-Geschichte zu schreiben. An der EM in Leipzig lag eine Medaille vor seiner abschliessenden Reckübung in Griffweite. Was folgte, war aber nicht das erste Schweizer Mehrkampf-Edelmetall an europäischen Titelkämpfen seit 1957, sondern eine bittere Enttäuschung.
Beim Abgang vom Reck musste Seifert mit beiden Händen auf die Matte greifen. Eine Top-Note und somit eine Medaille waren futsch, der Traum geplatzt. Keine 5 Monate später wiederholte sich für den Aargauer die Geschichte – diesmal aber mit bronzenem Ausgang. Der grandiose Abgang am Reck – diesmal gelang ihm der Dreifachsalto – trug seinen Teil dazu bei.
«Es war ein brillanter Mehrkampf an allen sechs Geräten», fasste es Roman Schweizer zusammen. Besonders beeindruckt zeigte sich der SRF-Kunstturn-Experte von ebendieser Reckübung. «Es war alles blitzblank, die Flugelemente hat er sauber gefangen und den Dreifachsalto zum sicheren Stand gebracht», so der ehemalige Spitzenturner.
Hochverdient und kaum hoch genug einzuschätzen
Seifert selbst fehlten nach seinem Bronze-Coup noch etwas die Worte. «Es ist unglaublich. Es war eine coole Erfahrung, mit der Top-Gruppe dabei zu sein und dann auch noch vorne mitzumischen», so der 26-Jährige. Er sei nun bereits mehrfach auf den historischen Wert dieser Medaille angesprochen worden. «Ich bin einfach stolz, konnte ich die Schweiz vertreten und den 3. Platz holen.»
Seiferts Medaille ist kaum hoch genug einzuschätzen. Während Schweizer vom «absoluten Nonplusultra» spricht, bezeichnete David Huser sie als «hochverdient. Es ist keine geschenkte Medaille», so der Chef Olympische Mission des Schweizerischen Turnverbandes. «Er hat aus der EM in Leipzig gelernt und es geschafft, durchzuziehen und die Nerven beim Dreifachsalto zu behalten. Das ganze Team hat einen hervorragenden Job gemacht», adelte Huser nicht nur Seifert, sondern die ganze Schweizer Equipe.
Ausrufezeichen für die Zukunft
Seiferts Medaille markiert einen vorläufigen Höhepunkt in der Entwicklung der Schweizer Kunstturner auf internationalem Parkett. Dabei streichen sowohl Huser wie auch Schweizer die Wichtigkeit von Wegbereitern wie Oliver Hegi oder Pablo Brägger heraus. «Man merkte als Schweizer Kunstturner plötzlich, dass Medaillen an Europa- und Weltmeisterschaften möglich sind», so Schweizer, der die EM-Titel von Hegi und Brägger jeweils am Reck in den Jahren 2017 und 2018 anspricht.
Das Ende der Fahnenstange scheint noch nicht erreicht. Das zeigt nicht nur Seiferts WM-Bronze, sondern auch der 10. Platz von Florian Langenegger. Auch dieser verdient eine spezielle Würdigung, nicht zuletzt, weil Langenegger erst 22 Jahre alt ist.
Zudem befinden sich die Schweizer Kunstturner erst am Anfang des olympischen Zyklus. «Die Ausgangslage ist super gut. Das ganze Schweizer Team mit Leader Noe Seifert ist ganz stark aufgestellt», frohlockt Schweizer.