Ueli Kestenholz und Gian Simmen verband keine allzu enge Freundschaft, dafür eine grosse Passion, für die sie geradezu gebrannt haben: das Snowboarden. «Unsere Wege haben sich immer wieder gekreuzt», sagt SRF-Experte Simmen. Der Bündner erinnert sich an viele Begegnungen auch über die Karriere hinaus.
«Im vergangenen Jahr waren wir beide mit unseren Kindern in Grindelwald beim Fahren.» Das letzte Zusammentreffen ergab sich «irgendwann zwischen Weihnachten und Neujahr, als wir uns beim Snowboarden zugewinkt haben».
In seinem Element ist Kestenholz am Sonntag nun 50-jährig verstorben. Am Dienstagmorgen erfuhr Simmen vom Lawinenunglück mit tödlichem Ausgang. Er ist enorm schockiert und tieftraurig.
«Wir machten grosse Augen und verstanden die Welt nicht mehr»
Vor mittlerweile knapp 28 Jahren, 4 Tage nachdem Kestenholz in Nagano mit Bronze im Riesenslalom der Schweiz die erste Snowboard-Olympiamedaille beschert hatte, eroberte Simmen in der Halfpipe Gold. Gemeinsam sind sie nach ihren Erfolgen aus dem fernen Japan zurückgekehrt und erlebten am Flughafen Zürich einen «riesigen Bahnhof». Zwei Momente haben sich Simmen für immer im Gedächtnis wie auch im Herzen festgesetzt:
- «Wir flogen zusammen nach Hause, erstmals überhaupt Business. Ich weiss noch genau, sobald die Türe der ehemaligen Swissair-Maschine aufgegangen war, standen wir schon im Blitzlichtgewitter und gingen danach Schulter an Schulter in die Ankunftshalle, die rappelvoll war. Wir hatten das Gefühl: ‹Was geht denn hier ab?›»
- «Beim grossartigen Empfang am Flughafen hat uns Beni Thurnheer zu einer Live-Sendung erwartet. Kurz davor schaute er uns tief in die Augen und meinte: ‹Jungs, jetzt keinen Seich machen und den Kaugummi aus dem Mund!›. Wir machten bloss grosse Augen, sagten kleinklaut Ja und verstanden die Welt nicht mehr.»
Er steht für die Anfänge und für Disziplin
Simmen äussert sich im SRF-Interview weiter über Kestenholz' Einfluss auf den Snowboard-Sport, seine Leidenschaft und Abenteuerlust. «Ueli hat unseren Sport salonfähig gemacht, zusammen mit Fabian Rohrer und teils auch mir.» Er habe sportlich immer Vollgas gegeben, unbeirrt von den äusseren Umständen, war stets motiviert und habe einen Boom ausgelöst.
Simmen streicht vor allem auch das Credo von Kestenholz heraus: «Das Snowboard war für ihn auch Lifestyle, hatte sehr viel Cooles. In erster Linie aber war es Sport, wobei man sich mit anderen messen kann.»
Nach der Olympiamedaille im Alpin-Snowboard stieg der Berner Oberländer auf Boardercross um und gewann in dieser Disziplin 2-mal bei den X-Games. «Das ist das Grösste, was man nebst Olympia gewinnen kann», schätzt Simmen ein.
Alte Leidenschaft, neue Perspektive
Nach der sportlichen Aktivkarriere ist sein Weg im Schnee weitergegangen mit Film- und Fotoprojekten. Gemäss Simmen hatte er auch die Gabe, seine Leidenschaft bildlich schön festhalten zu können.
Als Mensch bleibt Kestenholz seinem früheren sportlichen Weggefährten «als sonniger Typ, als extrem offen und freundlich in Erinnerung».